Die kritische Kolumne: Neue Deutsche Prosa
October 15th, 2008 at 3:29 pm (Geekhausen, Gondolas)
Es ist die Mitte der Woche und Zeit für das mittwöchentliche Update, diesmal mit dem Thema:
Neue Deutsche Prosa und wie sie die Literaturszene Deutschlands verhöhnt
Zunächst einmal, um Mißverständnisse zu vermeiden, eine kurze Erläuterung zu der Bezeichnung Neue Deutsche Prosa, oder kurz NDP. Es ist eine wörtliche Eigenkreation und bezeichnet jene Arten schriftstellerischer Ausuferungen, die in semi-intellektuellen Literaturblättchen gerne als ‚tiefgründig’ und ‚die Probleme der Mittelschicht akkurat und detailgenau offen legend’ dargestellt wird. Die Art von Büchern, die von Kritikern hochgejubelt werden und die der Durchschnittsbürger sich ins Regal stellt, oder verschenkt, um mondän zu wirken.
Julia Francks „Die Mittagsfrau” ist Neue Deutsche Prosa.
Tommy Jaud und Benjamin von Stuckrad-Barre sind Neue Deutsche Prosa.
Nahezu alle Kurzgeschichten, die aus der ersten Person Singular geschrieben sind und den ‚wahren Alltag der Unterschicht (Verzeihung: des Prekariats)’ tiefsinnig widerspiegeln indem sie auf Plot und Charakterentwicklung verzichten (denn wo findet sich das schon, im wahren Alltag?!) sind Neue Deutsche Prosa.
NDP besteht meist aus kurzen (nein: prägnanten!) Sätzen, hat innerlich leere, kaputte Protagonisten (wie das im Leben eben so ist) und ‚realistische’ wörtliche Reden (das heißt im Klartext, die Personen plappern sinnleer dahin und sagen oft „Scheiße”).
Für NDP benötigt ein Schreiberling keinen direkten Plot, genausowenig wie eine direkte Aussage-eine solche wird später, falls es das Geschriebene zu etwas bringt, von den Kritikern dazuerfunden; und falls dies unmöglich ist, so ist es trotzdem ein Werk von Brillanz, denn das wahre Leben, dessen Spiegel die NDP ja ist, hat eben keine klare Aussage. Saved by the bell.
Deswegen ist das Schreiben von NDP auch sehr leicht, was vielleicht der Grund für die momentane Überflutung des deutschen Literaturmarktes ist.
NDP findet sich auch in der Lyrik wieder, als NDL. Denn dank des morphens von NDP zu NDL kann nun jeder halbwegs geradeaus Denkende ‚Lyrik’ verfassen, indem ein banaler Satz auseinander genommen und gekonnt auf einer Seite verteilt wird; die Zeichensetzung kann dabei gerne in den Wind geschossen werden. Oft werden auch Titel und Groß-/Kleinschreibung in Selbigen geschossen, vermutlich damit die Gedichtaussage nicht eingegrenzt wird.
sonnenstreifen
auf meinem teppich
wärmen den boden
doch nicht
mich
…Allein
Solche Gedichte gewinnen PREISE!
NDP Kurzgeschichten gewinnen WETTBEWERBE!
Das ist verdammt weit weg von Goethe, Deutschland.
…
NDP… NPD… hmm