Schnipselgeschichte: Entschuldigung

Unter der Überschrift “Schnipselgeschichten” werden sich in regelmäßigen Abständen ebensolche finden – nämlich sehr kurze Einblicke, Schnipsel eben, in eine größere Geschichte, in ein Leben, in eine Situation. Frei nach dem Motto: “je spezifischer man ist, desto allgemeiner wird die Aussage” mache ich hiermit den ‘Drabble*’ Gesellschaftsfähig.

*Drabble: (englisch) eine sehr kurze Geschichte mit einer vorgegebenen Wortanzahl von 100, 200, 300, 400 oder maximal 500 Wörtern. Bisher meines Wissens nach ausschließlich für Fanfiction benutzt.

Wörter: 300

Dialogschnipsel

Entschuldigung

„Warum muß eigentlich immer ich mich entschuldigen, Bernd?”

„Hm?”

„Na, beim Hannes. Jedesmal, wenn wir dem einen Streich spielen, bin ich derjenige, der sich für uns entschuldigt.”

„Stimmt doch gar nicht. Ich hab mich da auch schon mal entschuldigt.”

„So? Wann denn?”

„Ja, letztens… das war… grad neulich erst.”

„Letztes Mal war ich. Und das Mal davor auch.”

„Dann halt davor irgendwann. Du, Klaus, ich kann mich da grad ganz schlecht erinnern.”

„Die letzten Male hab jedenfalls immer ich zu Kreuze kriechen müssen.”

„Aber vorher ich!”

„Und deswegen, hab ich mir gedacht, bist jetzt du einmal dran.”

„Ich? Na, das geht nicht!”

„Wieso das denn?”

„Das nimmt der mir doch nie ab, der Hannes! Außerdem kannst du das viel besser, mit dem zu Kreuze kriechen, als ich. Dir glauben die Leute so was. Du hast da ein Riesentalent, Klaus!”

„Jaja, komm spar’s dir, Bernd. Du entschuldigst dich diesmal, und fertig! Du hast die Frau schließlich auch angerufen.”

„Letztendlich haben wir dem Hannes einen Gefallen getan. Der hätt sich noch umgeschaut mit der. Ich mein, eine Polizistin! Und dann noch bei der Sitte! Die sind doch da völlig verkorkst.”

„Ja, aber momentan sieht der Hannes das halt anders. So weit denkt der noch nicht. Jetzt isser erstmal sauer auf uns.”

„Und wie.”

„Wir hätten ihr vielleicht nichts von Hannes ‚finanziellen Schwierigkeiten’ erzählen sollen.”

„Das stimmt, das war blöd.”

„Nächstes Mal wissen wir’s besser.”

„Du, ich hab ne Idee.”

„Ach, tatsächlich?”

„Du entschuldigst dich für uns, und ich lad uns alle drei zum Essen ein. Was meinst?”

„Zum Essen? Wohin denn?”

„Ja, das wirst dann schon sehen.”

„Na gut. Aber das ist wirklich das letzte Mal, Klaus. Danach entschuldigst du dich!”

„Ja, klar. Ehrenwort. Da vorne isser! Geh du hin, ich hol uns was aus der Präsidiumskantine. Leihst mir mal zehn Euro?!”

Die kritische Kolumne: Alltagsrevolution

Alltagsrevolutionen

Ich sehe mich gerne als Alltagsrevoluzzerin. Das heißt nicht, daß ich mich wahllos Demonstrantengruppen anschließe, vor H&M in den Hungerstreik gehe, oder auf öffentlichen Proklamationen mit Bananenchips werfe. Auch wenn ich einsehe, daß solche Menschen gebraucht werden, und ich großen Respekt vor ihnen habe.

Doch Alltagsrevoluzzen geht ganz anders. Das kann auch jeder. Benötigt der Kleinguerilla für seine Protestaktionen Hilfsmittel wie Trillerpfeifen, faulige Nahrungsmittel, Transparente, oder die Stamina, mehrere Tage lang nackt auf einem Handtuch in der Fußgängerzone zu hungern, braucht der gemeine Alltagsrevoluzzer nichts von alledem. Er benötigt lediglich Willenskraft, und davon auch nicht sonderlich viel. Ich als Alltagsrevoluzzerin arbeite im Kleinen, fast schon im Stillen:

Wenn ich hausgroße Werbeplakate für Zahnseide, kostenfreie Girokonten, oder megasuperhammerniedrige Handyverträge sehe, ignoriere ich sie. Die Werbeflugblätter, die täglich in meinem Postkasten landen schmeiße ich unbesehen fort. Fernsehwerbung wird sofort der Ton abgedreht. Ja, manchmal lache ich heimlich über die angepriesenen Produkte-Schrägstrich-Dienstleistungen, von denen ich ja ahne, daß sie niemals auch nur annähernd das halten, was sie der Form halber und mit hanebüchenen Botschaften versprechen (und auch das nur, bis das Kleingedruckte bemerkt wird). Mit Genugtuung strafe ich die Werbeheinis mit meiner persönlichen Mißachtung. Ich mache mir nicht einmal die Mühe, mich darüber aufzuregen, ich beachte es einfach nicht.

Doch damit nicht genug. Meine Privatrevolution findet nicht nur innerlich statt. Meine Mitmenschen bekommen sie ebenfalls zu spüren. Nicht, indem ich schwingende Reden über die groben Mißstände unserer Gesellschaft halte (auch wenn dies bitter nötig ist-es gibt andere, weitaus fähigere Menschen, die so etwas mit Leidenschaft tun), sondern indem ich als leuchtendes Beispiel vorangehe: Wenn ich von einem Thema wenig Ahnung habe, dann bin ich so frei, in Gesprächsrunden einfach den Mund zu halten. Ja, so leicht geht das. Einfach mal mit der eigenen ungegorenen und vermutlich auf Halbwahrheiten basierenden Meinung hinter den Berg halten. Meine Unwissenheit für mich behalten, und bei der nächsten Gelegenheit dafür sorgen, daß daraus Wissen werden kann indem ich mich informiere.

Es gibt natürlich noch viele, nahezu unzählige, Arten auf die man privat revoluzzen kann: ein gutes Buch lesen, zum Beispiel, wenn im Fernseher nur „Das perfekte Dinner” läuft; sich selbst informieren, wenn man merkt, daß die eigene Bildung auf einem Gebiet unzureichend ist; freundlich sein zu jemand, der einen grundlos anmeckert; nachfragen, wenn man etwas nicht versteht; dem Lehrer das Recht einräumen, daß er vermutlich gute Gründe hatte, meinem Kind eine Strafaufgabe zu geben.

Die Möglichkeiten sind geradezu endlos. Und man braucht gar keine Hilfsmittel, setzt seine Gesundheit nicht aufs Spiel und wird garantiert nicht festgenommen.

Ich sehe ein, daß sich all dies einzeln und für sich genommen geradezu lächerlich anhört. Doch glauben Sie mir, wenn jeder nur ein kleines Stückchen auf diese Art und Weise den Alltag revolutioniert, wird sich etwas ändern. Und wenn es nur Ihre eigene Meinung ist.

Revoluzzen Sie mit mir!