Short: A Letter for Santa
December 7th, 2011 at 6:32 am (Kurzgeschichte/short)
Eine kitschige Weihnachtskurzgeschichte für Kinder aus meinem Archiv.
Weil sie englisch ist, gibt es hier nur den Link zu meinem englischsprachigen Blog:
December 7th, 2011 at 6:32 am (Kurzgeschichte/short)
Eine kitschige Weihnachtskurzgeschichte für Kinder aus meinem Archiv.
Weil sie englisch ist, gibt es hier nur den Link zu meinem englischsprachigen Blog:
June 4th, 2011 at 6:43 am (Gondolas, Kurzgeschichte/short, Theaterstück)
Das zweite Gespräch aus der Reihe “ein wichtiges Telefongespräch”.
Person: Eine junge Frau, Mitte Zwanzig
„Hej du, ich bin’s. Stör ich grad? Ach gut. Nee, ich wollt nur mal ein bißchen quatschen – nichts Neues. Oder doch, warte mal, ich hab immer noch nichts von diesen Praktikumsfutzis da gehört. Pff, weißte, die stellen sich vielleicht an. Wollen keine Teilzeitkraft einstellen, weil, Himmel hilf!, das könnte ja Geld kosten, da müsste man dann ja Gehalt zahlen und eine unterbezahlte Praktikantin kann das ja fast genausogut machen, und dann behandeln die diejenigen, die sich dann auch noch auf das Angebot bewerben, weil se nix Besseres kriegen können und sich denken, besser ein Praktikum als ne verdammte Leerstelle im Lebenslauf, die behandeln die dann so von oben herab. Ja, ich hatte doch mit denen telephoniert letzte Woche Montag und da hieß es dann ja schon, dass die ausgeschriebenen ‚Chancen auf Festanstellung’ im Moment eher nicht so gut aussehen, sprich: war eh nie im Angebot sondern hat nur die Stellenausschreibung besser aussehen lassen. Gut, hätt ich jetzt ohnehin nicht gewollt, aber trotzdem, was soll denn das? Und dann meinten se, se melden sich bis zum Wochenende und, ja, jetzt ist halt Mittwoch. Ich meine, was soll denn das bitteschön?! Meinen die echt, jemand bewirbt sich auf diese Kackstelle, weil er oder sie als überqualifizierter Studienabgänger sich nichts Besseres vorstellen kann, als für umgerechnet zwei Euro fünfzig die Stunde den Empfangswauwau für irgendeine NoName Versicherungsagentur zu geben, um dann ja doch nicht übernommen zu werden? Nö, jetzt hab ich dann halt erstmal keinen Praktikumsplatz und weniger als zwei Euro fünfzig die Stunde in der Tasche. Kann ich meinen Eltern wieder nicht erzählen, dann heißt es gleich wieder, ich hätte mich doch woanders bewerben wollen, wo man auch Karrierechancen hat und wo ich dann halt gleich bleiben kann. Ja, natürlich, meine Eltern denken ja auch, ich werd jetzt irgendwo Angestellte in einer Firma und bleib dann da und das ist dann meine Lebenserfüllung. Süß, oder? Ich weiß, dass du das weißt, aber manchmal muss ich das einfach noch mal laut sagen, um mir der Komik dieser Aussage bewußt zu werden. Oder Tragik, ja, hast ja recht. Wie lange kennen die mich jetzt schon, sechsundzwanzig Jahre, und die denken, ich schalte meine Träume einfach so von jetzt auf gleich ab, bloß weil sie das gerne hätten? Machen deine auch, ich weiß, ist ja auch viel bequemer. Dann muss man sich nicht mit Sorgen Co-Abhängig machen. Wir können ja schon froh sein, dass keiner unser Väter Anwalt oder so ist und erwartet, dass wir seine Kanzlei übernehmen. Dann hätten wir ihnen schon viel früher das Herz brechen müssen. Das Ironische ist nur: Solange man an seinen Träumen nur arbeitet und noch keinen Erfolg damit hat, versuchen se, es einem auszureden; aber sobald man’s dann geschafft hat, dann kommen so Aussagen wie ‚Wir haben’s ja immer gewußt’ und dann wird man plötzlich dafür bewundert, dass man all die Jahre so hart daran gearbeitet hat und sich so verbissen daran festgeklammert. Mann, das kotzt mich manchmal echt an. Weißte, es gibt so Sätze, wenn ich die irgendwo höre oder lese, da könnt ich schon schreien. So Sachen wie ‚Und dann die Haare locker mit Haarnadeln feststecken’ oder halt ‚Denk mal darüber nach, ob es das wirklich Wert ist’. Doch! Das war genau der Satz in genau der Betonung, den ich als erstes gehört habe, als ich mit der Lufthansa-Absage kam. Die wollten gar nicht hören, dass man auch noch woanders ne Pilotenausbildung machen kann, die dann halt verdammt teuer ist, oder dass ich überlege, in die USA zu gehen, weil es dort billiger ist. Den Pilotentraum konnt ich denen nur solange verkaufen, wie er einfach, sicher und schnell zu erreichen war, mit guten Zukunftsaussichten. Pilot bei Lufthansa gleich Prima. Pilotenschein irgendwie woanders machen für teures Geld gleich Drama. Und jetzt hat meine Mama so einen Artikel gelesen von so einer Frau, die da meinte, ein Buch darüber schreiben zu müssen, dass es keine ‚Berufung’ gibt und dass man sich zufriedengeben muss, und dass es keine wirklichen Träume gibt, die es Wert sind, verwirklicht zu werden. Ich meine, hallo? Geht’s noch? Da schreibt die ein Buch drüber? Ja, ja, ist doch absurd! Ich räume ein, dass es Menschen ohne Berufung gibt und Menschen, die vielleicht wirklich keine Träume haben. Aber man kann doch nicht von sich so auf die Allgemeinheit schließen und denjenigen, die eine Leidenschaft haben, die sie verwirklichen müssen, weil sie sonst zugrunde gehen, solche Sachen entgegen schleudern; das ist ja ein Tritt in die Magengrube! Nee, das ist nur Wasser, ich mach mir nen Tee. Such ich halt weiter nach irgendner Teilzeitstelle oder Praktikum – irgendwie muss ich ja das Geld für den Schein zusammenkriegen. Ich dachte, das ist voll easy nach dem Studium, hast’n Abschluss, kriegste schnell einen guten Job, kannst sparen und dann ab Richtung Himmel wo die Sonne immer scheint. Ja, Pustekuchen. Hätt ich mal ne Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht, wie all die anderen Tränen aus meiner Klasse – die haben jetzt einen festen Job, ein gutes Gehalt und vermutlich ne schicke Wohnung und ein Haus in Aussicht. Und einen Mann und zwei Kinder und den obligatorischen Hund und in zwanzig Jahren sitzen se zuhause und halten’s nicht mehr aus, weil ihnen irgendwas fehlt, das sie aber nicht näher greifen können und ach, vielleicht doch ganz gut, dass wir das nicht gemacht haben. Jetzt hängen wir halt mal ne Weile in den Seilen und brauchen Geld von Mama und Papa, um zu überleben. Aber wenigstens arbeiten wir an unseren Träumen und das hält aufrecht. Ich weiß. Und wir schaffen das auch. Und jetzt muss ich Wasser aufgießen und in der neuen Zeitung die Bewerbungsausschreibungen durchgehen. Hauptsache, das Praktikum ist nicht total unterbezahlt; und wenn’s ganz übel kommt hält mich bei der Stange, dass ich das alles nur mache, um von hier wegzukommen. Aber das sagen wir keinem solange es noch nicht soweit ist. Die wollen einem das ja doch nur ausreden und ich hab einfach keinen Bock mehr zu diskutieren. Okay, mach ich. Mach’s gut, ja, wir telefonieren morgen wieder. Dann kannst du mir sagen, wie’s bei dir gelaufen ist. Viel Glück! Alles klar! Tschaui!“
May 7th, 2011 at 10:37 am (Gondolas, Kurzgeschichte/short, Theaterstück)
Der erste Teil aus einer Reihe, die ich “Ein wichtiges Telefongespräch” genannt habe; ob es eine Hörspiel- oder eine Theaterstückcollage werden soll, weiß ich noch nicht. Erstmal viel Spaß damit und ein SCHÖNES WOCHENENDE, PEOPLE:
Ein wichtiges Telefongespräch
Person: Eine junge Frau, Anfang zwanzig.
„Hiiiii,! Ich bin’s. Ja, das Seminar ist zu Ende für heut. Mann, hat das lang gedauert, und so öde – als wär’n wir alle nicht imstande eine Haarbürste zu benutzen, geschweige denn jemanden zu frisieren. Hairstylistin, ey, wieso wollt ich das eigentlich mal werden?! Hast ja recht. Was machst du gerade? Oooh, in der Wanne säß ich jetzt auch gerne! Stattdessen Schnee und Scheisskälte hier draußen, weil drinnen Rauchverbot ist. Du, dämmert’s bei dir auch schon? Ich hab das Gefühl hier oben auf dem Berg dämmert es irgendwie früher, ist schon echt dunkel hier. Aber ich wollt dir noch die Story vom Uwe zu Ende erzählen, ne. Wo war ich, ach ja: also, wir auf dieser beschissenen Party zu der ich ja eh nie hingehen wollte, aber wasauchimmer, Uwe mußte ja unbedingt hin, weil da sein Kumpel Metin aufgelegt hat. Ja, genau, der der aussieht wie der jüngere, türkische Bruder von George Clooney, den du am Anfang noch heiss fandest, bis er dann den Mund aufgemacht hat. Natürlich! Erzähl mir doch nichts, du fandest den voll fesch! Ja, aber in den dreißig Sekunden fandest du ihn voll fesch! Klar hat der die angehabt, der geht ohne seine Goldkettchen vermutlich nichtmal duschen. Die Mucke war auch ganz okay, halt irgendwie so’n bißchen orientalisch, aber das ist wohl grad hip in den kleinen Diskos. Und Uwe fährt ja voll auf so was ab, von wegen Mein Türkischer Blutsbruder und so, der findet ja eh alles toll, was Metin macht. Nee, das war nur so’n Ast, da bin ich grad draufgetreten, ich geh hier mal grad’n bißchen weg vom Haupteingang und Richtung Wald, muß ja nicht gleich jeder mithören. Jedenfalls, ist mir auf dieser doofen Party halt echt der Kragen geplatzt und ich wollt Schluss machen, wie wir neulich besprochen hatten, weisste?, und trink mir’n bißchen Mut an, leg mir nen coolen Anfang parat, von wegen ‚Wir passen einfach nicht zusammen, blablah’ und geh so zu ihm hin, Ey, hier ist voll Gestrüpp und so, warte mal, ich bin wo hängengeblieben. Mann, Kackbüsche, voll die Dornen in meiner Jacke, fuck! Na ja, ich also zu dem Uwe hin, ey, ich musst den noch von dieser blondierten Drogeriemarktverkäuferin abkratzen, eh der Arsch sich mal dazu herabgelassen hat in meine Richtung zu gucken! Da will ich dem voll die Meinung sagen, und was macht der blöde Penner? Macht einfach mit mir Schluss! Eh ich noch ein Wort herausbringen kann, macht die abgewedelte Arschgeige vor versammelter Mannschaft mit mir Schluss! Klar, ich hab mich total aufgeregt, und den angeschrieen und ihm natürlich die Riesenszene gemacht, und… Alter! Girlfriend! Da liegt wer! Kein Ahnung, woher soll ich das wissen? Bestimmt irgendein Penner oder ein Drogensüchtiger, von hier erkenn ich nur, dass da wer liegt. Du spinnst wohl, ich geh da doch nicht näher dran. Hallo? Hören Sie mich? Der reagiert nicht. Egal, wo war ich? Ja: ich mich halt voll aufgeregt, weil ich wollte ja eigentlich mit ihm Schlussmachen und dann macht der mit mir so was! Kannste dir das vorstellen? Ist doch zum Kotzen! Ich wette, das hatte der schon vorher alles geplant gehabt, mit seinem bescheuerten Türkenkumpel, der Metin hat nämlich noch so zufrieden gegrinst, ja, als wär ich hier die Böse gewesen und der Uwe befreit sich nur von mir und meinen schädlichen Einflüssen! Waah, ihh! Der ist tot! Nee, nicht der Metin, der Typ, der da hier so liegt. Der ist ne Leiche. Scheisse! Woher ich das weiß? Der sieht voll leichenmäßig aus, das seh ich sogar im Halbdunkel! Boah und der stinkt! Gut, dass ich mein Deo dabei hab, der kriegt jetzt erstmal ne Ladung ab, ist zwar Frauenduft, aber das kann dem ja eh egal sein. Nee, noch keine Maden, Mann, du bist echt eklig! Ja, der sieht total CSImäßig aus, halt tot. Wie in der einen Folge, wo die auf der Leichenfarm waren, erinnerst du dich? Wo Grissom einen Toten abholen mußte, der da nicht hingehört hat und da ist dieser eine noch nicht verweste Typi – so sieht der aus hier. Nee, ein Mann. Tja, das kann ich nur schätzen, vielleicht Mitte dreißig? War bestimmt mal ganz gut aussehend, wie so ne Mischung aus Prinz William und dem neuen James Bond, nur irgendwie besser und mit dunklen Haaren. Der ist ganz schlammig im Gesicht, warte mal, ich glaub ich hab Taschentücher dabei. Ja, was wenn den einer findet, dann muss der doch sauber sein! Wenigstens, damit man das Gesicht erkennt! Ich mach dem nur grad den Dreck da weg. Na, jedenfalls. Zum Kotzen, der Uwe, echt zum Kotzen. Ich hab dann erstmal geheult. Bin gleich heim und hab mich eingekuschelt und meine alte Kuschelrock CD rauf und runter gehört, bis es besser ging. Guck mal, unter dem Schlamm sieht der gar nicht mal so übel aus, echt besser als Prinz William. Verdammt, den kenn ich! Das ist der Leiter vom Einführungskurs gestern! Deswegen hab ich den nicht mehr gesehen, voll krass! Was, nein! Wenn ich die Polizei rufe, muß ich dich auflegen und dann bin ich ganz alleine hier und dann kann ja wer-weiß-was passieren, ich steh ja mitten im Wald sozusagen! Iiiih! Ich hab den angefasst! Ich hab den angefasst! Ich wollt probieren, ob die dann echt kalt und steif sind, Leichenstarre eben. Ja, total leichenstarr! Gruselig! Ekelhaft! Ja, ich hab ja versucht, dich anzurufen, aber da warst du noch unterwegs und gestern bin ich ja dann gleich früh hierher zu diesem Wochenendseminar. Nee, morgen früh ist noch was und dann sind wir alle gottseidank wieder erlöst und können heim, dann können wir das machen. Aber dem Uwe wein ich nicht noch eine Träne hinterher, da kannste Gift drauf nehmen. Erzähl mir mal, was ihr gestern noch gemacht habt, während ich hier um den rumgehe. Wart ihr noch im Kino? M-hm. Ha, das hätt ich dir gleich sagen können, Hugh Jackmann hin oder her, und wegen der einen Oben-Ohne Szene hätt ich mir den Film nicht über zwei Stunden lang angetan. Echt jetzt? Im Kino? Du Schlampe! Keine Ahnung, ey, frag mich doch nicht so blöd, ich hab den Typen hier schließlich nicht hingeschleift. Das war bestimmt Mord. Und verstehen könnt ich’s auch, das war voll der hohle Angeber, der Typ. So von wegen ‚Meine Haut ist von der spanischen Sonne so braun, nicht vom Asiröster, weil ich so voll der Jetsetter bin und Surflehrer in Santa Fe’ oder so. Ja, dann halt San Francisco, du weißt ja, was ich meine. So, ich hab aufgeraucht, ich geh jetzt schnell wieder rein. Hier draußen frier ich mir noch die Eierstöcke ab, verdammt. Nee du, bis die den finden, bin ich längst hier weg. Ich meld das doch nicht der Polizei, bist du irre? Dann halten die uns hier noch fest von wegen Befragung und so und ich will echt wieder heim, ich bin morgen mit Metin zur Haus-of-House Party verabredet. Okay, mach ich – quatsch, der kann auch total okay sein und alles andere find ich ja dann morgen raus. Und wenn’s Uwe eifersüchtig macht, ist das persönliches Pech. Klar ruf ich dich danach an. Wenn’s ganz schlimm läuft, schick ich dir zwischendurch ne SMS, dann mußt du mich erlösen kommen. Ja, ruf halt einfach an und tu so als ob du meine Mutter wärst und ich müsste voll dringend nach Hause kommen oder so. Okay. Dann bis später, ne. Bye!“
August 27th, 2009 at 6:43 pm (Kurzgeschichte/short)
Eines meiner übel vernachlässigten Projekte ist es, eine Sammlung von Leben zu verfassen. Wie einige wissen, habe ich ein Jahr lang in Japan in einem Kindergarten gearbeitet, was mich dazu inspiriert hat, eine Geschichtenanthologie zu verfassen, in der es um 30 Personen geht, basierend auf den Charakteren meiner 30 Gruppenkinder (die Nachnamen sind geändert, und JA, ich WEIß, daß die Idee nicht eben neu ist, aber vertraut mir: es gibt so Einiges, das da noch hintersteckt). Und weil ich sonst echt NIE dazu komme, fang ich jetzt einfach an mit der ersten Geschichte. Und die ist für Yûki, meinen kleinen, introvertierten Insektenliebhaber, den ich heute noch manchmal vermisse!
~Matsuda Yuuki~
In dem Terrarium neben dem Arbeitsplatz flatterte aufgeregt ein blauer Korsar. Seine Flügel bewegten sich so hektisch, daß dem Beobachter unwillkürlich der Gedanke kam, der Schmetterling lebe in der ständigen Angst abzustürzen. Er umkreiste das bunt markierte Zuckerwassertöpfchen, schien einen Moment lang zu überlegen, und setzte sich schließlich, die Flügel in Ruheposition gebracht, um den süßen Nektar zu schlürfen. Sein Revier erstreckte sich über den halben Kellerraum, umfaßte ungefähr 4 m² und reichte bis zur Zimmerdecke. Der Korsar war nicht dessen einziger Bewohner—am Boden des Geheges, liebevoll dekoriert und ausstaffiert mit Felsen, Erde, Farnen, Pflanzen und sogar einem Mandarinenbaum, tummelten sich Kellerasseln, Ameisen, Gottesanbeterinnen, Grashüpfer, Käfer und Spinnen der verschiedensten Arten. Vom einfarbigen Erdbraun bis in die schillerndsten Farbtöne. Das Leben summte und brummte hinter den Glasfenstern, so wie es in dem Labor jenseits der Scheibe vor sich hin tröpfelte, als wäre die Zeit eine Art zähfließender Honig, der sich quälend und unendlich mühsam vorwärts bewegte. Ein Computermonitor flackerte im Wettstreit mit dem flatternden Ventilator, mühevoll beschattet von einer einzelnen Glühbirne, die traurig vor sich hin brannte, in dem vagen Wissen, ein kümmerlicher Ersatz für die Sonne zu sein, deren Strahlen den fensterlosen Raum niemals erreichten. Der Teppich wies Brandlöcher auf, die der vorige Bewohner hinterlassen hatte. Die Wand war aschweiß und bis auf ein vergilbtes Poster der Weltinsektenausstellung in Tôkyô vor 6 Jahren kahl. Neben dem Computer, künstlich vom Bildschirm illuminiert, stand ein halb leergegessener Instant-Ramen Becher, dessen Tütensuppengeruch elanlos in der Luft hing.
All dies fand nie seinen Weg in Yuukis Aufmerksamkeit, der gebannt auf die Tastatur einhackte. Langsam, bedächtig, stets auf der Suche nach dem richtigen Wort und den dazu passenden Silben. Neben dem Computerbildschirm und den Nudeln stand ein zweites Terrarium, in dem sich drei unterschiedlich gefärbte Unterarten der Nephila Clavata befanden. Monatelang hatte Yuuki die Spinnen bei allem beobachtet was sie taten, jedes Detail minutiös aufgeschrieben. Skizzen angefertigt von Netzen, Körperzeichnungen, Beutekokons und Eiern. Er hatte zwei Kameras im Innern untergebracht, so groß wie Scarabäen, die bis zu zehn Bilder pro Minute machten und direkt in den Computer einspeisten. Vor einigen Monaten hatte er zweihundertsiebenundachtzig winzige Babyspinnen in ein zweites Terrarium umsiedeln müssen, und auch vor diesem Tage und Nächte ausgeharrt und beobachtet. Nun näherte er sich dem Höhepunkt seiner Dissertation—Paarungsverhalten und Eiablage. Auf den ersten Blick völlig wirr und chaotisch, wiesen zahllose beschmierte Blätter die um den Arbeitsplatz herumlagen eine Logik auf, die Yuuki sofort durchschaute, und ohne große Verzögerung in den Computer eingeben konnte. Später würde er die ausgewachsenen Nephila in das große Terrarium geben, und die Kleinen aussetzen müssen. Auch dafür hatte er schon alles vorbereitet. Er würde noch heute Nacht (oder war es bereits Nacht? Die einzige Wanduhr hatte ihren Geist mit der letzten Batterie aufgegeben, und Yuuki erschien es belanglos, sie wieder zu reparieren – sie würde doch nicht mehr die richtige Zeit angeben) das Buch abschließen, es morgen früh seinem Lektor und Verleger schicken, und dann mit den Spinnen nach Kanazawa an die Westküste fahren. Einen Atemzug lang hielt er inne, als er überlegte ob er ein Auto hatte, erinnerte sich dann aber an den einstmals weißen Volkswagen, der vor dem Labor auf dem Firmenparkplatz stand. Schon seit einigen Tagen. Er machte sich eine mentale Notiz, heute daran zu denken anstatt mit dem Zug nach Hause zu fahren.
Eine der Nephila regte sich geschmeidig und lenkte Yuuki zum wiederholten Male von seiner Schreibarbeit ab. Er lehnte sich nach links, um seine Forschungsobjekte zu bewundern. Auf diese Art und Weise hatte er schon diverse Seiten Text verloren, als er in sich selbst versunken an den Stecker des Computers gekommen war und die ungesicherten Dateien verlorengegangen waren. Aber der bärtige Mann war geduldig.
Es war bereits dunkel als er sich schließlich auf den Weg nach Hause machte und er mußte auf halber Strecke umkehren, weil er seine Schuhe vergessen hatte. Die Glühbirne war schon daran gewöhnt, niemals ausgeschaltet zu werden.
Auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner Wohnung fand er einen Rüsselkäfer, den er, daheim angekommen, in das dazugehörige Terrarium im Badezimmer setzte. Er schob eine Pizza in die Mikrowelle, die labberig schmeckte und zu kühl war als er sie aß, weil er die falschen Angaben eingetippt hatte; aber Yuuki war zu sehr mit dem Gottesanbeterinnenpärchen über dem Spülbecken beschäftigt, als daß er es wirklich bemerkte.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer bemerkte er, daß eines der Terrarien einen losen Deckel hatte. Und daß Hunderte von Marienkäfern in seinem Büro herumkrabbelten und den Rest der Wohnung erkundeten. Er schaltete das Radio ein (entgegen seinem zurückgezogenen Lebensstil mochte er die Gesellschaft anderer Leute, er wußte nur nicht, wie man sie fand), und begann, sie einen nach dem anderen wieder einzufangen. Als er die ersten fünf wieder sicher im Terrarium hatte, macht er eine stutzige Pause, in der er die kleinen Käfer beobachtete. Wie sie allein oder zu mehreren durch das Büro spazierten, wie Reisegruppen durch eine fremde Stadt. Er stellte sich vor, wie sie miteinander kommunizierten, sich ihre Erlebnisse berichteten, Schwänke und Anekdoten aus ihrem kurzen Leben zum Besten gaben. Da fühlte er sich mit einem Mal sehr allein, und nicht größer als die Käfer selber. Wenn die Menschen entflohene Marienkäfer in einem leeren Büro sind, dachte er, dann bin ich der da vorne, der dort ganz allein am Schreibtischbein hoch krabbelt, während alle anderen die Lampe begutachten. Und während er das dachte, rutschte der Käfer an dem lackierten Holz ab und fiel auf den Rücken, die kleinen Beinchen hilflos zappelnd von sich gestreckt. Während Yuuki ihn aufnahm und zum Terrarium trug, überlegte er, wann er das letzte Mal mit Freunden unterwegs war und ob er überhaupt jemals Freunde gehabt hatte. Es schien sehr lange her zu sein.
In dem Moment klopfte es an der Tür.
Es mußte noch einmal geklopft werden, ehe der zerstreute Forscher begriff, daß das Pochen von seiner Tür kam. Auch dann öffnete er nur zögernd. Nie klopfte jemand an seine Tür. Nichtmal der Postbote, der unter Arachnophobie litt und Yuukis Päckchen immer beim Hauswart abgab.
„Entschuldigen Sie die Störung“, plapperte der im Hausflur stehende junge Mann drauflos, kaum, daß die Tür einen Spalt offen war, „aber ich hab gehört, daß Sie noch wach sind – oder so; Ich bin nämlich auch noch wach.“
Yuuki starrte ihn an mit dem Blick eines Mannes, der plötzlich mit der Tatsache konfrontiert wird, daß mannsgroße Hirschkäfer vor Jahren die Regierung übernommen haben. Das entlockte dem Mann ein schüchternes Lächeln: „Entschuldigen Sie, ich bin sehr unhöflich. Ich bin Sada Shunya. Ich bin letzte Woche in die Wohnung unter Ihnen gezogen. Ich hab ein kleines Problem in meiner Wohnung, und da hab ich gehört, daß Sie noch Radio hören und dachte, daß Sie vielleicht noch wach sind.“
In einem entlegenen und selten benutzen Teil seiner Erinnerung fand Yuuki Worte, die sich auf menschliche Interaktion bezogen. Er benutzte sie bedächtig: „Guten Abend.“
„Guten Abend“, grinste Shunya, „Sie sind also wach.“
In Ermangelung einer passenden Erwiderung nickte Yuuki.
„Sie sind doch… Doktor Matsuda Yuuki, oder?“, druckste er verlegen aufgeregt, „Der Schriftsteller.“
Yuuki hatte noch nie jemanden Schriftsteller zu ihm sagen gehört, und der Klang gefiel ihm. Er nickte.
„Ich habe alle Ihre Bücher gelesen! Ich finde Sie sind eine Koryphäe der Insektenwelt! Wissen Sie, ich interessiere mich nämlich für Insekten.“
„Ah, wirklich?“ Vertrautes Terrain erweckte seine Lebensgeister. „Für Insekten?“
Shunya nickte. Yuuki dachte eine Weile nach, dann sagte er: „Was für ein Problem?“
„Ähm… eigentlich ist das nur eine Ausrede gewesen“, lächelte Sada Shunya, ohne Schwierigkeiten zu haben dem Gedankensprung zu folgen, „Ich wollte Sie nur endlich mal kennenlernen. Ich – oh!“, entfuhr es ihm und er starrte auf Yuukis Hose. Schuldbewußt sah der Professor an sich herunter.
„Ist das… ein Marienkäfer?“
„Sie sind ausgebüchst. Überall in der Wohnung. Sie spielen.“
Shunyas Mund formte ein lautloses Oh. Dann sagte er breit grinsend: „Wenn Sie mich hereinbitten, kann ich Ihnen beim Einfangen helfen.“
Yuuki bat ihn herein.
April 29th, 2009 at 7:18 am (Kurzgeschichte/short)
Dazu nur soviel: Science-Fiction – I love it! “RSG-26.F” ist veröffentlicht worden, doch das ist schon so lange her, daß ich, glaube ich, die Veröffentlichungsrechte wieder besitze…
Macht euch bereit für eine kleine Reise:
Trotz der Hitze fröstelte Yuki. Er blätterte lustlos in dem alten Geschichtsbuch herum und verfluchte zum wohl hundertstenmal an diesem Tage den Mars, seine Bewohner (allen voran Mrs Wooster, seine Geschichts- und Politiklehrerin, und Taran, den Blödmann, der ihn nicht mehr abschreiben ließ, seit er mit Johanna zusammen war), die Bibliothek, deren System er nicht verstand, und sein blödes Referat (für den Unterricht von Mrs Wooster). Aber vor allem das Referat.
Eriko Takai, Kohei Mitsuhashi und Yuka Hoshino-die stolzen Gründer unserer Welt. Jedes Baby wußte wer Takai, Mitsuhashi und Hoshino waren und jeder kannte die Geschichte, wie sie vor mehr als hundert Jahren das Umwelt-Farming-System revolutioniert hatten, so daß die Menschheit den Mars hatte besiedeln können.
Bla-bla-bla. Er könnte dieses Referat mit geschlossenen Augen fertig stellen, aber nein, er mußte Quellenangaben vorweisen und eine Literaturliste zusammenstellen! Was für eine grandiose Zeitverschwendung! Und zu allem Überfluß hatte Mrs Wooster eine Video-Nachricht an alle Eltern ausgestrahlt, damit sie ihre Kinder bei diesem Projekt unterstützen konnten. Yukis Mutter, war natürlich sofort Feuer und Flamme gewesen und hatte ihren Sohn in die große Stadt-Bibliothek geschickt. In die Bibliothek! Wenn er sich im Pool räkeln sollte bei diesen Temperaturen.
Die große Stadt-Bibliothek hatte sich früher einmal im Zentrum befunden, doch durch das expansive Wachstum von Neu-Tokyo war sie mit der Zeit an den östlichen Rand gequetscht worden. Eigentlich sah sie von außen eher harmlos und gar nicht so groß aus: Ein modern gehaltener Stahl- und Phosphatglasbau, der mehr oder weniger majestätisch an das Universitätsgelände anschließen sollte, jedoch de facto in dessen wuchtigem Prunk unterzugehen drohte. Doch was ihr außen an Größe fehlte, machte sie von innen wieder wett: Die Bibliothek war ein riesiger unterirdischer Gebäudekomplex, der sich durch die ganze Stadt erstreckte. Auf der sechsten Ebene gab es ein Shuttlesystem, um die äußeren Ausläufer miteinander zu verbinden und den Zugang zu erleichtern, in jedem Stockwerk befanden sich vollautomatische Terminals, von denen man alle elektronischen Daten sofort abrufen konnte. Die Speicherplätze waren so miteinander vernetzt, daß man von jedem Ort aus Standorte zu Interessengebieten oder ganze Datenpakete herunterladen konnte. Das System war einfach: Wer etwas brauchte, vernetzte sein Com-Pad mit einem der Terminals und lud sich die benötigten Informationen herunter. Ein Vorgang von wenigen Sekunden, allenfalls Minuten.
Nicht für Yuki.
Yuki befand sich auf einer der untersten Ebenen, die Bücher und gedruckte oder handschriftlich verfasste Schriften enthielt. In endlosen Regalreihen türmten sich angestaubte Werke, Zeitungen und Magazine. Es hatte ihm den Atem verschlagen, als er zum erstenmal aus dem Lift hier ausgestiegen war (er hatte ab der siebten Ebene alleine in der kleinen Kabine gesessen-niemand kam hierher. Es sei denn man muss ein Referat mit einer verkackten Quellenliste schreiben, dachte der Junge).
Es hatte fast eine halbe Stunde gedauert, bis er sich einigermaßen zurechtgefunden hatte und vor den Regalen der Geschichts-Sektion stand. Dann hatte er sich weiterkämpfen müssen, über jüngste Stadt-Geschichte (ein Regal, wobei jüngste den Zeitraum bis 2140 umfasste), Geschichte der Raumfahrt (fünf Regale), Menschheitsgeschichte (zwölf Regale) bis er endlich bei der terrestrischen Historie (achtundsechzig Regale!) angelangt war. Zum Glück beschränkten sich die Bücher über Wissenschaft und Forschung auf einige wenige Sektionen-das meiste war wohl doch schon in das Datenlog eingespeist worden.
Bald schon hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte: Takai, Mitsuhashi, Hoshino und die Besiedelung neuer Welten. Naja, bis jetzt waren es nur vier neue Welten und zum Zeitpunkt des Buches gerade mal eine-der Mars. Seine Heimat.
Seufzend hatte Yuki sich also an einen der wackeligen Tische gehievt und da saß er nun; vor ihm das Leben der drei bedeutendsten Menschen des 22. Jahrhunderts in kleinen schwarzen Buchstaben auf dünnem Papier aneinandergereiht. Sich selbst ablenkend sah er auf seine Armbanduhr und beschloss, sich noch zwanzig Minuten zu geben um pünktlich zum Abendessen zuhause zu sein. Er mußte wenigstens eine handvoll Stichpunkte vorweisen, wenn er seinen Eltern vorzeigen wollte, was er getan hatte, also kramte er sein Com-Pad aus der Hosentasche und tippte.
Entdecker des RSG-26.F Zusatzes, der Sauerstoff-Farmen um 320% effektiver arbeiten läßt. Verkürzte Lufttauschzeit auf Mars um 132 Jahre. Besiedelung schon im Jahr 2157 möglich, 20 Jahre nach erstem Einsetzen von RSG-26.F. Lebensdaten: Eriko Takai, geboren 14.6.2112 in Terra-Tokyo, Besuch der Keiyo-Uni, Abschluß 2130, Forschungsarbeit über Luft-Farm-Anlagen und Sauerstoffaustauschsysteme. Gestorben,
Yuki blätterte einige Seiten vor, fand jedoch das Gesuchte nicht auf Anhieb. Erst in einem Nebensatz am Ende wurde ihr Todesjahr erwähnt.
Gestorben, 2159. Kohei Mitsuhashi, geboren 9.1.2110 in Sapporo. Besuch der Keiyo-Uni in Tokyo, Abschluß 2130, Forschungsarbeitstitel unbekannt, verm. über ähnliches Thema wie Takai. Gestorben, 2159. Yuka Hoshino, geboren 28.4.2113 in Yokohama, als Hochbegabte an Keiyo-Uni, Abschluss 2130, Forschungsarbeit über Phosphate im Einsatz für Lufttauschsysteme. Gestorben, 2159.
Er mußte in vier weiteren Büchern nachschlagen, da es offenbar kein so sorgfältig recherchiertes Nachschlagewerk gab, das die Todesdaten von allen drei Forschern enthielt. Es würde ihn verwundern, wenn es ihn nicht so aufregen würde. Außerdem gab es keinerlei Hinweise darauf, an welchem Tag oder zumindest in welchem Monat sie gestorben waren. Schließlich war es doch auffällig, wenn drei verschiedene Personen im gleichen Jahr das Zeitliche segnete.
Beim Abendessen fragte er seinen Vater, der ihm gegenüber in dem luxuriösen Wohnzimmer saß. Sein Vater war zweiter Amtsleiter der Untergrund-Bahn, dem wichtigsten Transportmittel des Planeten; Seine Ehefrau die Gründerin des urbanen Häkelclubs, der sich immer größerer Beliebtheit erfreute. In diesem Augenblick bedachte sie ihren Sohn solange mit einem scharfen Blick, bis dieser sich einen elanlosen Löffel Spinat auf den Teller lud. Im Hintergrund plärrte der Fernseher die neuesten Nachrichten und schloss mit der Aussicht auf mindestens vierzehn weitere heiße Wochen ab.
„Puh, wann sind die Gründer gestorben”, wiederholte der Angesprochene und ließ seine Essstäbchen für Momente reglos über dem Reis verharren. „Ich glaube es gab damals einen Unfall in der Forschungsanlage wo sie gearbeitet haben. Aber ganz sicher bin ich nicht. Stand denn da nichts dabei?”
„Nee, eben nicht. Das war sowieso komisch, ich mußte in mehreren Büchern nachgucken, bis ich überhaupt was gefunden hatte. Wo war die denn, die Forschungsanlage?”
„Auf Okinawa, das sind die südlichsten Inseln Japans. Wenn ich mich nicht recht irre, gab es da eine ganze Insel für die Wissenschaftlichen Zentren.”
„Iß bitte dein Gemüse, Liebling und füttere es nicht dem Hund-die Feuchtigkeit läßt seine Drähte rosten.”
Nach dem Essen lud Yuki sich neuere Informationen über die Gründer auf seinen Computer, aber hier fand er keinen einzigen Byte über das Ableben der Drei. Langsam kam ihm die Sache merkwürdig vor und er malte sich aus, was es wohl mit diesem mysteriösen Jahr auf sich hatte, daß drei Menschen starben, aber nicht darüber berichtet wurde. Bestimmt, so dachte er, könnte es eine Verschwörung der Regierung sein! Ja, davon hörte man doch immer wieder-Aliens seien auf dem Mond gelandet und würden die dort lebende Bevölkerung unterwandern und die Föderation Des Geeinten Solarsystems schwieg darüber. Vielleicht waren Takai, Mitsuhashi und Hoshino selber Außerirdische gewesen! Grinsend suchte er im Internen Planeten-Datennetz nach Theorien, die dazu passten und hatte schon bald seine Aufgabe, ein Referat zu verfassen, zugunsten der Aussicht auf überaus kuriose Unterhaltung beiseite geschoben. Erst als seine Mutter zwei Stunden später ins Zimmer kam und ihn ins Bett schickte, er auf dem wandgroßen Monitor ein Datenfenster nach dem anderen löschte, fiel sein Augenmerk auf eine kleine, interessante Meldung, die sich um den mysteriösen Tod Yuka Hoshinos am 28.4.2159 rankte. Es gehörte zu einer kleineren Netzseite, die das Ende der Welt prophezeite, da immer mehr Menschen an ihrem Geburtsdatum ihren Tod fanden. Doch sosehr er auch suchte, mehr Aufschluß fand er auch dort nicht, bloß den Kommentar (sehr klein und am unteren Rand eines winzigen Extramenüs), daß der Todeszeitpunkt Yuka Hoshinos nicht weiter belegt werden könne, doch seien die Umstände ihres Ablebens sehr verwischt. Schulterzuckend rief er die Wettervorhersage des morgigen Tages auf, 42°C steigend mit dem Versprechen, daß dies mit zu erwartenden 47°C der heißeste Sommer seit Besiedelung des Mars werden würde.
Nach dem Läuten der Unterrichtsglocke am nächsten Tag konnte Yuki es gar nicht abwarten, mitsamt seinen Schulsachen zur Bibliothek zu laufen. Jetzt, da er ein genaues Datum hatte, war es sicher nicht schwierig, mithilfe alter Zeitungen von der Erde (er wußte, daß es dafür ein eigenes Archiv gab) Licht in diese ominöse Angelegenheit zu bringen. Er war sich sicher, daß ihm das einen Fleißpunkt für sein Referat einbringen würde.
Enttäuschenderweise fand er nichts Derartiges, als er in dem digitalen Zeitungsarchiv alles vom 28.4.2159 durchsuchte. Es dauerte einige weitere Minuten, ehe ihm klar wurde, daß natürlich keine Meldung vorzufinden sei, da Yuka Hoshino schließlich am selben Tag gestorben war-Nachrichten, das wußte er aus dem Geschichtsunterricht, erschienen damals erst am nächsten oder übernächsten Tag in den Medien. Und so wurde er doch noch fündig. Zwischen all den Meldungen gab es nur eine, die gleichermaßen verstörend wie interessant war: eine japanische Zeitung berichtete von drei Toten auf einer der kleinen Inseln Okinawas, die sich offenbar selber erhängt hatten. Ohne jeden Zweifel mußte es sich um Takai, Mitsuhashi und Hoshino handeln. Das war der Moment, in dem ihm klar wurde, daß wohl etwas Schreckliches passiert sein mußte damals-etwas, das nichts mit einem Unfall oder einem Mißgeschick zu tun hatte. Etwas mußte passiert sein in der Forschungsanlage auf Okinawa, etwas, das so grauenhaft war, daß drei renommierte Wissenschaftler, die den Durchbruch des Luftfarmings auf ihr Konto schreiben konnten, in den Selbstmord getrieben hatte.
Fieberhaft begann er zu suchen, alte Zeitschriften auszugraben, wissenschaftliche Veröffentlichung zu verschlingen, bis er schließlich, wenige Tage nach seiner ersten Entdeckung auf das stieß, was er nicht hatte finden wollen. Es war ein Brief, den ein Leser der Zeitschrift „Phosphor-Science and Oxygen-Farming Today” geschrieben und veröffentlicht hatte. Der Verfasser war ebenfalls Wissenschaftler und er wies auf eine grobe Instabilität von RSG-26.F hin. Der Enzym-Zusatz, so schrieb er, war schon früher von Kollegen entdeckt worden und in die Testphase gekommen. Mit den gleichen Ergebnissen, wie man jetzt veröffentlich hatte, doch bei einem Missgeschick eines Mitarbeiters, das den Zusatz mit großer Hitze in Berührung kommen ließ, stellte sich heraus, daß RSG-26.F in höchstem Maße Hitzeüberempfindlich sei. Hohe Temperaturen führten zu einem Auflösen des Phosphormantels und dazu, daß sich die so freigesetzten Phosphorteilchen mit den Enzymen verbanden und zu einem gesundheitsgefährdenden Virus mutierten, der Atemlähmungen hervorrief. Er schrieb weiterhin, daß Luft-Farmen generell überhitzungsgefährdet seien und ein Einsetzen von RSG-26.F ein enormes Sicherheitsrisiko darstellte, da das Virus durch die Luft übertragbar sei und zum sofortigen Tod der Betreffenden führe. Der Phosphor-Mantel von RSG-26.F, so sein letzter Satz, löse sich bei Außentemperaturen von über 45°C auf.
Es dauerte lange, bis die Worte sich gesetzt hatten und Yuki sich wieder traute zu atmen. Er war alleine in dem kleinen Datenraum, im Untergeschoß der Bibliothek.
Trotz der Hitze fröstelte er.
April 22nd, 2009 at 7:07 am (Kurzgeschichte/short)
Der Chatroom – unendliche Weiten des Mißverstehens und der Cyberverwirrung… Nakano Hitori hat es damals tatsächlich geschafft, einen ganzen Roman (電車男 – Densha otoko – der Mann im Zug) in einem Internetforum spielen zu lassen, bei mir hat’s zu nicht mehr als einer Kurzgeschichte gereicht, und die hat mich bereits nahezu um den Verstand gebracht.
Dennoch, Vorhang auf für eine meiner persönlichen Kurzgeschichtenfavoriten (falls man sowas darf, als Verfasser seine eigenen Geschichten favorisieren):
Seerose_217 wrote at 6:02 p.m.:
Ihr werdet’s kaum fassen, haltet euch fest: Gerade eben erfuhr ich von Iphigenie05, daß in Sektion 14b “Romantik” ein neues Gemälde erwartet wird! Es handelt sich, wie wohl zu erwarten, um eine romantische Waldlandschaft mit zwei Jünglingen. Und sogar einem Vollmond!
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Kartoffel_Mathilde wrote at 6:15 p.m.:
Wen interessiert das denn?
Gilt das Angebot von Fröhliche_Gesellschaft zum Abendessen noch?
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Denker_3000 wrote at 6:30 p.m.:
Hat jemand meinen letzten Gedanken gesehen? Mich deucht, er entsprang mir vor wenigen Stunden.
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Community Fröhliche_Gesellschaft wrote at 6:32 p.m.:
@Kartoffel_Mathilde: Komm vorbei, schönes Mädchen! Wir haben Speisen vom Bankettgelage aus der Sonderaustellung in 7a “Barocke Festivitäten” und ML_smileybear hat Karten mitgebracht!
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Iphigenie_05 wrote at 6:38 p.m.:
Ich konnte einen Blick auf die Signatur erhaschen, als das Gemälde an mir vorübergetragen wurde: CdaF-678.T
Sagt das jemandem was?
@Denker_3000: Wovon handelte dein Gedanke denn, vielleicht ist er mir zwischenzeitlich gekommen!
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traum_in_lila of the Community Farbkleckse moderner Malerei – mehr als nur Spritzer wrote at 6:42:
Ha! Das ist Caspar David Friedrichs „Zwei Männer, den Mond betrachtend”. Eine echte Bereicherung!
@Sex-Godess718: Venus, mein Engel, es tut mir leid, daß ich dich gestern Abend habe sitzen lassen wegen des Kubisten-Balls im 3. Stock. Bitte rede wieder mit mir!
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The_Real_Vincent wrote at 6:43 p.m.:
@Iphigenie_05: Wohl kaum!
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Kartoffel_Pierre wrote at 6:45 p.m.:
Es kommt überhaupt nicht in Frage, daß meine Tochter – aus respektablen Hause, jawohl respektabel! Immerhin sind wir ein Werk Van Goghs! – sich mit euch Proleten rumtreibt und dreckige Kartenspiele lernt! Nein! Nein! Und nochmals: Nein! Außerdem hat sie wohl vergessen, daß sie heute zum Sittenunterricht zu Countess_Howe muss – und die ist wenigstens eine echte Gainsborough!
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Kartoffel_Mathilde wrote at 6:52 p.m.:
@Fröhliche_Gesellschaft: Tut mir leid.
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Sex_Godess718 wrote at 6:53 p.m.:
Ich bin schwer enttäuscht! Wie konntest du nur?! Und ich hatte extra einen Platz im „Chez Kornfeld” für uns bestellt!
Und wag es ja nicht, dich bei mir zu entschuldigen! Ich habe eigenohrig die Gerüchte mitbekommen von dir und diesem… diesem Klecks in Anthrazit!
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Baby_J_6002 wrote at 6:54 p.m.:
RABÄÄÄÄÄÄHHHH!
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Maria_013 wrote at 6:56 p.m.:
Wer hat denn jetzt schon wieder das Kind geweckt?! Könnte hier vielleicht mal Ruhe einkehren im Stall?!
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traum_in_lila wrote at 6:56 p.m.:
Gerüchte, meine Liebste! Haltlose Gerüchte!
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Frau_an_Fenster wrote at 6:57 p.m.:
Ich glaube, meine Leinwand wellt sich! Ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten, nur weil Madame nicht auf ihr Gör aufpassen kann!
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Silverstar wrote at 6:58 p.m.:
Klecks? Da hört doch alles auf! Und ich bin Silber und nicht Anthrazitfarben!
Und wenn ich ein so haltloses Gerücht bin, dann bist du hiermit zum morgigen Candlelight Dinner wieder ausgeladen!
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Maria_013 wrote at 7:00 p.m.
Ha! Das muss ich mir doch nicht bieten lassen! Von einer, die den ganzen Tag nichts besseres zu tun hat, als an dem blöden Fenster zu stehen und das Tagesgeschehen zu beobachten! Ich habe wenigstens historische Relevanz!
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from here you can view the last entries of the Community Heilandsmütter helfen sich im Haushalt!
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Hoppelhäschen_316 wrote at 7:01 p.m.
Caspar David Friedrich, hm? Hatte ja noch nie etwas für diese romantisch-depressiven Maler übrig.
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Meerliebhaber wrote at 7:02 p.m.:
Wie? Also ich muß doch sehr bitten, ehrwürdiger Vierbeiner. C.D. Friedrich ist auch mein Vater.
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Frau_an_Fenster wrote at 7:02 p.m.:
Eine solche Frechheit ist mir ja noch nie ins Gesicht gesagt worden! Ich werde eine Beschwerde beim Museumsvorstand gegen Sie einreichen! Sie und ihre ganze Heiland-Baggage! Sie sorgen doch ohnehin immer nur für Aufruhr!
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Maria_013 wrote at 7:04 p.m.:
Aha, da kommt es also raus, sie verkappte Atheistin!
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Madonna_78 wrote at 7:04 p.m.:
Jetzt sind wir wohl nicht mal mehr hier erwünscht wie? Na, bravo!
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Hoppelhäschen_316 wrote at 7:05 p.m.:
Ich bitte, Sie, Pater, das werden Sie doch wohl nicht persönlich genommen haben.
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Babydoll wrote at 7:05 p.m.:
Ich gebe Frau_an_Fenster voll und ganz recht: Gesunder und erholsamer Schlaf ist das Wichtigste für Modelle wie mich, und ich denke, daß mir die gesamte Community Aktmodelle für mehr Rechte zustimmt, wenn ich sage, daß an Schlaf jawohl nicht mehr zu denken ist, seit die Abteilung 6 “Bilder des jungen Jesu” hier ins Erdgeschoß umgezogen ist!
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Meerliebhaber wrote at 7:07 p.m.
Aber nein. Auch liegt es mir fern, besonders viel auf die Meinung von Häschenzeichnungen zu geben.
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Madonna_78 wrote at 7:07 p.m.:
Als würde der Schönheitsschlaf Ihnen noch irgendwas bringen! Der Zenit Ihres Lebens ist jawohl schon seit Jahrhunderten überschritten!
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Hoppelhäschen_316 wrote at 7:09 p.m.:
Als Zeichnung und als Hase lehne ich es ab, darauf zu antworten.
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Partykubus wrote at 7:11 p.m.:
@Flecken_grrl: Hilf mir auf die Sprünge, wo findet nachher die Expressionistenparty statt?
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Josef_96 wrote at 7:11 p.m.:
Ich wandere aus, nach Alaska.
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Farn_im_Hintergrund007 wrote at 7:13 p.m.:
Ich dachte, Sie hätten Expressionistenverbot?
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Josef_87 wrote at 7:14 p.m.:
Ich kenne ein nettes kleines Museum in Anchorage…
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Partykubus wrote at 7:15 p.m.:
Nein, mein Herr. Da verwechseln Sie mich mit schwungvolles_gelb_56.
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Flecken_grrl wrote at 7:16 p.m.:
Abteilung 3b-Moderner Expressionismus bei Chagalls „Brautpaar vor dem Eiffelturm”. Wir treffen uns um kurz vor 8 und das Motto ist „Cowboy und Indianer”, um Verkleidung wird gebeten!
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schwungvolles_gelb_56 wrote at 7:16 p.m.:
Ich möchte nicht daran erinnert werden. Und die Geschichte mit dem Nudelsalat geht wirklich nicht auf mich zurück!
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Mann_im_Mond01 wrote at 7:18 p.m.:
Guten Abend, die Herrschaften. Mein Partner und ich sind eben neu dazugekommen. Wir wollten nur kurz Hallo sagen.
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Mann_im_Mond02 wrote at 7:18 p.m.:
Auch von mir.
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Kartoffel_Mathilde wrote at 7:19 p.m.:
Ich glaube ich kann stellvertretend für alle sagen, daß ihr beide hier wirklich herzlich willkommen seid! Ihr werdet schnell merken, daß in diesem Museum eine besondere Harmonie zwischen den Werken herrscht! Wir können es gar nicht erwarten, euch in unserer Mitte begrüßen zu dürfen!
December 3rd, 2008 at 9:56 am (Kurzgeschichte/short)
Mal was Neues: Statt des Mittwochsupdates gibt es zur Abwechslung mal eine Kurzgeschichte von mir! Eine, die tatsächlich mal eine Veröffentlichung gewonnen hat. Doch aufgemerkt: es ist KEINE NDP, es kann also sein, daß der Großteil der deutschen Bevölkerung damit nichts anzufangen weiß.
Im Betreff heißt es ganz mondän ‘short’ statt Kurzgeschichte, einerseits, weil ich cool genug bin Eutsch zu sprechen, hauptsächlich jedoch, weil ‘Kurzgeschichte’ ein zu langes Wort für die Kopfzeile ist.
Wörter: 807
Wenn du das Monster nicht mehr sehen kannst, steht es hinter dir.
Paul öffnet erneut die Augen. Es ist immer noch dunkel. Die Geräusche bahnen sich ungestört ihren Weg durch die Nacht und an sein Ohr. Brechen ein in sein Bewußtsein und beschwören Bilder herauf, die Schauder verursachen. Verleihen seinen Ängsten Flügel. Es hat keinen Sinn es noch länger hinaus zu zögern, also setzt er sich auf.
Und wenn es nicht hinter dir ist, dann ist es über dir.
Er blickt an die Zimmerdecke, die in Schwärze verschwindet. Es ist unmöglich zu sagen, wo die Dunkelheit endet und die Wände beginnen. Und was dazwischen lauert. Paul schlägt das Plümo zur Seite und schiebt sich an den Rand des Bettes. Unter ihm, unter knirschenden Sprungfedern, empfängt ihn Tintennebel, der lüstern Klauen verhüllt.
Wenn du, einem Geräusch folgend, auf ein kleines harmloses Tierchen stößt, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß es von einem Monster verfolgt wird, das weder noch ist.
Eine Spinne löst sich aus den Schatten und krabbelt durch den einzigen Strahl Mondlicht, der durch einen Gardinenschlitz einfällt. Von draußen kratzt ein dürrer Ast bittend an die Fensterscheibe. Ein Ton der Knochen splittern läßt. Paul ist erleichtert, daß die Vorhänge den Blick auf die gespenstisch wehenden Baumkronen verwehren.
Schließe dich nie den entbehrlichen Namenlosen an. Sie sterben zuerst.
Er läßt den Teddy auf dem Kopfkissen liegen und plumpst von der Bettkante auf den Teppich; schwankt, bleibt stehen. Um die im Mondschein verweilende Spinne macht er einen Bogen. Die Dunkelheit, bemerkt er, ist uneben. Sie hat Tiefen und Falten, schlägt Wellen, die hungrig über den Boden kriechen. Etwas streckt sich nach seinem Knöchel aus, ein Windhauch streift seine Füße. Die Nacht bleckt ihre Zähne vor Vorfreude.
Gehe nie zurück um nachzusehen ob das, was du gerade getötet hast, wirklich tot ist.
Hastig streckt er sich nach der Klinke und öffnet die Tür, huscht hinaus. Der Flur ist, falls das möglich ist, noch finsterer als sein Zimmer. Alle abgehenden Türen schlummern traumlos geschlossen. Der Parkettboden ist kalt unter seinen nackten Füßen. Vorsichtig, spähend, klettert er die Treppe ins Erdgeschoß hinunter.
Was du auch tust-gehe niemals in Wasser.
Paul hält sich gut am Geländer fest, damit ihn der draußen tobende Sturm nicht fortwehen kann. Er weiß, er kann es schaffen wenn er sich nur fest genug an die Streben klammert. Dicke Regentropfen hämmern gegen das Haus, verlangen Einlaß. Er versucht, nicht hin zu hören.
Dasselbe gilt für lange, dunkle Tunnel.
Auf der letzten Stufe stolpert er, ein plötzlicher Donnerhall zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Er rappelt sich schnell wieder auf.
Um die dunkle Küche macht er einen Bogen, die schlafende Einrichtung, besonders den schon bei Tage drohend gähnenden Herd, will er nicht wecken. Statt dessen nimmt er die Route durch das Wohnzimmer. Hier rieselt Sternenlicht verwischt durch die weinenden Fensterscheiben und illuminiert das geräumige Dunkel. Fast ist es bezaubernd durch den glitzernden Raum zu gehen. Doch ein plötzlich zuckender Blitz entblößt die Krallen der Finsternis. Harte, boshafte Schatten huschen über den Boden, fassen nach ihm. Der Teppich verschluckt gierig seine schneller werdenden Schritte.
Trage stets Reservemunition und eine zusätzliche Taschenlampe bei dir. Du wirst es brauchen.
Nachdem er das Wohnzimmer endlich durchquert hat, überbrückt Paul die letzten Zentimeter zur Badezimmertür mit einem Sprung. Er muß hüpfen, um den Lichtschalter zu erreichen und bekommt ihn erst beim dritten Anlauf zu fassen. Gleißende Helligkeit überflutet ihn, läßt ihn temporär erblinden. Der erste Fuß auf den eisigen Kacheln erfriert, beim zweiten hat Paul sich bereits daran gewöhnt. Hier, im Hellen, droht keine Gefahr mehr. Er atmet aus, macht einen weiteren Schritt. Plötzlich durchfährt ihn ein heftiger Schmerz. Etwas jagt beißend durch seinen ganzen Körper. Als würden tausend kleine Nadeln sich durch seine Fußsohle bohren.
Wenn du ein mutiertes menschliches Wesen jagst und einer deiner Truppe beginnt, sich merkwürdig zu verhalten-erschieß ihn sofort.
Er zieht entsetzt Luft ein, eine Hand grabscht nach dem lädierten Körperteil, die andere klammert sich am Waschbeckenrand fest. Tränen schießen ihm in die Augen. Aber Papa sagt, ein guter Soldat jammert nicht. Also versucht er die Pein auszuhalten. Er sieht hinab, um die Ursache seiner Schmerzen zu finden. Dort, auf den Fliesen, grinst seine He-Man Spielfigur höhnisch zu ihm auf. Der Plastikspeer in seiner Hand ist verbogen. Wütend tritt er sie fort und sie schlittert geräuschvoll unter das Waschbecken.
Wenn sich die Auslöschung der Monster als unmöglich herausstellt, verlasse die Gegend sofort und sprenge das gesamt Areal in die Luft um sicher zu gehen.
Da nun nichts mehr zwischen ihm und seiner nächtlichen Mission steht, tapst Paul zufrieden zur Toilette und klettert mühsam auf den Sitz. Er preßt feste und hört interessiert dem Plumpsen zu, das darauf folgt. Erleichtert schaukelt er mit den Beinen. Morgen wird er Papa und Mama erzählen, daß er ganz alleine aufs Klo gegangen ist.