Short: Nachts sind alle Monster hungrig
December 3rd, 2008 at 9:56 am (Kurzgeschichte/short)
Mal was Neues: Statt des Mittwochsupdates gibt es zur Abwechslung mal eine Kurzgeschichte von mir! Eine, die tatsächlich mal eine Veröffentlichung gewonnen hat. Doch aufgemerkt: es ist KEINE NDP, es kann also sein, daß der Großteil der deutschen Bevölkerung damit nichts anzufangen weiß.
Im Betreff heißt es ganz mondän ‘short’ statt Kurzgeschichte, einerseits, weil ich cool genug bin Eutsch zu sprechen, hauptsächlich jedoch, weil ‘Kurzgeschichte’ ein zu langes Wort für die Kopfzeile ist.
Wörter: 807
Nachts sind alle Monster hungrig
Wenn du das Monster nicht mehr sehen kannst, steht es hinter dir.
Paul öffnet erneut die Augen. Es ist immer noch dunkel. Die Geräusche bahnen sich ungestört ihren Weg durch die Nacht und an sein Ohr. Brechen ein in sein Bewußtsein und beschwören Bilder herauf, die Schauder verursachen. Verleihen seinen Ängsten Flügel. Es hat keinen Sinn es noch länger hinaus zu zögern, also setzt er sich auf.
Und wenn es nicht hinter dir ist, dann ist es über dir.
Er blickt an die Zimmerdecke, die in Schwärze verschwindet. Es ist unmöglich zu sagen, wo die Dunkelheit endet und die Wände beginnen. Und was dazwischen lauert. Paul schlägt das Plümo zur Seite und schiebt sich an den Rand des Bettes. Unter ihm, unter knirschenden Sprungfedern, empfängt ihn Tintennebel, der lüstern Klauen verhüllt.
Wenn du, einem Geräusch folgend, auf ein kleines harmloses Tierchen stößt, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß es von einem Monster verfolgt wird, das weder noch ist.
Eine Spinne löst sich aus den Schatten und krabbelt durch den einzigen Strahl Mondlicht, der durch einen Gardinenschlitz einfällt. Von draußen kratzt ein dürrer Ast bittend an die Fensterscheibe. Ein Ton der Knochen splittern läßt. Paul ist erleichtert, daß die Vorhänge den Blick auf die gespenstisch wehenden Baumkronen verwehren.
Schließe dich nie den entbehrlichen Namenlosen an. Sie sterben zuerst.
Er läßt den Teddy auf dem Kopfkissen liegen und plumpst von der Bettkante auf den Teppich; schwankt, bleibt stehen. Um die im Mondschein verweilende Spinne macht er einen Bogen. Die Dunkelheit, bemerkt er, ist uneben. Sie hat Tiefen und Falten, schlägt Wellen, die hungrig über den Boden kriechen. Etwas streckt sich nach seinem Knöchel aus, ein Windhauch streift seine Füße. Die Nacht bleckt ihre Zähne vor Vorfreude.
Gehe nie zurück um nachzusehen ob das, was du gerade getötet hast, wirklich tot ist.
Hastig streckt er sich nach der Klinke und öffnet die Tür, huscht hinaus. Der Flur ist, falls das möglich ist, noch finsterer als sein Zimmer. Alle abgehenden Türen schlummern traumlos geschlossen. Der Parkettboden ist kalt unter seinen nackten Füßen. Vorsichtig, spähend, klettert er die Treppe ins Erdgeschoß hinunter.
Was du auch tust-gehe niemals in Wasser.
Paul hält sich gut am Geländer fest, damit ihn der draußen tobende Sturm nicht fortwehen kann. Er weiß, er kann es schaffen wenn er sich nur fest genug an die Streben klammert. Dicke Regentropfen hämmern gegen das Haus, verlangen Einlaß. Er versucht, nicht hin zu hören.
Dasselbe gilt für lange, dunkle Tunnel.
Auf der letzten Stufe stolpert er, ein plötzlicher Donnerhall zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Er rappelt sich schnell wieder auf.
Um die dunkle Küche macht er einen Bogen, die schlafende Einrichtung, besonders den schon bei Tage drohend gähnenden Herd, will er nicht wecken. Statt dessen nimmt er die Route durch das Wohnzimmer. Hier rieselt Sternenlicht verwischt durch die weinenden Fensterscheiben und illuminiert das geräumige Dunkel. Fast ist es bezaubernd durch den glitzernden Raum zu gehen. Doch ein plötzlich zuckender Blitz entblößt die Krallen der Finsternis. Harte, boshafte Schatten huschen über den Boden, fassen nach ihm. Der Teppich verschluckt gierig seine schneller werdenden Schritte.
Trage stets Reservemunition und eine zusätzliche Taschenlampe bei dir. Du wirst es brauchen.
Nachdem er das Wohnzimmer endlich durchquert hat, überbrückt Paul die letzten Zentimeter zur Badezimmertür mit einem Sprung. Er muß hüpfen, um den Lichtschalter zu erreichen und bekommt ihn erst beim dritten Anlauf zu fassen. Gleißende Helligkeit überflutet ihn, läßt ihn temporär erblinden. Der erste Fuß auf den eisigen Kacheln erfriert, beim zweiten hat Paul sich bereits daran gewöhnt. Hier, im Hellen, droht keine Gefahr mehr. Er atmet aus, macht einen weiteren Schritt. Plötzlich durchfährt ihn ein heftiger Schmerz. Etwas jagt beißend durch seinen ganzen Körper. Als würden tausend kleine Nadeln sich durch seine Fußsohle bohren.
Wenn du ein mutiertes menschliches Wesen jagst und einer deiner Truppe beginnt, sich merkwürdig zu verhalten-erschieß ihn sofort.
Er zieht entsetzt Luft ein, eine Hand grabscht nach dem lädierten Körperteil, die andere klammert sich am Waschbeckenrand fest. Tränen schießen ihm in die Augen. Aber Papa sagt, ein guter Soldat jammert nicht. Also versucht er die Pein auszuhalten. Er sieht hinab, um die Ursache seiner Schmerzen zu finden. Dort, auf den Fliesen, grinst seine He-Man Spielfigur höhnisch zu ihm auf. Der Plastikspeer in seiner Hand ist verbogen. Wütend tritt er sie fort und sie schlittert geräuschvoll unter das Waschbecken.
Wenn sich die Auslöschung der Monster als unmöglich herausstellt, verlasse die Gegend sofort und sprenge das gesamt Areal in die Luft um sicher zu gehen.
Da nun nichts mehr zwischen ihm und seiner nächtlichen Mission steht, tapst Paul zufrieden zur Toilette und klettert mühsam auf den Sitz. Er preßt feste und hört interessiert dem Plumpsen zu, das darauf folgt. Erleichtert schaukelt er mit den Beinen. Morgen wird er Papa und Mama erzählen, daß er ganz alleine aufs Klo gegangen ist.