Kolumne: Diplomvideothekarinnen

Die dunkle Seite des Menschenverstandes

oder

Diplomvideothekarinnen

Teil 1

Wenn ich nicht zuhause auf meine Tastatur hacke oder in meiner Ausbildungsstätte mit meiner Aufmerksamkeitsspanne kämpfe, stehe ich hinter der Theke einer Videothek und erkläre meinen Kunden, dass sie einen Film auch bezahlen müssen wenn er ihnen nicht gefallen hat.

In unserer Videothek arbeiten nahezu ausschließlich Frauen, was Folgendes bedeutet: Erstens, es ist immer sauber. Zweitens, es mangelt uns nie an Tee, Kaffee und Süßigkeiten. Und drittens, wenn wir zu mehreren Schicht schieben, kann es mitunter sehr albern zugehen.

Unsere Kunden stört das meistens nicht weiter. Diejenigen, die öfter kommen, sind daran gewöhnt und denken vermutlich, wir wären ein Langzeitprojekt zur Re-Integrierung von Seelenpflegebedürftigen in die Arbeitswelt. Und diejenigen, die nur sporadisch vorbeikommen, nun, die sind ja nicht oft da.

Manchmal löse ich meine Chefin zur Spätschicht ab.

Meine Chefin ist eine sehr humorvolle junge Frau und als Vorgesetzte eine ziemliche Wucht! Alle haben sie gerne, nicht nur die Kollegen, auch die Kunden. Wenn sie zufälligerweise mal nicht vormittags arbeitet, sondern ich an ihrer statt, fragt mich so ungefähr jeder dritte Kunde enttäuscht, ob denn die Chefin heute nicht da sei. Dann versuche ich, mich nicht herabgesetzt zu fühlen.

Meine Chefin und ich verstehen uns ziemlich gut. Aber oft, wenn ich sie ablöse, hat sie schon sieben Stunden hinter der Theke gestanden, zwei Dutzend neue Pornofilme einsortiert, eine handvoll unverschämter Kundenbegegnungen gehabt („Warum haben Sie denn keine Kundentoilette? Wo machen Sie denn, wenn Sie mal müssen? Finden Sie, dass das richtig ist?!“) und musste einige Male auf die Toilette.

Meine Chefin geht nicht gerne auf die Toilette. Sie findet das ewige Hose-runter/Hose-wieder-hoch so zeitraubend. Als sie mir das zum ersten Mal erklärte, habe ich laut lachen müssen. Sie hat mitgelacht, aber ich habe später verstanden, dass sie das bierernst meinte.

Ich muss überhaupt ziemlich oft laut lachen, wenn wir uns unterhalten. Aber wer kann schon einen reglosen Gesichtsausdruck dem Kunden gegenüber behalten, wenn es gerade aus dem Mitarbeiterbereich laut tönt: „Oh nein! Ich muss schon wieder Pipi! Ich will das nicht!“

Oder wenn sie mitten in einer Aktion plötzlich zum CD-Spieler springt und ausruft: „Boah, was ist denn das für ein Kacklied? Das geht ja mal gar nicht, ey!“

Sie ist auch die einzige, die versteht, wenn ich den Kunden den neuen Robin Hood stets als Russell Hood vorlege. Es ist eine Art Langzeitstudie von mir über das Thema „Wir nehmen nur wahr, was wir wahrnehmen wollen“ – die derzeitige Quote liegt bei 99,9%: aus sehr vielen Testsituationen hat bisher ein einziger Kunde die Diskrepanz bemerkt.

Neulich hat sie mir eine sehr schwierige Avatar Situation erklären müssen, in deren Verlauf die Frage aufkam, worin sich die neue Director’s Cut Deluxe Sonderedition von der Normalversion unterscheide. Ich hab gesagt: „Die haben alle Avatarwesen durch Indianer ersetzt und den Hauptdarsteller durch Kevin Costner und jetzt ist es wieder Der mit dem Wolf tanzt.“

Meine Chefin musste lange lachen. Die umstehenden Kunden nicht so.

Meine Chefin ist auch geduldig. Es macht ihr nicht viel aus, wenn ich während einer zähen Schicht die Plakate hinter der Kasse bemale, oder den Pappaufstellfiguren Sprechblasen anklebe. Oder wenn ich langweilige Standardbewegungen mit einer selbstgemachten Geräuschkulisse aufpeppe. Das mache ich allerdings nur noch, wenn keine Kunden in der Nähe sind. Deren Verständnishorizont ist einfach noch nicht so weit.