Die kritische Kolumne: König Roger. Oper Bonn.
May 17th, 2009 at 4:54 pm (Gondolas)
Für die Rubrik: Als ich gestern in die Oper ging…
Brokeback Roger
oder
Ein Ball, ein Ball, mein Königreich für einen Tennisball
Das Kreuz mit Opern, und auch mit Theaterstücken, ist natürlich, daß es nur ein Skript und keine Regieanweisungen gibt. Das mag einigen Regisseuren gewaltige Ausdrucksmöglichkeiten geben, viele stellt es jedoch vor das schier auswegslose Dilemma, ein oft sehr altes Stück modern und für den heutigen Zuschauer verständlich zu inszenieren, da man allgemein dem Irrglauben unterliegt, die Stücke hätten dies nötig. Und das geht manchmal gründlich daneben, das wissen wir alle. Wenn Darsteller plötzlich unmotiviert nackt in der Gegend herumstehen, ein neonroter Pappmachéfelsen die Vereinsamung des Protagonisten verdeutlichen soll, oder die Abwesenheit eines Bühnenbildes auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam macht, merkt man als zahlender Zuschauer schnell, daß man gerade Zeuge einer sogenannten ‚modernen’ Inszenierung wird.
So ähnlich scheint es bei der Oper „Król Roger – König Roger” gegangen zu sein. Denn obgleich die Oper für sich genommen ein heute besonders brisantes Thema, nämlich das der religiösen Unterschiede von Kulturen und was passiert, wenn diese aufeinander prallen, anschneidet, schien dies nicht auszureichen.
Kurz zur Handlung: König Roger regiert ein nüchtern-gottesfürchtiges Sizilien mit kühler Strenge und ausgeprägtem Moralverständnis. Dies funktioniert ganz gut, ihm selbst, seiner Ehefrau Roxane, seinem klerikalen Berater Edrisi und dem Volk als Solchem geht es den Umständen entsprechend gut, zumindest solange, bis vor den Toren der Stadt ein fremder Hirte auftaucht, der mit seinen romantischen Ideen und den Erzählungen eines liebenden Gottes alle durcheinanderbringt. Der Klerus reagiert verständlich und fordert die sofortige Vernichtung des Störenfriedes, und weil Roger mit der Hinrichtung zögert, sondern statt dessen den Hirten, der wohl etwas in dem strengen König berührt hat, in die Freiheit entläßt, kommt es, daß nicht nur das gemeine Fußvolk, sondern auch der Klerus den revolutionären Ideen des Fremden verfällt und mit ihm davon wandert, allen voran Rogers Angetraute. Lediglich der Berater Edrisi bleibt ihm treu, und mit diesem macht Roger sich denn auch prompt auf die Suche nach Roxane und dem Hirten. König Roger findet und verliert Roxane aufs neu, kommt dabei jedoch sich selbst nahe und geht am Ende als neuer Mann aus dem Stück hervor.
Dieser einfache, aber immerhin in der heutigen Zeit global gesehen hochbrisante Inhalt schien den Verantwortlichen der Bonner Oper jedoch anscheinend nicht tiefgründig genug. Die religiöse Überzeugung Rogers wurde als versteinert und überholt dargestellt, sein Land als triste, emotionsleere Welt. Wohingegen die angepriesene Weltanschauung des Hirten als romantisch-freizügige Massenorgie bejubelt wurde. Das Zusammentreffen der beiden Protagonisten Hirte vs. Roger eine mit unterschwelliger Erotik aufgeladene Gefühlsverwirrung des Königs. Doch auch dies war dem Regisseur wohl noch nicht auffällig genug.
Es mußte ein Sub-Plot eingeschlichen werden, in Form eines stummen (überraschenderweise allerdings nicht nackten) Jünglings, der in regelmäßigen Abständen durch die Kulisse huschte und König Rogers Gefühlswelt in Aufruhr versetzte, die eigentlich schon mit dem Hirten genügend überfordert war. Damit nicht genug: der Jüngling trug in Akt eins einen Tennisschläger, Symbolbild für irgendwelche internen Emotionen Rogers nehme ich mal an. In Akt zwei wurde per Videoleinwand (ja, da steht Videoleinwand, ich war ebenfalls überrascht) während der instrumentalen Abkapselung des Volkes von ihrem König ein Film eingespielt, in welchem nach einigem hin und her und sichtlich traumatischen Gedankengängen, Roger und der Tennisjüngling endlich Hand in Hand nebeneinander standen – beide sichtlich froh und erleichtert.
Und während Roger im dritten und letzten Akt verzweifelt nach dem Hirten, pardon: nach Roxane suchte, durch einen Ozean watete, der durch blau angepinselte Holzstühle dargestellt wurde, und laut vor sich hin überlegte, wo wohl der Hirte geblieben sei, tauchte plötzlich der Tennisschläger wieder auf. Wie eine lang gesuchte Trophäe riß Roger das Accessoire an sich, geriet in ekstatische Freudentaumel und traf endlich seinen Jüngling auf der Empore. Das Volk tauchte nicht wieder auf, was genau mit Roxane passiert ist bleibt unklar, der Hirte verschwand nach einem mehr als fragwürdigen Auftritt, bei dem er an einem Seil von der Decke herabgelassen wurde, aber Roger begrüßte glückselig den Sonnenaufgang und schmachtete seinen Jüngling an, nun endlich fähig, seine Liebe für ihn zu erkennen. Król Rogers Pilgerwanderung zu innerem Frieden und einem neuen Gottesverständnis war zu einer rein emotionalen Reise im Sinne von „Der Tod in Venedig” degradiert worden, an deren Ende König und Jüngling sich klopfenden Herzens einander näherten. Da muß doch gratuliert werden, wenn so scharf an der ursprünglichen Aussage vorbei inszeniert wird!
Gerechterweise will ich hier nicht unerwähnt lassen, daß gewisse homoerotische Untertöne ohnehin das Libretto durchziehen, es war also kein völliger Schuß ins Blaue, den Hirten als Schlüssel zur sexuellen Befreiung Rogers hinzustellen. Daß Karol Szymanowski wohl selbst homosexuell war, gibt der Inszenierung eine gewisse Legitimation. Leider macht das das Bühnenbild auch nicht besser.
Es muß an dieser Stelle jedoch gesagt werden, daß selbst diese mehr als experimentelle und gewollt mystifizierte Inszenierung der Oper an sich nichts anhaben kann. „Król Roger” ist eine ohnehin nur recht kurze Oper mit ihren drei Akten und knapp 90 Minuten, die inhaltlich zwar anachronistisch aktuell bleiben wird, deren Grundaussage jedoch recht vage ist – man weiß nicht so genau, ob Roger sich den Lehren des Hirten anschließt, oder lediglich zu einer Art harmonischerem Selbstverständnis kommt; der ethische Zeigefinger wird ein klein wenig erhoben, die Romantik des Hirten geht scheinbar als Sieger, die verstaubte Lebensweise Rogers als augenscheinlicher Verlierer aus diesem religiös-emotionalen Kräftemessen hervor; die Rolle des Beraters ist diffus.
Die Musik bleibt dennoch überwältigend, auch wenn der Bariton an einem roten Seil zwischen blau angepinselten Stühlen durch eine kahle Kulisse gezerrt wird. Roxanes Arie ist ein Fest für die Ohren, das kann auch ihr plötzliches Wiedererscheinen in Männerkleidung nicht verhindern. Und der Inhalt könnte nicht aktueller sein, Tennisschläger hin oder her. Es lohnt sich also, alles in allem, dieses Kleinod der polnischen Opernhistorie zu sehen, ehe es wieder in der Versenkung verschwindet!
Król Roger – König Roger (Der Hirte)
Komponist: Karol Szymanowski (1882 – 1937)
Libretto: Jaroslaw Iwaskiewicz (1894 – 1980)
Uraufführung: 19. 6. 1926 in Warschau im Teatr Wielki