Nach Sprache sollte man sich recken können
Meine Agentin gab mir bei unserem letzten Gespräch zwei neu erschienene Bücher mit von Menschen, die auch für das Fernsehen schreiben. Ich hatte erwähnt, dass es mir gefallen würde, Drehbücher auf einer professionellen Basis zu verfassen, und sie reichte mir jene Bücher um zwei „vom Fach“ literarisch kennenzulernen.
Obwohl sowohl Umschlaggestaltung wie auch der Klappentext förmlich Neue Deutsche Prosa!! schrieen, gab ich den Büchern eine Chance und las sie. Quer. Denn die Frage die sich mir bereits nach dem fünften Satz stellte war: warum?
Nicht: Warum kaufen die Leute so einen Mist? Oder: Warum wird so was ein Bestseller?
Sondern: Warum begnügt sich jemand, für den Schreiben ein Beruf ist, mit dem Produzieren von unterdurchschnittlicher Trivialseiche?
Vielleicht ist mein Literaturverständnis einfach zu komplex. Meiner Ansicht nach sollte Literatur etwas Poetisches sein. Sie sollte in einer Sprache verfasst sein nach der der Leser sich recken darf. Eine Sprache, die nicht dem Alltagsgeschnattere entspricht, sondern die reichhaltiger, inspirierender ist.
Jeder Idiot kann ein aussageloses Buch über den Alltag in Alltagssprache verfassen, in dem in jedem dritten Satz wenigstens ein Fäkalwort vorkommt. Nur, korrigiert mich, wenn ich das falsch verstanden habe, aber das ist nicht der Sinn von Literatur.
Wo ist da der kleine Harrison Ford im Kopf des Autors, der leise aber insistierend sagt: “Das kann man sagen, aber das kann man nicht schreiben.”?*
Gleichzeitig wird gemault, die Menschen könnten nicht mehr richtig sprechen, die deutsche Sprache ginge verloren. Ja, woran liegt das denn wohl, hm? Daran, dass ein überdimensionaler Teil der deutschen Bücher ausschließlich in einer Sprache verfasst sind, die selbst Menschen die ihre Kinder Cindy-Anneliese und Maikel-Pascal nennen intellektuell nicht überfordert. Der kleinste gemeinsame Nenner, der dümmste vorstellbare Leser, wird als Messbecher genommen. Dass dabei die wahre Literatur auf der Strecke bleibt, wird vielleicht noch von dem ein oder anderen Autoren wahrgenommen, aber dagegen unternommen wird eigentlich nichts.
Dabei ist das Schönste am Schreiben doch, schöne Wörter für die Geschichte zu finden, schöne Sätze zu konstruieren. Es sollte doch das größte anzustrebende Ziel jedes Autors sein, dass ein Leser innehält und einen Satz erneut liest, vielleicht sogar laut, weil die Worte so schön von den Lippen perlen. Es sollte doch ein nie schal werdendes Kompliment für jeden Autor sein, wenn der Leser ein Wort wieder oder gar neu entdeckt. Ein Wort, dass er oder sie vielleicht anschließend durch Benutzung in Umlauf bringt.
Vielleicht sollte jeder anstrebende Autor, egal wie etabliert er in einer anderen Branche sei, vor Verfassen eines Buches (oder einer Kurzgeschichte, oder eines Gedichtes…) dazu gezwungen werden, Novalis, Goethe, Karl May, Schiller, Puschkin und Shakespeare als Minimalanforderung zu lesen. Denn wenn schon die wenigsten deutschen Bücher noch eine tatsächliche Geschichte erzählen, dann sollte der dargestellte Alltag doch wenigstens eine besondere Form bekommen, die ihn lesenswert macht.
Sicher, es gibt heutzutage kaum noch jemanden vom Kaliber der alten Schule – ich selbst bin auch kein neuer von Eichendorff. Aber sollte nicht dennoch nach diesen Idealen gestrebt werden?
Und wer jetzt nicht versteht, warum Karl May auf dieser kurzen Liste steht, sollte sich schleunigst einen Band zulegen und in seinen Sätzen baden. Und wer dann immer noch nicht versteht… der sollte das Schreiben unter Umständen besser ganz bleiben lassen.
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*Wer diese kleine Anspielung nicht versteht: macht nix.