Jakobs Bruder
oder: Deutschland, was ist los im Kino, ey?
Deutschland ist nicht Hollywood. Auch, wenn das beim Lesen irgendwie einleuchtend und sogar überflüssig zu erwähnen scheint, kann man es nicht oft genug sagen. Warum ich darauf hinweise? Weil deutsche Filme die in unsere Kinos kommen (und es sind wenig genug) generell zwei Möglichkeiten haben: sie werden als überdrehte, platte Komödie in den großen Häusern gespielt (wie zum Beispiel „Der Wixxer” oder „7 Zwerge”), oder sie verschwinden als ‚Kunstfilm’ in den Kleinkinos. Ausgenommen sind dabei Kinderfilme, die momentan so In sind, daß sie sich auch in den großen Kinos wochenlang halten; oder solche, in denen Til Schweiger mitwirkt. Und natürlich Filme über den zweiten Weltkrieg.
Der Witz dabei ist natürlich, daß die Filme um so besser laufen, wie sie auch beworben und gespielt werden, das heißt, Kinofilme, die von Anfang an ohne große Werbeaktionen ausschließlich in die Filmkunstkinos abgeschoben werden, haben überhaupt keine Chance, sich so zu bewähren, daß sie auch noch in großen Häusern laufen werden. Sie werden einfach einige wenige Wochen lang gezeigt, verschwinden dann in der Versenkung, und dann steht wieder irgendwo, daß es so wenig deutsche Filme gäbe. Bitte versteht mich jetzt nicht falsch, ich möchte Filmkunstkinos nicht herabsetzen, im Gegenteil, ich liebe sie und finde sie notwendig, aber die breite Masse frequentiert sie einfach nicht. Und wenn es darum geht, einen Kinofilm möglichst populär zu machen, sind große Kinohäuser eben fast unerläßlich.
Der Grund für diese Verbannung der Eigenproduktionen ist natürlich Hollywood und seine Blockbuster, die sich, egal wie mies Plot, Produktion und Schauspieler sind, wochenlang in den Kinocharts halten, weil sie unangebracht hochgejubelt werden. Denn sie kommen ja aus Amerika, und wenn der große Bruder uns großmütig erlaubt, sinnfreien Schrott auch in unseren Kinos zu zeigen, wird nicht lange über Inhalt nachgedacht, sondern einfach reingehauen. Es tut mir leid, an dieser Stelle darauf hinweisen zu müssen, aber „Der Kaufhaus Cop” ist kein guter Film. „Wolverine: Origins” ist eine miserable, plotleere Ansammlung von Effekten. Und „Hannah Montana” ist eine Art langes, schlechtes Musikvideo, in dem nun überhaupt keine Werte mehr vermittelt werden. Und von der Tendenz, Gewaltpornos wie „Last House on the Left” oder „Hostel” plötzlich zum Mainstreamgeschmack machen zu wollen, will ich gar nicht erst anfangen.
Ist schon mal jemandem aufgefallen, daß das bei deutschen Filmen anders ist? Plötzlich wird in den Kritiken auf Inhalt geachtet, auf schauspielerische Leistung, auf technische Umsetzung. Das Alberne, und eigentlich Peinliche (und zwar für Kinos und Kritiker, nicht für die Filme) hierbei ist jetzt nur: einheimische Filme halten diesen Kritiken oft nicht stand. Und warum? Weil wir nicht Hollywood sind. Deutsche Filme sind anders als amerikanische, das liegt an mehreren Dingen. Es steht oft weniger Geld zur Verfügung, das deutsche Wertesystem ist nicht stimmig mit dem amerikanischen (das soll keine Wertung sein, lediglich eine Beobachtung) und die italienischen Voralpen sind nicht der Grand Canyon. Es sei jetzt einmal wertfrei dahingestellt, daß amerikanische Blockbuster nun mal massenhaft gesehen werden, und es ist völlig logisch, daß große Häuser sich blind auf Hollywoodkino verlassen, um volle Säle zu bekommen. Was mich enttäuscht ist, daß dabei den deutschen Filmen nur eine so kleine, spezielle Nische eingeräumt wird, die nur wenige, überdrehte Komödien, die mit billigen, amerikanischen Klamauklachern vollgestopft sind (siehe meine beiden Filmbeispiele ganz oben) zu füllen erlaubt wird. Der Rest wird ignoriert (Ausnahmen bestätigen die Regel). Dem Geschmack des breiten Massenpublikums wird ohne nachzudenken komplett nachgegeben, um Kasse zu machen.
Das, liebe Kinobetreiber, ist sehr, sehr schade. Zeigt doch mal ein bißchen Patriotismus in der Filmbranche! Laßt doch mal einen deutschen Film zur Hauptzeit laufen und seht, was passiert! Es will nicht jeder Kinogänger unbedingt „Nachts im Museum 2″ sehen, aber wenn der Film überall und zu jeder Zeit läuft, wird natürlich darauf zurückgegriffen.
So, das war jetzt eine lange Einleitung, obwohl ich eigentlich eine Kritik zu „Jakobs Bruder” schreiben wollte. Daniel Waltas Film ist es nämlich ähnlich ergangen: Verbannt in einige wenige Filmkunstkinos, vegetiert dieses Kleinod an der Peripherie der deutschen Kinolandschaft vor sich hin, um, so meine Vorhersage, in wenigen Wochen bereits wieder vergessen zu sein. Und das ist nun wirklich schade, denn „Jakobs Bruder” ist ein solider, gut gemachter, schöner Film.
Klaus J. Behrendt spielt Jakob Goldt wunderbar menschlich, einen von seiner Familie zutiefst enttäuschten, latent wütenden Mann an der Grenze zur Verbitterung, der sein Seelenheil in seinem Beruf sucht. Nun muß man Klaus J. Behrendt gerechterweise nachsehen, daß man ihm immer wieder Rollen gibt, die eine Variation von Max Ballauf sind; denn er kann viel mehr, leider gibt man ihm nicht oft die Möglichkeit, vermutlich, weil er diesen Typus besonders realitätsnah rüberbringt (andererseits macht Til Schweiger dasselbe und fährt damit trotzdem nicht schlecht), so teilweise auch hier. Aber das macht nichts, er ist trotzdem toll, wenn man mir diesen subjektiven Einwurf erlaubt. Hannelore Elsner nimmt sich großartig zurück als Mutter Goldt, die eine Leinwandzeit von vielleicht fünf Minuten hat, in dieser Zeit jedoch brilliert, wie nicht anders zu erwarten. Und Christoph Maria Herbst kann als Lorenz Goldt endlich zeigen, daß in ihm ein herausragender Schauspieler steckt, der mehr kann als Satire und komische Nebenrollen (das war zwar klar, aber bis jetzt hat ihm keine Rolle erlaubt, das auch zu demonstrieren).
Kurz zum Plot: Eines Tages steht Lorenz vor der Tür seines Bruders und erklärt, die Mutter habe Alzheimer, er es ihr noch nicht gesagt und Jakob müsse unbedingt nach Hause kommen. Widerwillig machen sich nun die Beiden auf eine kuriose Autofahrt heim, auf der sie nicht nur eine kesse Anhalterin mitnehmen, die sie in die ein oder andere absurde Situation bringt, sondern auch vorsichtig wieder zueinander finden. Soviel zur Außenhandlung. Die andere Handlung spielt sich im Innern Jakobs ab, der noch eine ganz andere Reise unternehmen muß, nämlich die zurück zu seiner Familie, die er räumlich und emotional bisher auf Distanz halten konnte.
In langsamen Bildern verläßt sich der Film auf die Brillanz seiner beiden Hauptdarsteller, ein Konzept, das gut aufgeht.
Ehrlich gesagt überkam mich leichte Panik, als Lorenz mit dem Alzheimer Thema ankam und Jakob einen ruhigen Moment nutzte, um nachzufragen, was das genau noch mal sei, daß es sich um einen dieser pseudo-aufklärerischen Demenzfilme handeln würde die eine Zeitlang in Mode waren. Gott sei Dank passiert das nicht, die Krankheit hätte auch Krebs oder Leukämie oder sonstwas sein können, denn sie ist nur Aufhänger, nicht aber Thema des Films.
Tramperin Lara hat mich zunächst etwas genervt, vor allem weil ihre Rolle, die beiden Brüder einander näherzubringen unübersehbar ist. Doch Sophie Rogall spielt Lara so anmutig und liebevoll frech, daß man sich schnell an sie gewöhnt, und ohne sie könnte der Film nicht funktionieren, da sie der Außendruck ist, der Jakob den richtigen Schubs in Lorenz’ Richtung gibt, ohne den seine Annäherung konstruiert gewirkt hätte. Durch Lara kann auch der Zuschauer sich den beiden Protagonisten nähern, denn ohne die unschuldigen Fragen eines Außenstehenden nach dem Warum, hätte die Handlung (und die innere Wandlung Jakobs) keine Chance zur Entfaltung bekommen und wir hätten zwei Männer erleben können, die sich 90 Minuten lang anschweigen. Erst durch ihre Einmischung kommt Jakob dazu, zu reflektieren und zu überdenken. Daß Lara ihrer eigenen unerträglichen Familiensituation entkommen möchte, spannt ein zusätzliches Band des Zusammenhalts zwischen den drei Reisenden.
Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Rückblenden, die die Kindheit der Brüder zeigen, und erklären, wie durch die völlige Inkompetenz der eigenen Mutter, sich die beiden Jungen so haltlos voneinander entfernen konnten. Wer der eigentliche Leidtragende in dieser verkorksten Familienaufstellung ist, bleibt unmöglich zu sagen.
„Jakobs Bruder” ist die Geschichte einer Familie, die vor langer Zeit zerbrochen ist; eines Bruders, der noch ein letztes Mal mit aller Kraft versuchen will, die heile Welt zu schaffen, die es in seiner Kindheit nicht gab; und eines Mannes, der seine lebenslange Wut auf Mutter und Bruder endlich zu überwinden versucht. Es ist ein leiser, emotionaler Film mit durchaus witzigen Elementen, die in Retrospektive eigentlich eher tragisch sind, und die fast ausschließlich Christoph Maria Herbst zu verdanken sind, der es schafft, alle komischen, dramatischen, hysterischen, fragilen und selbstüberschätzenden Facetten Lorenz Goldts darzustellen. Dazu benötigt er jedoch gleichermaßen Klaus J. Behrendts Jakob, der als wider Willen in die Rolle des vernünftigen, verantwortungsbewußten Bruders Gedrängten den perfekten Gegenpol in dieser Balance gibt. Eine Balance, die lange Jahre im Stillstand verharrt hat, ohne Kontakt, und die erst Laras rastlose Versuche, mit beiden Brüdern klarzukommen, ins Wanken bringen und so den Stein des Anstoßes werfen.
Der Film ist nicht ganz perfekt, aber welcher Film ist das schon? Die Rückblenden kamen mir etwas wirr vor, weil sie offenbar nicht in chronologischer Reihenfolge gezeigt wurden, sondern der inneren Gefühlswelt Jakobs entsprechend (und da muß man erstmal dahinterkommen). Die junge Mutter Goldt wirkte etwas farblos, aber ob man das nun Julia Maria Köhler vorwerfen kann, ist die Frage. Doch das sind Kleinigkeiten, und ich will mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, denn ich selbst könnte es natürlich nicht besser machen.
In jedem Fall hat „Jakobs Bruder” es nicht verdient, ungesehen von der Leinwand zu verschwinden! Also seht ihn euch an, und glaubt mir wenn ich postuliere, daß es sich lohnt, dafür auch einen weiteren Weg in das nächste Filmkunstkino zurückzulegen (mein eigener Bruder und ich mußten auch nach Köln pilgern, in das einzige Kino, das „Jakobs Bruder” spielt, wo wir eine Privatvorstellung bekamen als alleinige Zuschauer. O-Ton meines Bruders beim Reingehen: „Also, es ist wohl brechend voll da drin, aber der Kassierer meinte, wir können uns trotzdem noch ein Plätzchen aussuchen.”).
Hoffentlich ändert sich das noch! Ich wünsche es mir nicht nur für die Darsteller und Filmemacher, die die Anerkennung verdienen, sondern auch für die deutsche Kinokultur, die einen Gegenpol zu „Transformers: Revenge of the Fallen” benötigt, und zwar dringend!
Jakobs Bruder
Deutschland 2007
(Gewinner des Kinofestes in Lüden 2007; Drittplatzierter der amerikanischen Veranstaltung ‘Berlin & Beyond’ 2008)
Regie: Daniel Walta
Jakob Goldt: Klaus J. Behrendt
Lorenz Goldt: Christoph Maria Herbst
Lara Bergmann: Sophie Rogall
Anna Goldt (jung): Julia Maria Köhler
Anna Goldt: Hannelore Elsner
Link zur offiziellen Homepage: www.jakobsbruder.de
