Filmkritik: “Aztek Rex” – ein Titel, so vielversprechend wie “Snakes on a plane”

Aztec Rex (Tyrannosaurus Azteca)

Die beste hawaiianische Azteken-Dino-Action der Fernsehlandschaft

 

Tele 5 hat sicherlich lange Schlange stehen müssen, um dieses Juwel der TV-Kultur einkaufen zu dürfen: „Aztec Rex“ – ein Titel der Bände spricht:

Die unerschrockene, und sarkastische, Gruppe spanischer Heroen um den furchtlosen, goldgierigen (und immens attraktiven) Capitan Cortes (Ian Ziering, allen über 25jährigen noch aus ‚Beverly Hills 90210’ vertraut), landet auf einer nicht näher umrissenen Insel Südamerikas, die eindeutig nach Hawaii aussieht, um dort nach Gold zu suchen und ein paar Eingeborene zu foltern. Die Vorfreude ist groß.

Doch anstatt auf willige Sklaven, treffen die Männer auf einen fortschrittlichen Stamm Eingeborene um den aufgeschlossenen Anführer Matlal, seine intelligente, schöne, willensstarke Tochter Ayacoatl, sowie den hinterlistigen Schamanen Xocozin, der aussieht als sei er höchstens zwölf, und dem Ayacoatl gegen ihren Willen versprochen ist.

Cortes und seine Mannen, minus dem aufrichtigen Helden unserer Handlung: Teniente Rios (Marco Sanchez), der zu diesem Zeitpunkt dabei ist, eine Vergewaltigung Ayacoatls durch Xocozin zu verhindern, überfallen das völlig friedfertige Dorf und werden, sehr zu ihrem Erstaunen, von Häuptling Matlatl überwältigt und gefangen genommen.

Während Cortes oben ohne aufs Männlichste gefesselt wird, begegnen Rios, Ayacoatl und der böse Schamane der so genannten Donnerechse, die bereits seit Generationen das Dorf und seine Bewohner, inklusive dem dort gestrandeten Pater Grias, terrorisiert.

Es kommt, wie es kommen muss – erstens verliebt Ayacoatl sich natürlich sofort in den schönen und tapferen Rios (das kann ihr auch niemand wirklich verübeln, er ist einfach zu schön und tapfer), was, zweitens, zu heftigsten Eifersüchteleien bei Xocozin führt; und, drittens, Cortes sagt zu, mit seinem Kampftrupp gegen die Donnerechse zu Felde zu ziehen, um das Dorf zu retten und Freiheit für sich und seine Männer zu erkämpfen.

So weit, so wunderbar. Fast könnte man meinen, in einem Liebesdrama-Bindestrich-Naturfilm gelandet zu sein, doch dann kommen auch schon bald die von so manchem sehnlichst erwarteten, brutalen Metzelszenen mit dem Tyrannosaurus, die zwar leicht eklig sind, doch sowohl Cortes als auch Rios leiden so heroisch, und die CGI-Echse ist so lächerlich animiert, dass sich die Empathie in Grenzen hält.

Und natürlich geht alles gut aus, auch das Dreiecksliebesdrama nimmt ein Ende, das für alle Beteiligten, die am Ende noch leben, zufriedenstellend ausgeht.

Nimmt man dazu noch die allenfalls ironische Synchronisation, muss man diesen Film allen Billigmonsterfernsehfilmliebhabern wärmstens ans Herz legen!

Denn es kann kein Auge trocken bleiben bei Sätzen wie: „Gott, dein Wille ist unergründlich, und er wird von Tag zu Tag unergründlicher“, oder dem erstaunten Gesicht des Paters, der nach einem gemeinsamen Umtrunk, den Xocozin (zu diesem Zeitpunkt offen bekennender Todfeind Rios) veranstaltet hat, in Rios Becher schaut und sich wundert: „Wie sind die giftigen Pilze in Rios Becher gekommen?“

Auch folgenden Dialog möchte ich niemandem vorenthalten:
Ayacoatl: „Rios hat das Männchen besiegt. Er kann das Weibchen ebenso leicht töten!“
Rios: „Leicht?“
Grias: „Frauen!“

Alles in allem sollte „Aztek Rex“ in keiner B-Movie Kollektion fehlen! Leider habe ich keine deutschsprachige DVD finden können, nur eine britsiche Version, die allerdings nur die englische Sprachfassung bietet. Und, es ist doch so, billige Monsterfilme bekommen durch die lieblosen deutschen Synchronisationen erst den richtigen Charme, für den wir sie so lieben:

Grias: „Das ist ein schrecklicher Plan.“
Rios: „Ich habe nie etwas anderes behauptet.“

Die Schauspielleistung der Akteure hält sich arg in Grenzen, wobei ich mir gerade bei solchen Filmen nie ganz sicher bin, ob das an den mangelnden Fähigkeiten der Darsteller liegt, oder schlichtweg an den miesen Scripts – wer kann schon professionell bleiben, wenn er einem tödlich verwundeten Gefährten mit ernster Miene die Worte „Gute Besserung“ mit auf den Weg geben soll? Die CGI-Effekte sind, wie bereits angedeutet, das einzige, was hier zum Gruseln veranlasst. Und mitten während einer Belagerung durch die Donnerechse, lassen Ayacoatl und Rios sich trauen, um dann auch sofort ihre Hochzeitsnacht anzuschließen, weil der Tyrannosaurus Rex ja jeden Moment hereinbrechen kann, und man die eventuell letzten Minuten des Lebens noch voll auskosten möchte.

Das ist Fernsehkultur vom Feinsten! Ich jedenfalls habe so herzlich und so viel gelacht, wie schon lange nicht mehr! Nichtmal „Mega-Piranha“ hat mir so das Wasser in die Augen treiben können.

Doch obwohl „Aztek Rex“ sicherlich der Tiefpunkt von Ian Zierings ohnehin sehr flacher Karriere sein dürfte, hat auch dieser Film letzten Endes eine Aussage. Etwas, das wir für unser Leben lernen können: Halboffene Spanierblusen stehen jedem dreckigen Mann (im Gegensatz zu bunten Federkronen).

Link zur Cinema-Seite mit vielen Bildchen.

Link zum offiziellen IMDB Eintrag.

Bild von Rios (Marco Sanchez).

Bild von Cortes (Ian Ziering), natürlich oben ohne.

Die kritische Kolumne: Woher kommt der Hass?

Woher kommt der Hass?

 

Es ist doch so: so aufgeklärt und tolerant, wie die Menschheit sich gibt, ist sie nicht. Das sind keine Neuigkeiten, das ist noch nichtmal eine Blitzlichtmeldung, das ist Schnee von gestern.

 

Wo aber, und wer das hier liest wird am Ende feststellen, dass ich darauf keine Antwort haben will, kommt all der Hass her, mit dem wir um uns werfen?

 

Ich spreche von dem täglichen Hass, mit dem wir fast rund um die Uhr umgeben sind, die Art von Hass, die die meisten nicht einmal als Hass bezeichnen würden. Ich aber sage, es ist Hass, und eine perfide, schleichend wachsende Form davon noch dazu.

 

Ich spreche von dem Phänomen hate (engl. Hass), das sich vor allen Dingen über das Internet ausgebreitet hat, und nun allerdings zu einem sozialen, nicht bloß vernetzten, Phänomen geworden ist. Dem haten (engl. hassen) und disrespecten (engl. respektlos behandeln) von Persönlichkeiten, sei es Obama, Angela Merkel, Lady Gaga oder Justin Bieber.

 

Das Internet ist voll von Bildern mit verletzenden, bösen, zynischen und respektlosen Äußerungen über Stars und Sternchen. Das war bereits schon vor langer Zeit ein Thema das angesprochen wurde, darüber möchte ich mich nicht zu detailliert auslassen. Die Anonymität des Internets verführt dazu, andere aus dem Schutz des eigenen Computers zu demütigen; das Verständnis, dass solche Beleidigungen die Betroffenen tatsächlich verletzen könnten, man also mit seiner eventuell sogar überhaupt nicht persönlich gemeinten Bemerkung jemanden trifft, ist oft nicht vorhanden.

 

Es ist so einfach, auf Facebook schnell mal einen Eintrag zu hinterlassen, dass Miley Cyrus dumm, Sarah Jessica Parker hässlich und Megan Fox idiotisch sei.

 

Was auffällt ist allerdings, dass dieser Internettrend zunehmend auch im Alltag wiederzufinden ist, und zwar nicht nur unter Jugendlichen, sondern auch und vor allen Dingen unter jungen Erwachsenen.

 

Was schlimm ist, neben den Respektlosigkeiten, ist das Maß an Ignoranz, das man ungefähr so auswerten kann, dass je weniger eine Person/Gruppe über jemanden weiß, desto emotionaler die Beleidigungen sind.

 

Von denjenigen, die am lautesten schreien Twilight sei bescheuert, hat sicherlich kein einziger tatsächlich einmal in die Bücher hineingeschaut.

 

Von denjenigen, die Hasseinträge über Justin Bieber verfassen, hat sich vermutlich niemand mit der Biographie des Jungen befasst.

 

Von denjenigen, die Miley Cyrus lautstark verachten, kennt vielleicht keiner auch nur ein einziges Lied von ihr.

 

Warum ist das so? Warum sind so viele Menschen unfähig einen Unterschied zu machen zwischen ihrer persönlichen Meinung („Mir gefällt Harry Potter nicht.“) und einer allgemeingültigen Aussage („Harry Potter ist bescheuert.“)?

 

Warum ist es plötzlich wichtig, cool sogar, sich über Hass zu definieren? Ist das nur Neid?

 

Und was hält uns dann davon ab, diesen Hass auf Prominente nicht auch auf andere Menschen aus dem eigenen Bekanntenkreis auszuweiten? Ist das der nächste Schritt? Oder passiert das nicht, weil diejenigen sich wehren könnten?

 

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich diesen Trend sehr beunruhigend finde. Denn was die jungen Erwachsenen da den Heranwachsenden vorleben, ist die Selbstverständlichkeit aus Ignoranz zu hassen.

 

Da kann ja nichts Gutes bei rauskommen.

Da können wir nur hoffen, dass die nächste Generation toleranter wird.

 

Oder ich sehe schwarz für unser Zusammenleben.

 

Und ich werde mich jetzt einmal etwas über Justin Bieber informieren; über den weiß ich nämlich so gut wie gar nichts, und ich möchte wissen, wovon ich rede, wenn mal wieder die Sprache auf ihn kommt.

Die kritische Kolumne: Literatur komm raus, du bist umzingelt!

Nach Sprache sollte man sich recken können

 

Meine Agentin gab mir bei unserem letzten Gespräch zwei neu erschienene Bücher mit von Menschen, die auch für das Fernsehen schreiben. Ich hatte erwähnt, dass es mir gefallen würde, Drehbücher auf einer professionellen Basis zu verfassen, und sie reichte mir jene Bücher um zwei „vom Fach“ literarisch kennenzulernen.

Obwohl sowohl Umschlaggestaltung wie auch der Klappentext förmlich Neue Deutsche Prosa!! schrieen, gab ich den Büchern eine Chance und las sie. Quer. Denn die Frage die sich mir bereits nach dem fünften Satz stellte war: warum?

Nicht: Warum kaufen die Leute so einen Mist? Oder: Warum wird so was ein Bestseller?

Sondern: Warum begnügt sich jemand, für den Schreiben ein Beruf ist, mit dem Produzieren von unterdurchschnittlicher Trivialseiche?

Vielleicht ist mein Literaturverständnis einfach zu komplex. Meiner Ansicht nach sollte Literatur etwas Poetisches sein. Sie sollte in einer Sprache verfasst sein nach der der Leser sich recken darf. Eine Sprache, die nicht dem Alltagsgeschnattere entspricht, sondern die reichhaltiger, inspirierender ist.

Jeder Idiot kann ein aussageloses Buch über den Alltag in Alltagssprache verfassen, in dem in jedem dritten Satz wenigstens ein Fäkalwort vorkommt. Nur, korrigiert mich, wenn ich das falsch verstanden habe, aber das ist nicht der Sinn von Literatur.

Wo ist da der kleine Harrison Ford im Kopf des Autors, der leise aber insistierend sagt: “Das kann man sagen, aber das kann man nicht schreiben.”?*

Gleichzeitig wird gemault, die Menschen könnten nicht mehr richtig sprechen, die deutsche Sprache ginge verloren. Ja, woran liegt das denn wohl, hm? Daran, dass ein überdimensionaler Teil der deutschen Bücher ausschließlich in einer Sprache verfasst sind, die selbst Menschen die ihre Kinder Cindy-Anneliese und Maikel-Pascal nennen intellektuell nicht überfordert. Der kleinste gemeinsame Nenner, der dümmste vorstellbare Leser, wird als Messbecher genommen. Dass dabei die wahre Literatur auf der Strecke bleibt, wird vielleicht noch von dem ein oder anderen Autoren wahrgenommen, aber dagegen unternommen wird eigentlich nichts.

Dabei ist das Schönste am Schreiben doch, schöne Wörter für die Geschichte zu finden, schöne Sätze zu konstruieren. Es sollte doch das größte anzustrebende Ziel jedes Autors sein, dass ein Leser innehält und einen Satz erneut liest, vielleicht sogar laut, weil die Worte so schön von den Lippen perlen. Es sollte doch ein nie schal werdendes Kompliment für jeden Autor sein, wenn der Leser ein Wort wieder oder gar neu entdeckt. Ein Wort, dass er oder sie vielleicht anschließend durch Benutzung in Umlauf bringt.

Vielleicht sollte jeder anstrebende Autor, egal wie etabliert er in einer anderen Branche sei, vor Verfassen eines Buches (oder einer Kurzgeschichte, oder eines Gedichtes…) dazu gezwungen werden, Novalis, Goethe, Karl May, Schiller, Puschkin und Shakespeare als Minimalanforderung zu lesen. Denn wenn schon die wenigsten deutschen Bücher noch eine tatsächliche Geschichte erzählen, dann sollte der dargestellte Alltag doch wenigstens eine besondere Form bekommen, die ihn lesenswert macht.

Sicher, es gibt heutzutage kaum noch jemanden vom Kaliber der alten Schule – ich selbst bin auch kein neuer von Eichendorff. Aber sollte nicht dennoch nach diesen Idealen gestrebt werden?

Und wer jetzt nicht versteht, warum Karl May auf dieser kurzen Liste steht, sollte sich schleunigst einen Band zulegen und in seinen Sätzen baden. Und wer dann immer noch nicht versteht… der sollte das Schreiben unter Umständen besser ganz bleiben lassen.

 

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*Wer diese kleine Anspielung nicht versteht: macht nix.

Die kritische Kolumne: Lex Beiki und der Trip zum WDR

F.U.N. Song

oder

Wie ich einmal im Fernsehen total abgelost habe

Dinge, die man noch nie getan hat, die sich einem aber plötzlich als Möglichkeit präsentieren, sollte man, so spricht der Schriftsteller, unbedingt ausprobieren. So werden wir bereits erzogen (jeder kennt sicherlich den verhassten Satz „Probier wenigstens, woher willst du denn sonst wissen, ob es dir nicht schmeckt?“ aus der eigenen Kindheit).

Nun, für meine Unzulänglichkeit präsentierte sich die Möglichkeit für Neues in Form eines Telefonanrufes. Meine beste Freundin rief an und erzählte von einer Backshow, die noch ofenfeste Bewerberinnen aus NRW suche. Ich lehnte dankend ab. Sie meldete mich trotzdem an.

Und so kam es, dass ich nach einem Gesinnungswandel wenige Wochen später mit meinem treuen Auto Haldir gen Südwesten schipperte zu einem Casting in Köln. Mit an Bord: ein von mir am Vorabend heroisch zusammengeschusterter Schokoladenkuchen (eigenes Rezept) mit Marzipanfüllung.

Man sprach im professionellen TV-Jargon mit mir („Das war super, das machen wir noch mal nur anders“) interviewte mich („Immer die Frage wiederholen und im ganzen Satz antworten“) und filmte meinen Kuchen. Denn interessanterweise bekamen die Menschen, die letztendlich die Bewerberinnen aussuchten, die eigentlichen Backwaren nur aus digitalen Pixeln vorgesetzt. Welch gute Vorraussetzung, dachte ich mir damals noch naiv-blauäugig.

Dann passierte eine lange Weile überhaupt nichts. Mental verabschiedete ich mich bereits von dem Konzept. Es wäre sicherlich nett gewesen, aber nun ja, vermutlich waren bei diesen Castings einhundert junge, hübsche Konditorinnen aufgekreuzt. Und ich. Mir als Casting-Director wäre die Wahl da auch nicht schwer gefallen.

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Eine Woche vor Drehbeginn erhielt ich dann doch noch einen Anruf – ich sei dabei, hieß es, herzlichen Glückwunsch, mit der Bitte bis spätestens übermorgen eine Liste derjenigen Rezepte einzureichen, welche ich zu backen gedenke. Ich solle auch beachten, hieß es ferner, dass die ganze Sache nur maximal neunzig Minuten dauern dürfe, inklusive Backzeit. No problemo, Cheffe, isse klaro, Cheffe!, war meine Antwort (leicht paraphrasiert) und ich begann, hektisch meine Backbücher und Notizen zu wälzen.

Ich backe meistens nicht nach Rezept. Ich habe eine Reihe Grundrezepte, die ich kann, und die variiere ich bis zur Unkenntlichkeit. Für Torten und jegliches anderes Bling-Bling Brimborium besitze ich natürlich Rezepte, bloß, die dauern mehr als neunzig Minuten. Weit mehr als neunzig Minuten. Ich sage nur Abkühlzeit. Ich sage nur Gelatine.

Also suchte ich eine handvoll relativ unkomplizierte Rezepte heraus, die ich dann für die Showvorgaben veränderte, blind hoffend, dass die Änderungen klappten. Denn zum Vorbacken und Ausprobieren hatte ich weder Zeit noch, ich bin ganz und gar ehrlich, Geduld.

Zwei weitere Telefongespräche später sah die Sache bereits kompakter aus. Man sprach von Hotel, man sprach von Reisekostenerstattung, man sprach von einem Fahrer (ich stellte mir sofort einen netten, attraktiven Mann vor, der einem die Türen aufhält und die eigene Jacke anbietet – und sollte damit tatsächlich recht behalten! Bliss!), ich fühlte mich bereits wie ein Filmstar. Hoch motiviert und mit dem vagen Wissen, dass ich die erste Runde sicherlich nicht überstehen würde, packte ich dennoch alle Backutensilien ein, die ich benötigen könnte (man weiß ja nie!) und lud meine treue Nuckelpinne voll. Ich träumte von Chancen. Ich träumte davon, lauter reizende, großartige Menschen zu treffen (ein Traum, der sich jedenfalls erfüllte) und meine eigene TV-Serie produzieren zu dürfen (manche Träume müssen unerreichbar sein, damit man sich ein Leben lang nach ihnen recken kann, OKAY?!).

Die Realität sah ähnlich aus: Am Abend des Mittwochs vor Drehbeginn checkte ich in ein kleines, feines Hotel neben den MMC-Studios ein – ein komfortables, ruhiges Zimmer, gutes Essen und freundliches Personal. Als Student ist so ein Luxus erstmal gewöhnungsbedürftig! Ich packte aus, badete und knallte mich dann die nächsten fünf Stunden lang vor den Fernseher, um meinen Lieblingsmoderator auf KiKa zu sehen und mich im Geiste auf meine Zukunft vorzubereiten, die am nächsten Tag beginnen und ganz gewiss neben meinem Moderatorstern vor der Kamera enden würde (man muss nur fest genug daran glauben, das hat mich Walt Disney gelehrt).

Drehbeginn war also der nächste Tag. Pünktlich um zwanzig vor neun wurden diejenigen Mitwirkenden, welche im Hotel genächtigt hatten, abgeholt. Die Stimmung war nett und gelöst. Wir Bewerberinnen verstanden uns sofort prächtig – kein Funke von Missgunst oder unschöner Gewinnlust. Wir lachten und erzählten viel.

Wir hörten auch im Studio nicht auf zu erzählen, als wir die übrigen Bewerberinnen trafen. Sofort war klar: wir Mädels verstanden uns, und zwei Stunden später entstand der Plan, sich nach den Sendungen noch einmal zum Kuchenessen zu treffen. Sicher, man weiß wie so etwas ist, da wird im Eifer der Hochstimmung etwas beschlossen und dann hinterher doch vergessen, aber wo ein Gebäck in Aussicht steht, da haben Frauen einen starken Willen. Ich rechne fest mit unserem Kuchenessen!

Zunächst wurden unsere Klamotten geprüft. Dinge mit Streifen fielen weg, ebenso schwarz und weiß als Einzelfarbe. Schuhe wurden anprobiert, erste Frisurenideen verbalisiert, unsere offiziellen Schürzen bewundert (geben Sie einer Gruppe backbegeisterter Frauen rosafarbene Schürzen mit Rüschen und vergessen Sie das am Rande des Tinitus liegende Quietschgeräusch nie wieder).

Dann gab es Frühstück – es gab sowieso ständig etwas zu essen, etwas, das mich persönlich stark begeisterte. Das Essen wurde in einem ehemaligen Bus aufgebaut, wo den ganzen Tag über ein immer wieder wechselndes Buffet aufgebaut war, an dem man sich bedienen durfte. Es war wie im Himmel.

Zum ersten Drehtermin, Einzelposen, wurden wir dann der Reihe nach geschminkt und gestylt in der Maske. Auf meinen persönlichen Wunsch hin, zwirbelte eine der beiden talentierten Maskenbildnerinnen hübsche Prinzessin Leia Schnecken aus dem Gestrüpp, das sich sonst auf meinem Kopf befindet. Mit einem rosa Kleidchen, rosa Strumpfhosen und lilafarbenen Stiefeletten fand ich mich sogar selbst einigermaßen akzeptabel. Voll des Tatendranges hampelte ich sogleich ins Studio, erkundete die aufgebauten Küchen, besah mir den Kabelsalat der Kameramenschen und verfolgte mit Interesse, was so alles geschehen musste, damit ein Satz in die Kamera gesprochen werden konnte.

Dann hieß es erst einmal: warten. In der Tat verbrachten wir Damen an jenem Tag ungefähr fünf Sechstel des selbigen in Korridoren und auf Sofas und vertrieben uns die Zeit mit Anekdoten aus unseren Leben, während die wirklich wichtigen Menschen (Beleuchter, Tontechniker, Kameramänner et cetera) alles so herrichteten, dass gedreht werden konnte. Ich ziehe meinen Hut vor deren Disziplin – es war ein sehr langer und sehr harter Tag, an dem ständig irgendwo verbessert und gezippelt und angebracht werden musste, und dennoch wurde weder geschrieen noch sonstwie ausgerastet. Es streikte oder motzte auch niemand. Es dauerte zwar lange, aber es funktionierte alles.

Während der Wartezeiten baute ich meine Erkundungsrundgänge aus und machte wertvolle Entdeckungen. Zum Beispiel, dass unser Studio eine Unisextoilette besaß. Nicht so luxuriös wie die der McBealschen Kanzlei, aber komfortabel genug. Ich lernte auch, wie man eine etwa faustgroße Brandblase aufsticht und ausdrückt, was mich erstaunlicherweise nicht von meiner Nadelphobie befreite, obwohl ich mir große Mühe gab. Was Dispo und MAZ sind erfuhr ich ebenfalls, und dass man beim Fernsehen auf keinen Fall in Schminkschwulitäten geraten darf. Außerdem wurde ich der Küche verwiesen, weil ich spülen wollte – eine völlig neue Grenzerfahrung.

Ich war in der Gruppe, die zuerst backen sollte, irgendwann nach dem Mittagessen, ich hatte keine Uhr. Als wir Mädels uns vorher irgendwann einmal über unsere Rezepte ausgetauscht hatten, war mir sofort klar, dass ich mit derlei Konkurrenz nicht würde mithalten können. Fünf angehende Patisserie-Connoisseurs. Und ich. Ich packte mental bereits meine Koffer und verabschiedete mich von meinen Träumen.

Natürlich buk ich dennoch. Ich fand meinen Kuchen auch nicht so schlecht gelungen – einfach aber schick. Allerdings glückte mir die Marzipandecke, die Darth Vaders Helm darstellen sollte, nicht so ganz. Und in der ganzen Aufregung und Träumerei hatte ich völlig vergessen, mich um Dekoration für mein Werk zu kümmern (ich bin nicht so der Deko-Typ, ich denke an so etwas nicht von selbst). Die Ausrede, der Kuchen sei sicherlich Deko genug, schien auch nicht richtig anzukommen. Doch ich hatte es versucht, ich war bis hierhin gekommen, und dass ich ausschied war keine Überraschung für mich, auch wenn die Jury wenigstens ein Körnchen Positivum an meinen Bemühungen hätten finden können; auch ein ausgedachtes hätte mir gereicht, um mich nicht als vollständigen Loser hinzustellen. Aber, ich vermute, so ist das in dieser Branche: wer verliert, der verliert so richtig. Gut, dass es in meiner kleinen Lebensanschauung so etwas Banales wie Gewinner und Verlierer nicht gibt, das tröstet. Mein Kuchen schmeckte also einem Profikonditor und einer Café-Betreiberin nicht – aber meinen Freunden und den Kindern dafür sehr; und das ist mir letztendlich wichtiger.

Nur schade, dass all meine anderen Träume sich auch nicht erfüllten. Ich traf leider keinen verzweifelten Produzenten, der einen Sendeplatz aber noch keine gute Serie an der Hand hatte, dem ich mit einem meiner Konzepte hätte aushelfen können. Es gab auch kein Angebot, den nächsten ‚Kinderquatsch mit Lex Beiki’-Verschnitt zu moderieren. Und komischerweise traf ich, trotz Fernsehen und Allem, nicht auf George Clooney. Vielleicht hat er an diesem Tag frei gehabt.

Link: Süß & Lecker

Kolumne: Diplomvideothekarinnen

Die dunkle Seite des Menschenverstandes

oder

Diplomvideothekarinnen

Teil 1

Wenn ich nicht zuhause auf meine Tastatur hacke oder in meiner Ausbildungsstätte mit meiner Aufmerksamkeitsspanne kämpfe, stehe ich hinter der Theke einer Videothek und erkläre meinen Kunden, dass sie einen Film auch bezahlen müssen wenn er ihnen nicht gefallen hat.

In unserer Videothek arbeiten nahezu ausschließlich Frauen, was Folgendes bedeutet: Erstens, es ist immer sauber. Zweitens, es mangelt uns nie an Tee, Kaffee und Süßigkeiten. Und drittens, wenn wir zu mehreren Schicht schieben, kann es mitunter sehr albern zugehen.

Unsere Kunden stört das meistens nicht weiter. Diejenigen, die öfter kommen, sind daran gewöhnt und denken vermutlich, wir wären ein Langzeitprojekt zur Re-Integrierung von Seelenpflegebedürftigen in die Arbeitswelt. Und diejenigen, die nur sporadisch vorbeikommen, nun, die sind ja nicht oft da.

Manchmal löse ich meine Chefin zur Spätschicht ab.

Meine Chefin ist eine sehr humorvolle junge Frau und als Vorgesetzte eine ziemliche Wucht! Alle haben sie gerne, nicht nur die Kollegen, auch die Kunden. Wenn sie zufälligerweise mal nicht vormittags arbeitet, sondern ich an ihrer statt, fragt mich so ungefähr jeder dritte Kunde enttäuscht, ob denn die Chefin heute nicht da sei. Dann versuche ich, mich nicht herabgesetzt zu fühlen.

Meine Chefin und ich verstehen uns ziemlich gut. Aber oft, wenn ich sie ablöse, hat sie schon sieben Stunden hinter der Theke gestanden, zwei Dutzend neue Pornofilme einsortiert, eine handvoll unverschämter Kundenbegegnungen gehabt („Warum haben Sie denn keine Kundentoilette? Wo machen Sie denn, wenn Sie mal müssen? Finden Sie, dass das richtig ist?!“) und musste einige Male auf die Toilette.

Meine Chefin geht nicht gerne auf die Toilette. Sie findet das ewige Hose-runter/Hose-wieder-hoch so zeitraubend. Als sie mir das zum ersten Mal erklärte, habe ich laut lachen müssen. Sie hat mitgelacht, aber ich habe später verstanden, dass sie das bierernst meinte.

Ich muss überhaupt ziemlich oft laut lachen, wenn wir uns unterhalten. Aber wer kann schon einen reglosen Gesichtsausdruck dem Kunden gegenüber behalten, wenn es gerade aus dem Mitarbeiterbereich laut tönt: „Oh nein! Ich muss schon wieder Pipi! Ich will das nicht!“

Oder wenn sie mitten in einer Aktion plötzlich zum CD-Spieler springt und ausruft: „Boah, was ist denn das für ein Kacklied? Das geht ja mal gar nicht, ey!“

Sie ist auch die einzige, die versteht, wenn ich den Kunden den neuen Robin Hood stets als Russell Hood vorlege. Es ist eine Art Langzeitstudie von mir über das Thema „Wir nehmen nur wahr, was wir wahrnehmen wollen“ – die derzeitige Quote liegt bei 99,9%: aus sehr vielen Testsituationen hat bisher ein einziger Kunde die Diskrepanz bemerkt.

Neulich hat sie mir eine sehr schwierige Avatar Situation erklären müssen, in deren Verlauf die Frage aufkam, worin sich die neue Director’s Cut Deluxe Sonderedition von der Normalversion unterscheide. Ich hab gesagt: „Die haben alle Avatarwesen durch Indianer ersetzt und den Hauptdarsteller durch Kevin Costner und jetzt ist es wieder Der mit dem Wolf tanzt.“

Meine Chefin musste lange lachen. Die umstehenden Kunden nicht so.

Meine Chefin ist auch geduldig. Es macht ihr nicht viel aus, wenn ich während einer zähen Schicht die Plakate hinter der Kasse bemale, oder den Pappaufstellfiguren Sprechblasen anklebe. Oder wenn ich langweilige Standardbewegungen mit einer selbstgemachten Geräuschkulisse aufpeppe. Das mache ich allerdings nur noch, wenn keine Kunden in der Nähe sind. Deren Verständnishorizont ist einfach noch nicht so weit.

Die kritische Kolumne: Filmkritik zu “Alexander II – Return of the King”

Wer nicht weiß, was er in den nächsten Tagen mit sich anstellen soll, weil er oder sie aus unerfindlichen Gründen kein Fußball schaut, hat nun eine Alternative. Leiht euch „Alexander II: Return of the King“ aus der Videothek aus!

Wer erinnert sich noch an die sagenhafte Verfilmung des Lebens, Liebens und Leidens Alexander des Großen, “Alexander”? Mit dem göttlichen Colin Farrell, der sich mit Dackelblick durch die Szenen schmachtet, und Anthony Hopkins als epischer Off-Erzähler.

Nun, wem dieses Spektakel gefallen hat, der wird die Fortsetzung, welche leider nur auf DVD erschienen ist, lieben:

„Alexander II: Return of the King“ heißt das bildgewaltige Actionepos. Eine kurze Inhaltsbeschreibung sähe so aus:

Nach seiner heimtückischen Ermordung findet sich Alexander der Große (Farrell) wider Erwarten im Jenseits wieder, wo er nach einiger Zeit des Herumirrens auf Hitler (Michael Dudikoff), Lady Di (Uschi Glas) und die Pläne für einen Jenseits-Diesseits-Transgressor stößt (das Ding heißt wirklich so!).

Nicht gewillt, eine Ewigkeit in der Hölle ohne Hephaistion zu verbringen, stiehlt Alexander den Transgressor und kehrt mit ihm ins Diesseits zurück. Doch auch hier ist einige Zeit vergangen, und so findet sich der Großherrscher im Jahr 2050 wieder.

Schockiert und ungehalten über die Tatsache, daß Hephaistion nicht wiedergeboren wurde und sein einstiges Großreich zerstückelt ist, macht Alexander sich daran, seine alte Macht zu erneuern.

In einer Gegenwart, die kurz vor dem dritten Weltkrieg steht, vereinigt er erneut Kleinasien, den vorderen Orient und Europa. Sein Ziel: Absolute Weltherrschaft! Doch er hat die Rechnung ohne Hitler und Lady Di gemacht, die dem Helden gefolgt sind und nun die USA zum Gegenschlag mobilisieren!

Was sich anhört wie übelster sci-fi Trash ist in Wahrheit ein Hochglanzmeisterwerk voll tiefgründiger Gesellschaftskritik und markerschütternder Leidenschaft. Denn, und ich bin sicher, daß ich damit nicht zuviel vorwegnehme, zwischen Diana und Hitler funkt es gewaltig, was vielleicht auch an den Schauspielern liegt, die sichtlich Spaß mit ihren Rollen hatten.

Hier kommt eigentlich jeder auf seine Kosten: die Romantikerinnen werden fiebern, ob Hitler und Lady Di zusammenkommen, ob Alexander endlich wieder mit Hephaistion vereint wird (und es gibt einige saftige Rückblenden, Mädels und Jungs!). Die Ästheten dürfen sich an Colin Farrells Hundeblick und Michael Dudikoffs Muskelspiel ergötzen. Und die Rambo-verwöhnten Actionliebhaber können sich in der breiten Endzeitschlacht um die Weltherrschaft so richtig austoben!

Kurzum, der Film bietet für jeden Geschmack etwas, und es ist wirklich ein Jammer, daß die Produktion es nur auf DVD und nie ins Kino geschafft hat; denn wenn Hitler auf einem Roboterpferd mit seiner Armee der Untoten in den Sonnenuntergang galoppiert, sprengt die Bilderwucht jeden Fernseher!

So gut habe ich Michael Dudikoff und Uschi Glas schon lange nicht mehr erlebt!

„Alexander II: Return of the King“ – eine Jerry Bruckheimer Produktion, unter der Regie von Sylvio Tabet („Beastmaster 2“) und geschrieben von Jared Leto (!!).

Hier die offiziellen Kritikzitate aus der ‚Video-News’ Zeitschrift vom Mai:

„Ein großartiges Epos!“ –Playboy

„Eine bildgewaltige, spektakuläre Actionorgie!“ –Das Goldene Blatt

„Echt hammer! Voll gute Schauspieler und so!“ –Bravo

Mai 2010—Nur auf DVD!

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Action

Drama

Anspruch

Erotik

Gesellschaftskritik

Die kritische Kolumne: Filmkritik zu “Jakobs Bruder”

Jakobs Bruder

oder: Deutschland, was ist los im Kino, ey?

Deutschland ist nicht Hollywood. Auch, wenn das beim Lesen irgendwie einleuchtend und sogar überflüssig zu erwähnen scheint, kann man es nicht oft genug sagen. Warum ich darauf hinweise? Weil deutsche Filme die in unsere Kinos kommen (und es sind wenig genug) generell zwei Möglichkeiten haben: sie werden als überdrehte, platte Komödie in den großen Häusern gespielt (wie zum Beispiel „Der Wixxer” oder „7 Zwerge”), oder sie verschwinden als ‚Kunstfilm’ in den Kleinkinos. Ausgenommen sind dabei Kinderfilme, die momentan so In sind, daß sie sich auch in den großen Kinos wochenlang halten; oder solche, in denen Til Schweiger mitwirkt. Und natürlich Filme über den zweiten Weltkrieg.

Der Witz dabei ist natürlich, daß die Filme um so besser laufen, wie sie auch beworben und gespielt werden, das heißt, Kinofilme, die von Anfang an ohne große Werbeaktionen ausschließlich in die Filmkunstkinos abgeschoben werden, haben überhaupt keine Chance, sich so zu bewähren, daß sie auch noch in großen Häusern laufen werden. Sie werden einfach einige wenige Wochen lang gezeigt, verschwinden dann in der Versenkung, und dann steht wieder irgendwo, daß es so wenig deutsche Filme gäbe. Bitte versteht mich jetzt nicht falsch, ich möchte Filmkunstkinos nicht herabsetzen, im Gegenteil, ich liebe sie und finde sie notwendig, aber die breite Masse frequentiert sie einfach nicht. Und wenn es darum geht, einen Kinofilm möglichst populär zu machen, sind große Kinohäuser eben fast unerläßlich.

Der Grund für diese Verbannung der Eigenproduktionen ist natürlich Hollywood und seine Blockbuster, die sich, egal wie mies Plot, Produktion und Schauspieler sind, wochenlang in den Kinocharts halten, weil sie unangebracht hochgejubelt werden. Denn sie kommen ja aus Amerika, und wenn der große Bruder uns großmütig erlaubt, sinnfreien Schrott auch in unseren Kinos zu zeigen, wird nicht lange über Inhalt nachgedacht, sondern einfach reingehauen. Es tut mir leid, an dieser Stelle darauf hinweisen zu müssen, aber „Der Kaufhaus Cop” ist kein guter Film. „Wolverine: Origins” ist eine miserable, plotleere Ansammlung von Effekten. Und „Hannah Montana” ist eine Art langes, schlechtes Musikvideo, in dem nun überhaupt keine Werte mehr vermittelt werden. Und von der Tendenz, Gewaltpornos wie „Last House on the Left” oder „Hostel” plötzlich zum Mainstreamgeschmack machen zu wollen, will ich gar nicht erst anfangen.

Ist schon mal jemandem aufgefallen, daß das bei deutschen Filmen anders ist? Plötzlich wird in den Kritiken auf Inhalt geachtet, auf schauspielerische Leistung, auf technische Umsetzung. Das Alberne, und eigentlich Peinliche (und zwar für Kinos und Kritiker, nicht für die Filme) hierbei ist jetzt nur: einheimische Filme halten diesen Kritiken oft nicht stand. Und warum? Weil wir nicht Hollywood sind. Deutsche Filme sind anders als amerikanische, das liegt an mehreren Dingen. Es steht oft weniger Geld zur Verfügung, das deutsche Wertesystem ist nicht stimmig mit dem amerikanischen (das soll keine Wertung sein, lediglich eine Beobachtung) und die italienischen Voralpen sind nicht der Grand Canyon. Es sei jetzt einmal wertfrei dahingestellt, daß amerikanische Blockbuster nun mal massenhaft gesehen werden, und es ist völlig logisch, daß große Häuser sich blind auf Hollywoodkino verlassen, um volle Säle zu bekommen. Was mich enttäuscht ist, daß dabei den deutschen Filmen nur eine so kleine, spezielle Nische eingeräumt wird, die nur wenige, überdrehte Komödien, die mit billigen, amerikanischen Klamauklachern vollgestopft sind (siehe meine beiden Filmbeispiele ganz oben) zu füllen erlaubt wird. Der Rest wird ignoriert (Ausnahmen bestätigen die Regel). Dem Geschmack des breiten Massenpublikums wird ohne nachzudenken komplett nachgegeben, um Kasse zu machen.

Das, liebe Kinobetreiber, ist sehr, sehr schade. Zeigt doch mal ein bißchen Patriotismus in der Filmbranche! Laßt doch mal einen deutschen Film zur Hauptzeit laufen und seht, was passiert! Es will nicht jeder Kinogänger unbedingt „Nachts im Museum 2″ sehen, aber wenn der Film überall und zu jeder Zeit läuft, wird natürlich darauf zurückgegriffen.

So, das war jetzt eine lange Einleitung, obwohl ich eigentlich eine Kritik zu „Jakobs Bruder” schreiben wollte. Daniel Waltas Film ist es nämlich ähnlich ergangen: Verbannt in einige wenige Filmkunstkinos, vegetiert dieses Kleinod an der Peripherie der deutschen Kinolandschaft vor sich hin, um, so meine Vorhersage, in wenigen Wochen bereits wieder vergessen zu sein. Und das ist nun wirklich schade, denn „Jakobs Bruder” ist ein solider, gut gemachter, schöner Film.

Klaus J. Behrendt spielt Jakob Goldt wunderbar menschlich, einen von seiner Familie zutiefst enttäuschten, latent wütenden Mann an der Grenze zur Verbitterung, der sein Seelenheil in seinem Beruf sucht. Nun muß man Klaus J. Behrendt gerechterweise nachsehen, daß man ihm immer wieder Rollen gibt, die eine Variation von Max Ballauf sind; denn er kann viel mehr, leider gibt man ihm nicht oft die Möglichkeit, vermutlich, weil er diesen Typus besonders realitätsnah rüberbringt (andererseits macht Til Schweiger dasselbe und fährt damit trotzdem nicht schlecht), so teilweise auch hier. Aber das macht nichts, er ist trotzdem toll, wenn man mir diesen subjektiven Einwurf erlaubt. Hannelore Elsner nimmt sich großartig zurück als Mutter Goldt, die eine Leinwandzeit von vielleicht fünf Minuten hat, in dieser Zeit jedoch brilliert, wie nicht anders zu erwarten. Und Christoph Maria Herbst kann als Lorenz Goldt endlich zeigen, daß in ihm ein herausragender Schauspieler steckt, der mehr kann als Satire und komische Nebenrollen (das war zwar klar, aber bis jetzt hat ihm keine Rolle erlaubt, das auch zu demonstrieren).

Kurz zum Plot: Eines Tages steht Lorenz vor der Tür seines Bruders und erklärt, die Mutter habe Alzheimer, er es ihr noch nicht gesagt und Jakob müsse unbedingt nach Hause kommen. Widerwillig machen sich nun die Beiden auf eine kuriose Autofahrt heim, auf der sie nicht nur eine kesse Anhalterin mitnehmen, die sie in die ein oder andere absurde Situation bringt, sondern auch vorsichtig wieder zueinander finden. Soviel zur Außenhandlung. Die andere Handlung spielt sich im Innern Jakobs ab, der noch eine ganz andere Reise unternehmen muß, nämlich die zurück zu seiner Familie, die er räumlich und emotional bisher auf Distanz halten konnte.

In langsamen Bildern verläßt sich der Film auf die Brillanz seiner beiden Hauptdarsteller, ein Konzept, das gut aufgeht.

Ehrlich gesagt überkam mich leichte Panik, als Lorenz mit dem Alzheimer Thema ankam und Jakob einen ruhigen Moment nutzte, um nachzufragen, was das genau noch mal sei, daß es sich um einen dieser pseudo-aufklärerischen Demenzfilme handeln würde die eine Zeitlang in Mode waren. Gott sei Dank passiert das nicht, die Krankheit hätte auch Krebs oder Leukämie oder sonstwas sein können, denn sie ist nur Aufhänger, nicht aber Thema des Films.

Tramperin Lara hat mich zunächst etwas genervt, vor allem weil ihre Rolle, die beiden Brüder einander näherzubringen unübersehbar ist. Doch Sophie Rogall spielt Lara so anmutig und liebevoll frech, daß man sich schnell an sie gewöhnt, und ohne sie könnte der Film nicht funktionieren, da sie der Außendruck ist, der Jakob den richtigen Schubs in Lorenz’ Richtung gibt, ohne den seine Annäherung konstruiert gewirkt hätte. Durch Lara kann auch der Zuschauer sich den beiden Protagonisten nähern, denn ohne die unschuldigen Fragen eines Außenstehenden nach dem Warum, hätte die Handlung (und die innere Wandlung Jakobs) keine Chance zur Entfaltung bekommen und wir hätten zwei Männer erleben können, die sich 90 Minuten lang anschweigen. Erst durch ihre Einmischung kommt Jakob dazu, zu reflektieren und zu überdenken. Daß Lara ihrer eigenen unerträglichen Familiensituation entkommen möchte, spannt ein zusätzliches Band des Zusammenhalts zwischen den drei Reisenden.

Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Rückblenden, die die Kindheit der Brüder zeigen, und erklären, wie durch die völlige Inkompetenz der eigenen Mutter, sich die beiden Jungen so haltlos voneinander entfernen konnten. Wer der eigentliche Leidtragende in dieser verkorksten Familienaufstellung ist, bleibt unmöglich zu sagen.

„Jakobs Bruder” ist die Geschichte einer Familie, die vor langer Zeit zerbrochen ist; eines Bruders, der noch ein letztes Mal mit aller Kraft versuchen will, die heile Welt zu schaffen, die es in seiner Kindheit nicht gab; und eines Mannes, der seine lebenslange Wut auf Mutter und Bruder endlich zu überwinden versucht. Es ist ein leiser, emotionaler Film mit durchaus witzigen Elementen, die in Retrospektive eigentlich eher tragisch sind, und die fast ausschließlich Christoph Maria Herbst zu verdanken sind, der es schafft, alle komischen, dramatischen, hysterischen, fragilen und selbstüberschätzenden Facetten Lorenz Goldts darzustellen. Dazu benötigt er jedoch gleichermaßen Klaus J. Behrendts Jakob, der als wider Willen in die Rolle des vernünftigen, verantwortungsbewußten Bruders Gedrängten den perfekten Gegenpol in dieser Balance gibt. Eine Balance, die lange Jahre im Stillstand verharrt hat, ohne Kontakt, und die erst Laras rastlose Versuche, mit beiden Brüdern klarzukommen, ins Wanken bringen und so den Stein des Anstoßes werfen.

Der Film ist nicht ganz perfekt, aber welcher Film ist das schon? Die Rückblenden kamen mir etwas wirr vor, weil sie offenbar nicht in chronologischer Reihenfolge gezeigt wurden, sondern der inneren Gefühlswelt Jakobs entsprechend (und da muß man erstmal dahinterkommen). Die junge Mutter Goldt wirkte etwas farblos, aber ob man das nun Julia Maria Köhler vorwerfen kann, ist die Frage. Doch das sind Kleinigkeiten, und ich will mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, denn ich selbst könnte es natürlich nicht besser machen.

In jedem Fall hat „Jakobs Bruder” es nicht verdient, ungesehen von der Leinwand zu verschwinden! Also seht ihn euch an, und glaubt mir wenn ich postuliere, daß es sich lohnt, dafür auch einen weiteren Weg in das nächste Filmkunstkino zurückzulegen (mein eigener Bruder und ich mußten auch nach Köln pilgern, in das einzige Kino, das „Jakobs Bruder” spielt, wo wir eine Privatvorstellung bekamen als alleinige Zuschauer. O-Ton meines Bruders beim Reingehen: „Also, es ist wohl brechend voll da drin, aber der Kassierer meinte, wir können uns trotzdem noch ein Plätzchen aussuchen.”).

Hoffentlich ändert sich das noch! Ich wünsche es mir nicht nur für die Darsteller und Filmemacher, die die Anerkennung verdienen, sondern auch für die deutsche Kinokultur, die einen Gegenpol zu „Transformers: Revenge of the Fallen” benötigt, und zwar dringend!

Jakobs Bruder

Deutschland 2007

(Gewinner des Kinofestes in Lüden 2007; Drittplatzierter der amerikanischen Veranstaltung ‘Berlin & Beyond’ 2008)

Regie: Daniel Walta

Jakob Goldt: Klaus J. Behrendt

Lorenz Goldt: Christoph Maria Herbst

Lara Bergmann: Sophie Rogall

Anna Goldt (jung): Julia Maria Köhler

Anna Goldt: Hannelore Elsner

Link zur offiziellen Homepage: www.jakobsbruder.de

jakobs-bruder-plakat

Die kritische Kolumne: König Roger. Oper Bonn.

Für die Rubrik: Als ich gestern in die Oper ging…

Brokeback Roger

oder

Ein Ball, ein Ball, mein Königreich für einen Tennisball

Das Kreuz mit Opern, und auch mit Theaterstücken, ist natürlich, daß es nur ein Skript und keine Regieanweisungen gibt. Das mag einigen Regisseuren gewaltige Ausdrucksmöglichkeiten geben, viele stellt es jedoch vor das schier auswegslose Dilemma, ein oft sehr altes Stück modern und für den heutigen Zuschauer verständlich zu inszenieren, da man allgemein dem Irrglauben unterliegt, die Stücke hätten dies nötig. Und das geht manchmal gründlich daneben, das wissen wir alle. Wenn Darsteller plötzlich unmotiviert nackt in der Gegend herumstehen, ein neonroter Pappmachéfelsen die Vereinsamung des Protagonisten verdeutlichen soll, oder die Abwesenheit eines Bühnenbildes auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam macht, merkt man als zahlender Zuschauer schnell, daß man gerade Zeuge einer sogenannten ‚modernen’ Inszenierung wird.

So ähnlich scheint es bei der Oper „Król Roger – König Roger” gegangen zu sein. Denn obgleich die Oper für sich genommen ein heute besonders brisantes Thema, nämlich das der religiösen Unterschiede von Kulturen und was passiert, wenn diese aufeinander prallen, anschneidet, schien dies nicht auszureichen.

Kurz zur Handlung: König Roger regiert ein nüchtern-gottesfürchtiges Sizilien mit kühler Strenge und ausgeprägtem Moralverständnis. Dies funktioniert ganz gut, ihm selbst, seiner Ehefrau Roxane, seinem klerikalen Berater Edrisi und dem Volk als Solchem geht es den Umständen entsprechend gut, zumindest solange, bis vor den Toren der Stadt ein fremder Hirte auftaucht, der mit seinen romantischen Ideen und den Erzählungen eines liebenden Gottes alle durcheinanderbringt. Der Klerus reagiert verständlich und fordert die sofortige Vernichtung des Störenfriedes, und weil Roger mit der Hinrichtung zögert, sondern statt dessen den Hirten, der wohl etwas in dem strengen König berührt hat, in die Freiheit entläßt, kommt es, daß nicht nur das gemeine Fußvolk, sondern auch der Klerus den revolutionären Ideen des Fremden verfällt und mit ihm davon wandert, allen voran Rogers Angetraute. Lediglich der Berater Edrisi bleibt ihm treu, und mit diesem macht Roger sich denn auch prompt auf die Suche nach Roxane und dem Hirten. König Roger findet und verliert Roxane aufs neu, kommt dabei jedoch sich selbst nahe und geht am Ende als neuer Mann aus dem Stück hervor.

Dieser einfache, aber immerhin in der heutigen Zeit global gesehen hochbrisante Inhalt schien den Verantwortlichen der Bonner Oper jedoch anscheinend nicht tiefgründig genug. Die religiöse Überzeugung Rogers wurde als versteinert und überholt dargestellt, sein Land als triste, emotionsleere Welt. Wohingegen die angepriesene Weltanschauung des Hirten als romantisch-freizügige Massenorgie bejubelt wurde. Das Zusammentreffen der beiden Protagonisten Hirte vs. Roger eine mit unterschwelliger Erotik aufgeladene Gefühlsverwirrung des Königs. Doch auch dies war dem Regisseur wohl noch nicht auffällig genug.

Es mußte ein Sub-Plot eingeschlichen werden, in Form eines stummen (überraschenderweise allerdings nicht nackten) Jünglings, der in regelmäßigen Abständen durch die Kulisse huschte und König Rogers Gefühlswelt in Aufruhr versetzte, die eigentlich schon mit dem Hirten genügend überfordert war. Damit nicht genug: der Jüngling trug in Akt eins einen Tennisschläger, Symbolbild für irgendwelche internen Emotionen Rogers nehme ich mal an. In Akt zwei wurde per Videoleinwand (ja, da steht Videoleinwand, ich war ebenfalls überrascht) während der instrumentalen Abkapselung des Volkes von ihrem König ein Film eingespielt, in welchem nach einigem hin und her und sichtlich traumatischen Gedankengängen, Roger und der Tennisjüngling endlich Hand in Hand nebeneinander standen – beide sichtlich froh und erleichtert.

Und während Roger im dritten und letzten Akt verzweifelt nach dem Hirten, pardon: nach Roxane suchte, durch einen Ozean watete, der durch blau angepinselte Holzstühle dargestellt wurde, und laut vor sich hin überlegte, wo wohl der Hirte geblieben sei, tauchte plötzlich der Tennisschläger wieder auf. Wie eine lang gesuchte Trophäe riß Roger das Accessoire an sich, geriet in ekstatische Freudentaumel und traf endlich seinen Jüngling auf der Empore. Das Volk tauchte nicht wieder auf, was genau mit Roxane passiert ist bleibt unklar, der Hirte verschwand nach einem mehr als fragwürdigen Auftritt, bei dem er an einem Seil von der Decke herabgelassen wurde, aber Roger begrüßte glückselig den Sonnenaufgang und schmachtete seinen Jüngling an, nun endlich fähig, seine Liebe für ihn zu erkennen. Król Rogers Pilgerwanderung zu innerem Frieden und einem neuen Gottesverständnis war zu einer rein emotionalen Reise im Sinne von „Der Tod in Venedig” degradiert worden, an deren Ende König und Jüngling sich klopfenden Herzens einander näherten. Da muß doch gratuliert werden, wenn so scharf an der ursprünglichen Aussage vorbei inszeniert wird!

Gerechterweise will ich hier nicht unerwähnt lassen, daß gewisse homoerotische Untertöne ohnehin das Libretto durchziehen, es war also kein völliger Schuß ins Blaue, den Hirten als Schlüssel zur sexuellen Befreiung Rogers hinzustellen. Daß Karol Szymanowski wohl selbst homosexuell war, gibt der Inszenierung eine gewisse Legitimation. Leider macht das das Bühnenbild auch nicht besser.

Es muß an dieser Stelle jedoch gesagt werden, daß selbst diese mehr als experimentelle und gewollt mystifizierte Inszenierung der Oper an sich nichts anhaben kann. „Król Roger” ist eine ohnehin nur recht kurze Oper mit ihren drei Akten und knapp 90 Minuten, die inhaltlich zwar anachronistisch aktuell bleiben wird, deren Grundaussage jedoch recht vage ist – man weiß nicht so genau, ob Roger sich den Lehren des Hirten anschließt, oder lediglich zu einer Art harmonischerem Selbstverständnis kommt; der ethische Zeigefinger wird ein klein wenig erhoben, die Romantik des Hirten geht scheinbar als Sieger, die verstaubte Lebensweise Rogers als augenscheinlicher Verlierer aus diesem religiös-emotionalen Kräftemessen hervor; die Rolle des Beraters ist diffus.

Die Musik bleibt dennoch überwältigend, auch wenn der Bariton an einem roten Seil zwischen blau angepinselten Stühlen durch eine kahle Kulisse gezerrt wird. Roxanes Arie ist ein Fest für die Ohren, das kann auch ihr plötzliches Wiedererscheinen in Männerkleidung nicht verhindern. Und der Inhalt könnte nicht aktueller sein, Tennisschläger hin oder her. Es lohnt sich also, alles in allem, dieses Kleinod der polnischen Opernhistorie zu sehen, ehe es wieder in der Versenkung verschwindet!

Król Roger – König Roger (Der Hirte)

Komponist: Karol Szymanowski (1882 – 1937)

Libretto: Jaroslaw Iwaskiewicz (1894 – 1980)

Uraufführung: 19. 6. 1926 in Warschau im Teatr Wielki

Meine zehn Cent zum ‘ESC’

Ich kann genau vorhersagen, wann Deutschland sich das nächste Mal auf europäischer Skala blamieren wird – nein, ich besitze keine hellseherischen Fähigkeiten, ich bin nur vorausschauend genug, um auf den Eurovision Song Contest zu blicken und zu sagen: Ja, genau an jenem Abend wird es wieder passieren. Denn heute hörte ich im Radio den Titel des deutschen Interpreten ‚Alex swings Oscar sings’ (pardon, ich muß gerade fürchterlich lachen ob dieses Namens) „Miss Kiss Kiss Bang”.

Wenn man mal davon absieht, daß seit einigen Jahren ein großer Teil der Eurovision Song Contest Titel auf englisch gesungen wird, kann man es Deutschland nicht einmal verübeln, daß wir lieber mit der allgemeinen Verenglischung mitziehen, anstatt uns die Blöße zu geben innovativ und selbstsicher auf deutsch zu singen. Es geht auch nicht darum, daß eigens für den Song Contest Gruppen gecastet gegründet werden, weil wir offenbar so wenig gute eigene Bands haben. Es geht mir in dieser freien Äußerung meiner Meinung alleine um die schiere Unverfrorenheit, ja, die Schmerzfreiheit, mit der Deutschland als Land einen sinnfreien, inhaltsleeren Titel ins Rennen schickt und sich dann auch noch der Hoffnung hingibt, diesmal würde man sich nicht zum Deppen machen. Denn, und vielleicht bin ich da ja auf etwas völlig Neuartiges und bisher Unerkanntes gestoßen: nur weil ein Text auf englisch gesungen wird, ist er nicht unbedingt auch gut. Ich mache eine kleine Pause, damit diese Information sich setzen kann.

Lieber H.P. Baxter, ich finde Sie toll und ich liebe Ihre Stimme auch wenn Ihre Musik nicht die meinige ist, also bitte verzeihen Sie mir, aber wie können Sie sich als langjähriger Musiker hinsetzen und ernsthaft behaupten, der Titel „Miss Kiss Kiss Bang” sei positiv und gut? Der Text ist mit diffus-aussagefrei recht passend beschrieben, die wenigen inhaltlastigen Zeilen die es gibt sind chauvinistisch und lüstern. Entschuldigung, aber es geht hier um einen Mann, der davon singt wie heiß, aufregend und sexy jene Dame ist, die dem Lied seinen einfaltslosen Titel gibt (erinnert der nicht merkwürdigerweise an die erfolgreiche Hollywoodkomödie „Kiss Kiss Bang Bang”?), und wie gerne er mit ihr ‚swingen’ würde; und das alles mit einer Stimme, die wahrscheinlich nicht unabsichtlich stark an Michael Bublé erinnert.

Weil die Verantwortlichen für dieses musikalische Mißgeschick sich der Lächerlichkeit ihrer Inszenierung vermutlich voll und ganz bewußt sind, wird beim Eurovision Song Contest auch weniger auf den Text, als mehr auf Beats und Dita von Teese gesetzt, die ohne Zweifel durch Fleischbeschau den zweifelhaften Inhalt des Liedes aufwerten oder davon ablenken soll. Interessant zu wissen, daß deutsche Musiker auf englische Texte und eine amerikanische Burlesque- (ein so viel schöneres Wort als Erotik) Tänzerin setzen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Nicht, daß mich jemand falsch versteht, ich finde Dita von Teese reichlich erotisch und ich halte sie für eine intelligente Person, die genau weiß wie sich selbst zu inszenieren hat. Ich frage mich nur, was das mit Musik zu tun haben soll.

Doch, sei es wie es sei, Deutschland wird sich auch beim diesjährigen Eurovision Song Contest maßlos blamieren, so meine Vorhersage. Wir hätten damals Scooter auftreten lassen sollen, als Stefan Raab die Masse der Fernsehzuschauer mit Max weichgespült hatte, dann hätten wir vielleicht auch nicht gewonnen, aber innovativ wären wir wenigstens mal wieder gewesen, anstatt immer nur peinlich.

Die kritische Kolumne: Alltagsrevolution

Alltagsrevolutionen

Ich sehe mich gerne als Alltagsrevoluzzerin. Das heißt nicht, daß ich mich wahllos Demonstrantengruppen anschließe, vor H&M in den Hungerstreik gehe, oder auf öffentlichen Proklamationen mit Bananenchips werfe. Auch wenn ich einsehe, daß solche Menschen gebraucht werden, und ich großen Respekt vor ihnen habe.

Doch Alltagsrevoluzzen geht ganz anders. Das kann auch jeder. Benötigt der Kleinguerilla für seine Protestaktionen Hilfsmittel wie Trillerpfeifen, faulige Nahrungsmittel, Transparente, oder die Stamina, mehrere Tage lang nackt auf einem Handtuch in der Fußgängerzone zu hungern, braucht der gemeine Alltagsrevoluzzer nichts von alledem. Er benötigt lediglich Willenskraft, und davon auch nicht sonderlich viel. Ich als Alltagsrevoluzzerin arbeite im Kleinen, fast schon im Stillen:

Wenn ich hausgroße Werbeplakate für Zahnseide, kostenfreie Girokonten, oder megasuperhammerniedrige Handyverträge sehe, ignoriere ich sie. Die Werbeflugblätter, die täglich in meinem Postkasten landen schmeiße ich unbesehen fort. Fernsehwerbung wird sofort der Ton abgedreht. Ja, manchmal lache ich heimlich über die angepriesenen Produkte-Schrägstrich-Dienstleistungen, von denen ich ja ahne, daß sie niemals auch nur annähernd das halten, was sie der Form halber und mit hanebüchenen Botschaften versprechen (und auch das nur, bis das Kleingedruckte bemerkt wird). Mit Genugtuung strafe ich die Werbeheinis mit meiner persönlichen Mißachtung. Ich mache mir nicht einmal die Mühe, mich darüber aufzuregen, ich beachte es einfach nicht.

Doch damit nicht genug. Meine Privatrevolution findet nicht nur innerlich statt. Meine Mitmenschen bekommen sie ebenfalls zu spüren. Nicht, indem ich schwingende Reden über die groben Mißstände unserer Gesellschaft halte (auch wenn dies bitter nötig ist-es gibt andere, weitaus fähigere Menschen, die so etwas mit Leidenschaft tun), sondern indem ich als leuchtendes Beispiel vorangehe: Wenn ich von einem Thema wenig Ahnung habe, dann bin ich so frei, in Gesprächsrunden einfach den Mund zu halten. Ja, so leicht geht das. Einfach mal mit der eigenen ungegorenen und vermutlich auf Halbwahrheiten basierenden Meinung hinter den Berg halten. Meine Unwissenheit für mich behalten, und bei der nächsten Gelegenheit dafür sorgen, daß daraus Wissen werden kann indem ich mich informiere.

Es gibt natürlich noch viele, nahezu unzählige, Arten auf die man privat revoluzzen kann: ein gutes Buch lesen, zum Beispiel, wenn im Fernseher nur „Das perfekte Dinner” läuft; sich selbst informieren, wenn man merkt, daß die eigene Bildung auf einem Gebiet unzureichend ist; freundlich sein zu jemand, der einen grundlos anmeckert; nachfragen, wenn man etwas nicht versteht; dem Lehrer das Recht einräumen, daß er vermutlich gute Gründe hatte, meinem Kind eine Strafaufgabe zu geben.

Die Möglichkeiten sind geradezu endlos. Und man braucht gar keine Hilfsmittel, setzt seine Gesundheit nicht aufs Spiel und wird garantiert nicht festgenommen.

Ich sehe ein, daß sich all dies einzeln und für sich genommen geradezu lächerlich anhört. Doch glauben Sie mir, wenn jeder nur ein kleines Stückchen auf diese Art und Weise den Alltag revolutioniert, wird sich etwas ändern. Und wenn es nur Ihre eigene Meinung ist.

Revoluzzen Sie mit mir!

Die kritische Kolumne: Neue Deutsche Prosa

Es ist die Mitte der Woche und Zeit für das mittwöchentliche Update, diesmal mit dem Thema:

Neue Deutsche Prosa und wie sie die Literaturszene Deutschlands verhöhnt

Zunächst einmal, um Mißverständnisse zu vermeiden, eine kurze Erläuterung zu der Bezeichnung Neue Deutsche Prosa, oder kurz NDP. Es ist eine wörtliche Eigenkreation und bezeichnet jene Arten schriftstellerischer Ausuferungen, die in semi-intellektuellen Literaturblättchen gerne als ‚tiefgründig’ und ‚die Probleme der Mittelschicht akkurat und detailgenau offen legend’ dargestellt wird. Die Art von Büchern, die von Kritikern hochgejubelt werden und die der Durchschnittsbürger sich ins Regal stellt, oder verschenkt, um mondän zu wirken.

Julia Francks „Die Mittagsfrau” ist Neue Deutsche Prosa.

Tommy Jaud und Benjamin von Stuckrad-Barre sind Neue Deutsche Prosa.

Nahezu alle Kurzgeschichten, die aus der ersten Person Singular geschrieben sind und den ‚wahren Alltag der Unterschicht (Verzeihung: des Prekariats)’ tiefsinnig widerspiegeln indem sie auf Plot und Charakterentwicklung verzichten (denn wo findet sich das schon, im wahren Alltag?!) sind Neue Deutsche Prosa.

NDP besteht meist aus kurzen (nein: prägnanten!) Sätzen, hat innerlich leere, kaputte Protagonisten (wie das im Leben eben so ist) und ‚realistische’ wörtliche Reden (das heißt im Klartext, die Personen plappern sinnleer dahin und sagen oft „Scheiße”).

Für NDP benötigt ein Schreiberling keinen direkten Plot, genausowenig wie eine direkte Aussage-eine solche wird später, falls es das Geschriebene zu etwas bringt, von den Kritikern dazuerfunden; und falls dies unmöglich ist, so ist es trotzdem ein Werk von Brillanz, denn das wahre Leben, dessen Spiegel die NDP ja ist, hat eben keine klare Aussage. Saved by the bell.

Deswegen ist das Schreiben von NDP auch sehr leicht, was vielleicht der Grund für die momentane Überflutung des deutschen Literaturmarktes ist.

NDP findet sich auch in der Lyrik wieder, als NDL. Denn dank des morphens von NDP zu NDL kann nun jeder halbwegs geradeaus Denkende ‚Lyrik’ verfassen, indem ein banaler Satz auseinander genommen und gekonnt auf einer Seite verteilt wird; die Zeichensetzung kann dabei gerne in den Wind geschossen werden. Oft werden auch Titel und Groß-/Kleinschreibung in Selbigen geschossen, vermutlich damit die Gedichtaussage nicht eingegrenzt wird.

sonnenstreifen

auf meinem teppich

wärmen den boden

doch nicht

mich

…Allein

Solche Gedichte gewinnen PREISE!

NDP Kurzgeschichten gewinnen WETTBEWERBE!

Das ist verdammt weit weg von Goethe, Deutschland.

NDP… NPD… hmm