30 Leben: Matsuda Yuuki
August 27th, 2009 at 6:43 pm (Kurzgeschichte/short)
Eines meiner übel vernachlässigten Projekte ist es, eine Sammlung von Leben zu verfassen. Wie einige wissen, habe ich ein Jahr lang in Japan in einem Kindergarten gearbeitet, was mich dazu inspiriert hat, eine Geschichtenanthologie zu verfassen, in der es um 30 Personen geht, basierend auf den Charakteren meiner 30 Gruppenkinder (die Nachnamen sind geändert, und JA, ich WEIß, daß die Idee nicht eben neu ist, aber vertraut mir: es gibt so Einiges, das da noch hintersteckt). Und weil ich sonst echt NIE dazu komme, fang ich jetzt einfach an mit der ersten Geschichte. Und die ist für Yûki, meinen kleinen, introvertierten Insektenliebhaber, den ich heute noch manchmal vermisse!
~Matsuda Yuuki~
In dem Terrarium neben dem Arbeitsplatz flatterte aufgeregt ein blauer Korsar. Seine Flügel bewegten sich so hektisch, daß dem Beobachter unwillkürlich der Gedanke kam, der Schmetterling lebe in der ständigen Angst abzustürzen. Er umkreiste das bunt markierte Zuckerwassertöpfchen, schien einen Moment lang zu überlegen, und setzte sich schließlich, die Flügel in Ruheposition gebracht, um den süßen Nektar zu schlürfen. Sein Revier erstreckte sich über den halben Kellerraum, umfaßte ungefähr 4 m² und reichte bis zur Zimmerdecke. Der Korsar war nicht dessen einziger Bewohner—am Boden des Geheges, liebevoll dekoriert und ausstaffiert mit Felsen, Erde, Farnen, Pflanzen und sogar einem Mandarinenbaum, tummelten sich Kellerasseln, Ameisen, Gottesanbeterinnen, Grashüpfer, Käfer und Spinnen der verschiedensten Arten. Vom einfarbigen Erdbraun bis in die schillerndsten Farbtöne. Das Leben summte und brummte hinter den Glasfenstern, so wie es in dem Labor jenseits der Scheibe vor sich hin tröpfelte, als wäre die Zeit eine Art zähfließender Honig, der sich quälend und unendlich mühsam vorwärts bewegte. Ein Computermonitor flackerte im Wettstreit mit dem flatternden Ventilator, mühevoll beschattet von einer einzelnen Glühbirne, die traurig vor sich hin brannte, in dem vagen Wissen, ein kümmerlicher Ersatz für die Sonne zu sein, deren Strahlen den fensterlosen Raum niemals erreichten. Der Teppich wies Brandlöcher auf, die der vorige Bewohner hinterlassen hatte. Die Wand war aschweiß und bis auf ein vergilbtes Poster der Weltinsektenausstellung in Tôkyô vor 6 Jahren kahl. Neben dem Computer, künstlich vom Bildschirm illuminiert, stand ein halb leergegessener Instant-Ramen Becher, dessen Tütensuppengeruch elanlos in der Luft hing.
All dies fand nie seinen Weg in Yuukis Aufmerksamkeit, der gebannt auf die Tastatur einhackte. Langsam, bedächtig, stets auf der Suche nach dem richtigen Wort und den dazu passenden Silben. Neben dem Computerbildschirm und den Nudeln stand ein zweites Terrarium, in dem sich drei unterschiedlich gefärbte Unterarten der Nephila Clavata befanden. Monatelang hatte Yuuki die Spinnen bei allem beobachtet was sie taten, jedes Detail minutiös aufgeschrieben. Skizzen angefertigt von Netzen, Körperzeichnungen, Beutekokons und Eiern. Er hatte zwei Kameras im Innern untergebracht, so groß wie Scarabäen, die bis zu zehn Bilder pro Minute machten und direkt in den Computer einspeisten. Vor einigen Monaten hatte er zweihundertsiebenundachtzig winzige Babyspinnen in ein zweites Terrarium umsiedeln müssen, und auch vor diesem Tage und Nächte ausgeharrt und beobachtet. Nun näherte er sich dem Höhepunkt seiner Dissertation—Paarungsverhalten und Eiablage. Auf den ersten Blick völlig wirr und chaotisch, wiesen zahllose beschmierte Blätter die um den Arbeitsplatz herumlagen eine Logik auf, die Yuuki sofort durchschaute, und ohne große Verzögerung in den Computer eingeben konnte. Später würde er die ausgewachsenen Nephila in das große Terrarium geben, und die Kleinen aussetzen müssen. Auch dafür hatte er schon alles vorbereitet. Er würde noch heute Nacht (oder war es bereits Nacht? Die einzige Wanduhr hatte ihren Geist mit der letzten Batterie aufgegeben, und Yuuki erschien es belanglos, sie wieder zu reparieren – sie würde doch nicht mehr die richtige Zeit angeben) das Buch abschließen, es morgen früh seinem Lektor und Verleger schicken, und dann mit den Spinnen nach Kanazawa an die Westküste fahren. Einen Atemzug lang hielt er inne, als er überlegte ob er ein Auto hatte, erinnerte sich dann aber an den einstmals weißen Volkswagen, der vor dem Labor auf dem Firmenparkplatz stand. Schon seit einigen Tagen. Er machte sich eine mentale Notiz, heute daran zu denken anstatt mit dem Zug nach Hause zu fahren.
Eine der Nephila regte sich geschmeidig und lenkte Yuuki zum wiederholten Male von seiner Schreibarbeit ab. Er lehnte sich nach links, um seine Forschungsobjekte zu bewundern. Auf diese Art und Weise hatte er schon diverse Seiten Text verloren, als er in sich selbst versunken an den Stecker des Computers gekommen war und die ungesicherten Dateien verlorengegangen waren. Aber der bärtige Mann war geduldig.
Es war bereits dunkel als er sich schließlich auf den Weg nach Hause machte und er mußte auf halber Strecke umkehren, weil er seine Schuhe vergessen hatte. Die Glühbirne war schon daran gewöhnt, niemals ausgeschaltet zu werden.
Auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner Wohnung fand er einen Rüsselkäfer, den er, daheim angekommen, in das dazugehörige Terrarium im Badezimmer setzte. Er schob eine Pizza in die Mikrowelle, die labberig schmeckte und zu kühl war als er sie aß, weil er die falschen Angaben eingetippt hatte; aber Yuuki war zu sehr mit dem Gottesanbeterinnenpärchen über dem Spülbecken beschäftigt, als daß er es wirklich bemerkte.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer bemerkte er, daß eines der Terrarien einen losen Deckel hatte. Und daß Hunderte von Marienkäfern in seinem Büro herumkrabbelten und den Rest der Wohnung erkundeten. Er schaltete das Radio ein (entgegen seinem zurückgezogenen Lebensstil mochte er die Gesellschaft anderer Leute, er wußte nur nicht, wie man sie fand), und begann, sie einen nach dem anderen wieder einzufangen. Als er die ersten fünf wieder sicher im Terrarium hatte, macht er eine stutzige Pause, in der er die kleinen Käfer beobachtete. Wie sie allein oder zu mehreren durch das Büro spazierten, wie Reisegruppen durch eine fremde Stadt. Er stellte sich vor, wie sie miteinander kommunizierten, sich ihre Erlebnisse berichteten, Schwänke und Anekdoten aus ihrem kurzen Leben zum Besten gaben. Da fühlte er sich mit einem Mal sehr allein, und nicht größer als die Käfer selber. Wenn die Menschen entflohene Marienkäfer in einem leeren Büro sind, dachte er, dann bin ich der da vorne, der dort ganz allein am Schreibtischbein hoch krabbelt, während alle anderen die Lampe begutachten. Und während er das dachte, rutschte der Käfer an dem lackierten Holz ab und fiel auf den Rücken, die kleinen Beinchen hilflos zappelnd von sich gestreckt. Während Yuuki ihn aufnahm und zum Terrarium trug, überlegte er, wann er das letzte Mal mit Freunden unterwegs war und ob er überhaupt jemals Freunde gehabt hatte. Es schien sehr lange her zu sein.
In dem Moment klopfte es an der Tür.
Es mußte noch einmal geklopft werden, ehe der zerstreute Forscher begriff, daß das Pochen von seiner Tür kam. Auch dann öffnete er nur zögernd. Nie klopfte jemand an seine Tür. Nichtmal der Postbote, der unter Arachnophobie litt und Yuukis Päckchen immer beim Hauswart abgab.
„Entschuldigen Sie die Störung“, plapperte der im Hausflur stehende junge Mann drauflos, kaum, daß die Tür einen Spalt offen war, „aber ich hab gehört, daß Sie noch wach sind – oder so; Ich bin nämlich auch noch wach.“
Yuuki starrte ihn an mit dem Blick eines Mannes, der plötzlich mit der Tatsache konfrontiert wird, daß mannsgroße Hirschkäfer vor Jahren die Regierung übernommen haben. Das entlockte dem Mann ein schüchternes Lächeln: „Entschuldigen Sie, ich bin sehr unhöflich. Ich bin Sada Shunya. Ich bin letzte Woche in die Wohnung unter Ihnen gezogen. Ich hab ein kleines Problem in meiner Wohnung, und da hab ich gehört, daß Sie noch Radio hören und dachte, daß Sie vielleicht noch wach sind.“
In einem entlegenen und selten benutzen Teil seiner Erinnerung fand Yuuki Worte, die sich auf menschliche Interaktion bezogen. Er benutzte sie bedächtig: „Guten Abend.“
„Guten Abend“, grinste Shunya, „Sie sind also wach.“
In Ermangelung einer passenden Erwiderung nickte Yuuki.
„Sie sind doch… Doktor Matsuda Yuuki, oder?“, druckste er verlegen aufgeregt, „Der Schriftsteller.“
Yuuki hatte noch nie jemanden Schriftsteller zu ihm sagen gehört, und der Klang gefiel ihm. Er nickte.
„Ich habe alle Ihre Bücher gelesen! Ich finde Sie sind eine Koryphäe der Insektenwelt! Wissen Sie, ich interessiere mich nämlich für Insekten.“
„Ah, wirklich?“ Vertrautes Terrain erweckte seine Lebensgeister. „Für Insekten?“
Shunya nickte. Yuuki dachte eine Weile nach, dann sagte er: „Was für ein Problem?“
„Ähm… eigentlich ist das nur eine Ausrede gewesen“, lächelte Sada Shunya, ohne Schwierigkeiten zu haben dem Gedankensprung zu folgen, „Ich wollte Sie nur endlich mal kennenlernen. Ich – oh!“, entfuhr es ihm und er starrte auf Yuukis Hose. Schuldbewußt sah der Professor an sich herunter.
„Ist das… ein Marienkäfer?“
„Sie sind ausgebüchst. Überall in der Wohnung. Sie spielen.“
Shunyas Mund formte ein lautloses Oh. Dann sagte er breit grinsend: „Wenn Sie mich hereinbitten, kann ich Ihnen beim Einfangen helfen.“
Yuuki bat ihn herein.