So ein kleines Herz

Auf meinem Balkon steht eine Vogelbar, die meine Mutter, mein Bruder und ich in einer einzigartigen Zusammenarbeit gebastelt haben. Meine Vögel lieben sie. Es kommen täglich jede Menge Meisen, ein Kleiberpärchen, ein Dohmpfaffpärchen, eine psychisch gestörte Mönchsgrasmücke und eine Elster vorbei. Es ist meistens ziemlich viel los auf meinem Balkon.

Manchmal kommt es vor, dass die kleinen Lieblinge verpeilen, dass es auch noch ein Fenster auf dem Balkon gibt. Dann macht es zwischendurch mal *boing*, weil einer nicht rechtzeitig abdrehen konnte. Oder eine neugierige Meise setzt sich auf das Fensterbrett und hackt dagegen. Dann macht es *tacktacktack*.

Heute früh jedoch, ich saß eben am Computer und recherchierte wichtige Dinge im Internet, machte es plötzlich *PONG*. Das war kein Vogel, der die Kurve nicht rechtzeitig gekriegt hatte, das hörte sich so an, als wäre besagter Vogel volle Kanne dagegen gedonnert.

Also bin ich aufgesprungen, um zu gucken, und tatsächlich: Auf dem Boden, im Regen, lag einer meiner beiden Kleiber auf dem Rücken. Der Hals verdreht, die Beine zitternd, die Augen verwirrt.

Ich habe ihn vorsichtig aufgehoben und in meine Hand gelegt. Das arme Tier hat nichtmal gezuckt, es hat mich nur mit großen Augen angeschaut.

Da lag es also in meinen Händen und ich spürte wie das Leben aus ihm wich. Das Herz schlug langsamer, die Augen fielen nach und nach zu, der Vogel sackte immer mehr in sich zusammen, bis er fast reglos dalag. Ich hab ihn nicht bewegt oder losgelassen. Ich habe einfach gewartet.

Viele Minuten habe ich so dagehockt. Hab mich nicht getraut, mich zu bewegen, damit der Vogel sanft in den Tod schlummern kann, ohne sich auch noch zu erschrecken.

Aber dann öffneten sich plötzlich die Äuglein wieder. Ein Blinzeln. Eine Kopfbewegung. Auch das Herz konnte ich plötzlich wieder schlagen spüren.

Er hat noch eine Weile gebraucht, in der er etwas benommen ins Nichts gestarrt hat.

Irgendwann hat er sich dann auch wieder aufrappeln können. Seine Federn aufgeschüttelt. Und dann ist er fortgeflattert. In den Nachbarbaum. Da saß nämlich sein Partner und hat die ganze Zeit gewartet und gezirpt.

Mittlerweile haben sie auch schon wieder fröhlich an meiner Vogelbar gefressen.

Ich weiß immer noch nicht, was mich mehr rührt: Das kleine Herz in meiner Hand, das wieder zu schlagen begonnen hat; oder der zweite Vogel, der die ganze Zeit im Baum saß und gewartet hat.

Leaving on a Jetplane

Manchmal wache ich morgens auf und habe Heimweh nach einem Ort, an dem ich noch nie war. Oder sagt man dann dazu Fernweh? Obwohl ich glaube, Fernweh ist noch ein anderes Gefühl…
Jedenfalls träume ich dann so vor mich hin, dass ich alles hinter mir lasse und nach Großbritannien flüchte. Dort kaufe ich mir ein kleines Cottage, irgendwo im Nirgendland. An einem Loch in Schottland. Oder an der walisischen Küste. Oder an den Ausläufern des Forest of Dean. Um mich sind dann nur Felder und Wiesen und das ein oder andere Schaf. Und eine kleine, holperige Landstrasse, die ich ungefähr eine halbe Stunde fahren muss, bis ich in den nächsten Ort komme. Natürlich habe ich in meinem Cottage fließendes Wasser, Strom und Internet (immerhin ist es ein fiktionales Cottage). Ich habe auch einen großen Hund und eine handvoll Katzen (aber die gehören mir nicht wirklich, die leben nur in der Umgebung und lassen sich füttern und streicheln).
Ich schreibe Bücher in meinem Cottage, mit denen ich genügend Geld verdiene, um mir all das zu leisten. Und ein- oder zweimal in der Woche unterrichte ich die Kinder und Jugendlichen des Dorfes in Sprachgestaltung und Schauspiel. Zweimal im Jahr haben wir dann tolle Aufführungen, die in der lokalen Presse (XY-ville Gazette) flächendeckend gelobt werden. Ich liebe mein Dorf.
Manchmal bin ich dann in einer solchen Hochstimmung (oder zufällig gerade sowieso im Internet), dass ich nach einem geeigneten Ort auf Google Earth suche. Und wenn ich den gefunden habe (das dauert meistens nicht so lang), klick ich mich stundenlang durch Immobilienseiten, um ein passendes Cottage zu finden.

Die Preise dafür holen mich dann meistens ziemlich schnell zurück auf den Boden der Tatsachen.

Und wenn ich dann aus dem Fenster sehe ist es meistens schon dunkel draussen. Dann stelle ich mir einfach vor, ich sei in meinem Cottage. Dann gehe ich etwas fröhlicher schlafen als sonst…

November klopft an meine Tür

Weil ich nie aus meinen Misserfolgen lerne, versuche ich es schon wieder: