Short: RSG-26.F
April 29th, 2009 at 7:18 am (Kurzgeschichte/short)
Dazu nur soviel: Science-Fiction – I love it! “RSG-26.F” ist veröffentlicht worden, doch das ist schon so lange her, daß ich, glaube ich, die Veröffentlichungsrechte wieder besitze…
Macht euch bereit für eine kleine Reise:
RSG-26.F
Trotz der Hitze fröstelte Yuki. Er blätterte lustlos in dem alten Geschichtsbuch herum und verfluchte zum wohl hundertstenmal an diesem Tage den Mars, seine Bewohner (allen voran Mrs Wooster, seine Geschichts- und Politiklehrerin, und Taran, den Blödmann, der ihn nicht mehr abschreiben ließ, seit er mit Johanna zusammen war), die Bibliothek, deren System er nicht verstand, und sein blödes Referat (für den Unterricht von Mrs Wooster). Aber vor allem das Referat.
Eriko Takai, Kohei Mitsuhashi und Yuka Hoshino-die stolzen Gründer unserer Welt. Jedes Baby wußte wer Takai, Mitsuhashi und Hoshino waren und jeder kannte die Geschichte, wie sie vor mehr als hundert Jahren das Umwelt-Farming-System revolutioniert hatten, so daß die Menschheit den Mars hatte besiedeln können.
Bla-bla-bla. Er könnte dieses Referat mit geschlossenen Augen fertig stellen, aber nein, er mußte Quellenangaben vorweisen und eine Literaturliste zusammenstellen! Was für eine grandiose Zeitverschwendung! Und zu allem Überfluß hatte Mrs Wooster eine Video-Nachricht an alle Eltern ausgestrahlt, damit sie ihre Kinder bei diesem Projekt unterstützen konnten. Yukis Mutter, war natürlich sofort Feuer und Flamme gewesen und hatte ihren Sohn in die große Stadt-Bibliothek geschickt. In die Bibliothek! Wenn er sich im Pool räkeln sollte bei diesen Temperaturen.
Die große Stadt-Bibliothek hatte sich früher einmal im Zentrum befunden, doch durch das expansive Wachstum von Neu-Tokyo war sie mit der Zeit an den östlichen Rand gequetscht worden. Eigentlich sah sie von außen eher harmlos und gar nicht so groß aus: Ein modern gehaltener Stahl- und Phosphatglasbau, der mehr oder weniger majestätisch an das Universitätsgelände anschließen sollte, jedoch de facto in dessen wuchtigem Prunk unterzugehen drohte. Doch was ihr außen an Größe fehlte, machte sie von innen wieder wett: Die Bibliothek war ein riesiger unterirdischer Gebäudekomplex, der sich durch die ganze Stadt erstreckte. Auf der sechsten Ebene gab es ein Shuttlesystem, um die äußeren Ausläufer miteinander zu verbinden und den Zugang zu erleichtern, in jedem Stockwerk befanden sich vollautomatische Terminals, von denen man alle elektronischen Daten sofort abrufen konnte. Die Speicherplätze waren so miteinander vernetzt, daß man von jedem Ort aus Standorte zu Interessengebieten oder ganze Datenpakete herunterladen konnte. Das System war einfach: Wer etwas brauchte, vernetzte sein Com-Pad mit einem der Terminals und lud sich die benötigten Informationen herunter. Ein Vorgang von wenigen Sekunden, allenfalls Minuten.
Nicht für Yuki.
Yuki befand sich auf einer der untersten Ebenen, die Bücher und gedruckte oder handschriftlich verfasste Schriften enthielt. In endlosen Regalreihen türmten sich angestaubte Werke, Zeitungen und Magazine. Es hatte ihm den Atem verschlagen, als er zum erstenmal aus dem Lift hier ausgestiegen war (er hatte ab der siebten Ebene alleine in der kleinen Kabine gesessen-niemand kam hierher. Es sei denn man muss ein Referat mit einer verkackten Quellenliste schreiben, dachte der Junge).
Es hatte fast eine halbe Stunde gedauert, bis er sich einigermaßen zurechtgefunden hatte und vor den Regalen der Geschichts-Sektion stand. Dann hatte er sich weiterkämpfen müssen, über jüngste Stadt-Geschichte (ein Regal, wobei jüngste den Zeitraum bis 2140 umfasste), Geschichte der Raumfahrt (fünf Regale), Menschheitsgeschichte (zwölf Regale) bis er endlich bei der terrestrischen Historie (achtundsechzig Regale!) angelangt war. Zum Glück beschränkten sich die Bücher über Wissenschaft und Forschung auf einige wenige Sektionen-das meiste war wohl doch schon in das Datenlog eingespeist worden.
Bald schon hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte: Takai, Mitsuhashi, Hoshino und die Besiedelung neuer Welten. Naja, bis jetzt waren es nur vier neue Welten und zum Zeitpunkt des Buches gerade mal eine-der Mars. Seine Heimat.
Seufzend hatte Yuki sich also an einen der wackeligen Tische gehievt und da saß er nun; vor ihm das Leben der drei bedeutendsten Menschen des 22. Jahrhunderts in kleinen schwarzen Buchstaben auf dünnem Papier aneinandergereiht. Sich selbst ablenkend sah er auf seine Armbanduhr und beschloss, sich noch zwanzig Minuten zu geben um pünktlich zum Abendessen zuhause zu sein. Er mußte wenigstens eine handvoll Stichpunkte vorweisen, wenn er seinen Eltern vorzeigen wollte, was er getan hatte, also kramte er sein Com-Pad aus der Hosentasche und tippte.
Entdecker des RSG-26.F Zusatzes, der Sauerstoff-Farmen um 320% effektiver arbeiten läßt. Verkürzte Lufttauschzeit auf Mars um 132 Jahre. Besiedelung schon im Jahr 2157 möglich, 20 Jahre nach erstem Einsetzen von RSG-26.F. Lebensdaten: Eriko Takai, geboren 14.6.2112 in Terra-Tokyo, Besuch der Keiyo-Uni, Abschluß 2130, Forschungsarbeit über Luft-Farm-Anlagen und Sauerstoffaustauschsysteme. Gestorben,
Yuki blätterte einige Seiten vor, fand jedoch das Gesuchte nicht auf Anhieb. Erst in einem Nebensatz am Ende wurde ihr Todesjahr erwähnt.
Gestorben, 2159. Kohei Mitsuhashi, geboren 9.1.2110 in Sapporo. Besuch der Keiyo-Uni in Tokyo, Abschluß 2130, Forschungsarbeitstitel unbekannt, verm. über ähnliches Thema wie Takai. Gestorben, 2159. Yuka Hoshino, geboren 28.4.2113 in Yokohama, als Hochbegabte an Keiyo-Uni, Abschluss 2130, Forschungsarbeit über Phosphate im Einsatz für Lufttauschsysteme. Gestorben, 2159.
Er mußte in vier weiteren Büchern nachschlagen, da es offenbar kein so sorgfältig recherchiertes Nachschlagewerk gab, das die Todesdaten von allen drei Forschern enthielt. Es würde ihn verwundern, wenn es ihn nicht so aufregen würde. Außerdem gab es keinerlei Hinweise darauf, an welchem Tag oder zumindest in welchem Monat sie gestorben waren. Schließlich war es doch auffällig, wenn drei verschiedene Personen im gleichen Jahr das Zeitliche segnete.
Beim Abendessen fragte er seinen Vater, der ihm gegenüber in dem luxuriösen Wohnzimmer saß. Sein Vater war zweiter Amtsleiter der Untergrund-Bahn, dem wichtigsten Transportmittel des Planeten; Seine Ehefrau die Gründerin des urbanen Häkelclubs, der sich immer größerer Beliebtheit erfreute. In diesem Augenblick bedachte sie ihren Sohn solange mit einem scharfen Blick, bis dieser sich einen elanlosen Löffel Spinat auf den Teller lud. Im Hintergrund plärrte der Fernseher die neuesten Nachrichten und schloss mit der Aussicht auf mindestens vierzehn weitere heiße Wochen ab.
„Puh, wann sind die Gründer gestorben”, wiederholte der Angesprochene und ließ seine Essstäbchen für Momente reglos über dem Reis verharren. „Ich glaube es gab damals einen Unfall in der Forschungsanlage wo sie gearbeitet haben. Aber ganz sicher bin ich nicht. Stand denn da nichts dabei?”
„Nee, eben nicht. Das war sowieso komisch, ich mußte in mehreren Büchern nachgucken, bis ich überhaupt was gefunden hatte. Wo war die denn, die Forschungsanlage?”
„Auf Okinawa, das sind die südlichsten Inseln Japans. Wenn ich mich nicht recht irre, gab es da eine ganze Insel für die Wissenschaftlichen Zentren.”
„Iß bitte dein Gemüse, Liebling und füttere es nicht dem Hund-die Feuchtigkeit läßt seine Drähte rosten.”
Nach dem Essen lud Yuki sich neuere Informationen über die Gründer auf seinen Computer, aber hier fand er keinen einzigen Byte über das Ableben der Drei. Langsam kam ihm die Sache merkwürdig vor und er malte sich aus, was es wohl mit diesem mysteriösen Jahr auf sich hatte, daß drei Menschen starben, aber nicht darüber berichtet wurde. Bestimmt, so dachte er, könnte es eine Verschwörung der Regierung sein! Ja, davon hörte man doch immer wieder-Aliens seien auf dem Mond gelandet und würden die dort lebende Bevölkerung unterwandern und die Föderation Des Geeinten Solarsystems schwieg darüber. Vielleicht waren Takai, Mitsuhashi und Hoshino selber Außerirdische gewesen! Grinsend suchte er im Internen Planeten-Datennetz nach Theorien, die dazu passten und hatte schon bald seine Aufgabe, ein Referat zu verfassen, zugunsten der Aussicht auf überaus kuriose Unterhaltung beiseite geschoben. Erst als seine Mutter zwei Stunden später ins Zimmer kam und ihn ins Bett schickte, er auf dem wandgroßen Monitor ein Datenfenster nach dem anderen löschte, fiel sein Augenmerk auf eine kleine, interessante Meldung, die sich um den mysteriösen Tod Yuka Hoshinos am 28.4.2159 rankte. Es gehörte zu einer kleineren Netzseite, die das Ende der Welt prophezeite, da immer mehr Menschen an ihrem Geburtsdatum ihren Tod fanden. Doch sosehr er auch suchte, mehr Aufschluß fand er auch dort nicht, bloß den Kommentar (sehr klein und am unteren Rand eines winzigen Extramenüs), daß der Todeszeitpunkt Yuka Hoshinos nicht weiter belegt werden könne, doch seien die Umstände ihres Ablebens sehr verwischt. Schulterzuckend rief er die Wettervorhersage des morgigen Tages auf, 42°C steigend mit dem Versprechen, daß dies mit zu erwartenden 47°C der heißeste Sommer seit Besiedelung des Mars werden würde.
Nach dem Läuten der Unterrichtsglocke am nächsten Tag konnte Yuki es gar nicht abwarten, mitsamt seinen Schulsachen zur Bibliothek zu laufen. Jetzt, da er ein genaues Datum hatte, war es sicher nicht schwierig, mithilfe alter Zeitungen von der Erde (er wußte, daß es dafür ein eigenes Archiv gab) Licht in diese ominöse Angelegenheit zu bringen. Er war sich sicher, daß ihm das einen Fleißpunkt für sein Referat einbringen würde.
Enttäuschenderweise fand er nichts Derartiges, als er in dem digitalen Zeitungsarchiv alles vom 28.4.2159 durchsuchte. Es dauerte einige weitere Minuten, ehe ihm klar wurde, daß natürlich keine Meldung vorzufinden sei, da Yuka Hoshino schließlich am selben Tag gestorben war-Nachrichten, das wußte er aus dem Geschichtsunterricht, erschienen damals erst am nächsten oder übernächsten Tag in den Medien. Und so wurde er doch noch fündig. Zwischen all den Meldungen gab es nur eine, die gleichermaßen verstörend wie interessant war: eine japanische Zeitung berichtete von drei Toten auf einer der kleinen Inseln Okinawas, die sich offenbar selber erhängt hatten. Ohne jeden Zweifel mußte es sich um Takai, Mitsuhashi und Hoshino handeln. Das war der Moment, in dem ihm klar wurde, daß wohl etwas Schreckliches passiert sein mußte damals-etwas, das nichts mit einem Unfall oder einem Mißgeschick zu tun hatte. Etwas mußte passiert sein in der Forschungsanlage auf Okinawa, etwas, das so grauenhaft war, daß drei renommierte Wissenschaftler, die den Durchbruch des Luftfarmings auf ihr Konto schreiben konnten, in den Selbstmord getrieben hatte.
Fieberhaft begann er zu suchen, alte Zeitschriften auszugraben, wissenschaftliche Veröffentlichung zu verschlingen, bis er schließlich, wenige Tage nach seiner ersten Entdeckung auf das stieß, was er nicht hatte finden wollen. Es war ein Brief, den ein Leser der Zeitschrift „Phosphor-Science and Oxygen-Farming Today” geschrieben und veröffentlicht hatte. Der Verfasser war ebenfalls Wissenschaftler und er wies auf eine grobe Instabilität von RSG-26.F hin. Der Enzym-Zusatz, so schrieb er, war schon früher von Kollegen entdeckt worden und in die Testphase gekommen. Mit den gleichen Ergebnissen, wie man jetzt veröffentlich hatte, doch bei einem Missgeschick eines Mitarbeiters, das den Zusatz mit großer Hitze in Berührung kommen ließ, stellte sich heraus, daß RSG-26.F in höchstem Maße Hitzeüberempfindlich sei. Hohe Temperaturen führten zu einem Auflösen des Phosphormantels und dazu, daß sich die so freigesetzten Phosphorteilchen mit den Enzymen verbanden und zu einem gesundheitsgefährdenden Virus mutierten, der Atemlähmungen hervorrief. Er schrieb weiterhin, daß Luft-Farmen generell überhitzungsgefährdet seien und ein Einsetzen von RSG-26.F ein enormes Sicherheitsrisiko darstellte, da das Virus durch die Luft übertragbar sei und zum sofortigen Tod der Betreffenden führe. Der Phosphor-Mantel von RSG-26.F, so sein letzter Satz, löse sich bei Außentemperaturen von über 45°C auf.
Es dauerte lange, bis die Worte sich gesetzt hatten und Yuki sich wieder traute zu atmen. Er war alleine in dem kleinen Datenraum, im Untergeschoß der Bibliothek.
Trotz der Hitze fröstelte er.