Schnipselgeschichte: Das Ende einer Geschichte

Wörter: 200

~Das Ende einer Geschichte~

Jede Geschichte endet einmal, und diese Geschichte endet mit den Worten:

„Ich gehe nicht ohne dich zurück.“

Sie wundern sich vielleicht, daß ich Sie so mitten ins Geschehen werfe, aber es passiert nun einmal, in eben diesem Augenblick.

„Ich gehe nicht ohne dich zurück!“, sagt er also. Nein, das stimmt nicht ganz: Schreit er. Er muß schreien, damit seine Worte es durch das Heulen des Sturmes und das Prasseln der Hagelkörner schaffen. Bis zu den Knöcheln steht er im Wasser, und der Regen durchtränkt ihn. In den vom Hagel gepeitschten Pfützen spiegelt sich das Licht der Sterne in der Dunkelheit. Kaum ist auszumachen, wo der Nachthimmel beginnt, und wo die Straße aufhört. Es ist eine dieser Nächte, wo es möglich scheint, von der Erde direkt in den Himmel zu wandern. Und das hat sie vor.

„Komm!“, ruft er. Aber sie sieht schon durch ihn hindurch, als gäbe es ihn nicht mehr. Oder als gäbe es sie selbst nicht mehr.

Ich sehe bereits erste Fragezeichen in Ihren Augen. Von wem ist die Rede? Was geschieht denn dort?

Doch eine gute Geschichte benötigt viel Zeit, und wer hat die heutzutage schon? Sie etwa? Na, sehen Sie. Deswegen erzähle ich Ihnen das Ende.

Schnipselgeschichte: Ich packe meinen Koffer

Wörter: 200

~Ich packe meinen Koffer~

„Ein Koffer?“

„Es ist ein Symbol, das jeder versteht.“

„Aber er ist viel zu klein! Wie kann ich alles hineinpacken, das mein Leben ausgemacht hat?“

„Der Koffer ist genau so wie du ihn dir vorstellst.“

„Wieviel Zeit habe ich?“

„Ewigkeit hat keine Grenzen.“

„Und ich darf ihn mitnehmen?“

„Wohin?“

„In das Leben nach dem Tod. Ich dachte, da gehen wir hin?“

„Es gibt kein Leben nach dem Tod.“

„Wozu dann der Koffer?“

„Er ist nicht für dich. Er ist für mich.“

„Warum?“

„Ich sammele sie.“

„Du sammelst sie? All die Koffer? Von jedem Toten? Was machst du denn damit?“

„Manche sehe ich mir an. Manche möchten nicht, daß ich ihren Koffer öffne, das respektiere ich.“

„Sehen alle gleich aus?“

„Jeder ist ein Unikat, keiner ist den anderen ähnlich. Es gibt große und kleine, weiche und leise, laute und scheue. Nicht jeder Koffer ist wie der Mensch, der ihn gepackt hat.“

„Ich weiß nicht, was ich hinein tun soll, wenn ich ihn doch nicht mitnehmen kann!“

„Nach einer Weile wirst du es verstehen. Jeder versteht es irgendwann. Du mußt dich nicht beeilen. Ich hole dich wieder ab, wenn du fertig bist.“

„Und dann?“

„Dann wirst du vergehen. Aber der Koffer bleibt.“

Schnipselgeschichte: Verrückt

Wörter: 300

~Verrückt~

Sie sitzt ihm gegenüber, zwischen ihnen nur der Plastiktisch. Sie könnte ihn beinahe berühren, streckte sie ihre Hand aus, aber sie tut es nicht. Der Weg ist zu weit von ihr zu ihm.

Er ist ruhig, seine Augen klar, das Gesicht rasiert. Deswegen traut sie sich heute zu fragen: „Wie geht es dir?“

Er fühlt:

Die trockene Kühle der Klimaanlage; das Kratzen des Hemdes auf seiner Brust; ihre Unsicherheit; den Schmerz eines zertretenen Käfers; die Unebenheit der Tapete an der er lehnt; wie der Plastikstuhl unter ihm nachgibt; den Ärger der Mittagsaufsicht; seine Einsamkeit.

Er hört:

Den Wind vor dem Fenster leise murmeln; das Schlurfen von Füßen auf dem Linoleumboden; das Radio im Nebenzimmer; Tratsch, flüsternd von einem Ohr zum anderen gereicht; das sanfte Klacken eines Inhalators; Tabletten, die aus ihrer Packung gedrückt werden; jemand summt.

Er denkt:

Heute ist ein heißer Tag; dieser Tisch ist fast ein perfektes Rechteck; ein perfektes Rechteck kann mit der Formel X:1=1:(X-1) unendlich oft in perfekte Rechtecke geteilt werden; bald gibt es wieder Tabletten; gestern habe ich Schach gespielt; Bruns Konstante für benachbarte Primzahlen ist noch nicht voll berechnet; in der Bibel stehen die wichtigen Sachen zwischen den Worten; 2 und 2 sind immer 4.

All dies möchte er ihr sagen, weil es ganz klar ist. Doch auf dem Weg zu seiner Zunge purzeln die Gedanken durcheinander, und was herauskommt ergibt meistens keinen Sinn mehr, außer für ihn selbst. Obwohl er es immer wieder versucht. Der Weg ist zu weit von seinem Kopf nach draußen. Doch heute ist er sich sicher, daß die Worte richtig gewählt sind. Er sagt: „Ich bin wie die Luft.“

Sie lächelt zurück. Seine Worte sind bedeutungslos für sie, aber sie weiß, daß er den Sinn darin kennt und das genügt ihr. „Ja“, nickt sie, „Du bist wie die Luft.“

Schnipselgeschichte: Entschuldigung

Unter der Überschrift “Schnipselgeschichten” werden sich in regelmäßigen Abständen ebensolche finden – nämlich sehr kurze Einblicke, Schnipsel eben, in eine größere Geschichte, in ein Leben, in eine Situation. Frei nach dem Motto: “je spezifischer man ist, desto allgemeiner wird die Aussage” mache ich hiermit den ‘Drabble*’ Gesellschaftsfähig.

*Drabble: (englisch) eine sehr kurze Geschichte mit einer vorgegebenen Wortanzahl von 100, 200, 300, 400 oder maximal 500 Wörtern. Bisher meines Wissens nach ausschließlich für Fanfiction benutzt.

Wörter: 300

Dialogschnipsel

Entschuldigung

„Warum muß eigentlich immer ich mich entschuldigen, Bernd?”

„Hm?”

„Na, beim Hannes. Jedesmal, wenn wir dem einen Streich spielen, bin ich derjenige, der sich für uns entschuldigt.”

„Stimmt doch gar nicht. Ich hab mich da auch schon mal entschuldigt.”

„So? Wann denn?”

„Ja, letztens… das war… grad neulich erst.”

„Letztes Mal war ich. Und das Mal davor auch.”

„Dann halt davor irgendwann. Du, Klaus, ich kann mich da grad ganz schlecht erinnern.”

„Die letzten Male hab jedenfalls immer ich zu Kreuze kriechen müssen.”

„Aber vorher ich!”

„Und deswegen, hab ich mir gedacht, bist jetzt du einmal dran.”

„Ich? Na, das geht nicht!”

„Wieso das denn?”

„Das nimmt der mir doch nie ab, der Hannes! Außerdem kannst du das viel besser, mit dem zu Kreuze kriechen, als ich. Dir glauben die Leute so was. Du hast da ein Riesentalent, Klaus!”

„Jaja, komm spar’s dir, Bernd. Du entschuldigst dich diesmal, und fertig! Du hast die Frau schließlich auch angerufen.”

„Letztendlich haben wir dem Hannes einen Gefallen getan. Der hätt sich noch umgeschaut mit der. Ich mein, eine Polizistin! Und dann noch bei der Sitte! Die sind doch da völlig verkorkst.”

„Ja, aber momentan sieht der Hannes das halt anders. So weit denkt der noch nicht. Jetzt isser erstmal sauer auf uns.”

„Und wie.”

„Wir hätten ihr vielleicht nichts von Hannes ‚finanziellen Schwierigkeiten’ erzählen sollen.”

„Das stimmt, das war blöd.”

„Nächstes Mal wissen wir’s besser.”

„Du, ich hab ne Idee.”

„Ach, tatsächlich?”

„Du entschuldigst dich für uns, und ich lad uns alle drei zum Essen ein. Was meinst?”

„Zum Essen? Wohin denn?”

„Ja, das wirst dann schon sehen.”

„Na gut. Aber das ist wirklich das letzte Mal, Klaus. Danach entschuldigst du dich!”

„Ja, klar. Ehrenwort. Da vorne isser! Geh du hin, ich hol uns was aus der Präsidiumskantine. Leihst mir mal zehn Euro?!”