Das zweite Gespräch aus der Reihe “ein wichtiges Telefongespräch”.
Person: Eine junge Frau, Mitte Zwanzig
„Hej du, ich bin’s. Stör ich grad? Ach gut. Nee, ich wollt nur mal ein bißchen quatschen – nichts Neues. Oder doch, warte mal, ich hab immer noch nichts von diesen Praktikumsfutzis da gehört. Pff, weißte, die stellen sich vielleicht an. Wollen keine Teilzeitkraft einstellen, weil, Himmel hilf!, das könnte ja Geld kosten, da müsste man dann ja Gehalt zahlen und eine unterbezahlte Praktikantin kann das ja fast genausogut machen, und dann behandeln die diejenigen, die sich dann auch noch auf das Angebot bewerben, weil se nix Besseres kriegen können und sich denken, besser ein Praktikum als ne verdammte Leerstelle im Lebenslauf, die behandeln die dann so von oben herab. Ja, ich hatte doch mit denen telephoniert letzte Woche Montag und da hieß es dann ja schon, dass die ausgeschriebenen ‚Chancen auf Festanstellung’ im Moment eher nicht so gut aussehen, sprich: war eh nie im Angebot sondern hat nur die Stellenausschreibung besser aussehen lassen. Gut, hätt ich jetzt ohnehin nicht gewollt, aber trotzdem, was soll denn das? Und dann meinten se, se melden sich bis zum Wochenende und, ja, jetzt ist halt Mittwoch. Ich meine, was soll denn das bitteschön?! Meinen die echt, jemand bewirbt sich auf diese Kackstelle, weil er oder sie als überqualifizierter Studienabgänger sich nichts Besseres vorstellen kann, als für umgerechnet zwei Euro fünfzig die Stunde den Empfangswauwau für irgendeine NoName Versicherungsagentur zu geben, um dann ja doch nicht übernommen zu werden? Nö, jetzt hab ich dann halt erstmal keinen Praktikumsplatz und weniger als zwei Euro fünfzig die Stunde in der Tasche. Kann ich meinen Eltern wieder nicht erzählen, dann heißt es gleich wieder, ich hätte mich doch woanders bewerben wollen, wo man auch Karrierechancen hat und wo ich dann halt gleich bleiben kann. Ja, natürlich, meine Eltern denken ja auch, ich werd jetzt irgendwo Angestellte in einer Firma und bleib dann da und das ist dann meine Lebenserfüllung. Süß, oder? Ich weiß, dass du das weißt, aber manchmal muss ich das einfach noch mal laut sagen, um mir der Komik dieser Aussage bewußt zu werden. Oder Tragik, ja, hast ja recht. Wie lange kennen die mich jetzt schon, sechsundzwanzig Jahre, und die denken, ich schalte meine Träume einfach so von jetzt auf gleich ab, bloß weil sie das gerne hätten? Machen deine auch, ich weiß, ist ja auch viel bequemer. Dann muss man sich nicht mit Sorgen Co-Abhängig machen. Wir können ja schon froh sein, dass keiner unser Väter Anwalt oder so ist und erwartet, dass wir seine Kanzlei übernehmen. Dann hätten wir ihnen schon viel früher das Herz brechen müssen. Das Ironische ist nur: Solange man an seinen Träumen nur arbeitet und noch keinen Erfolg damit hat, versuchen se, es einem auszureden; aber sobald man’s dann geschafft hat, dann kommen so Aussagen wie ‚Wir haben’s ja immer gewußt’ und dann wird man plötzlich dafür bewundert, dass man all die Jahre so hart daran gearbeitet hat und sich so verbissen daran festgeklammert. Mann, das kotzt mich manchmal echt an. Weißte, es gibt so Sätze, wenn ich die irgendwo höre oder lese, da könnt ich schon schreien. So Sachen wie ‚Und dann die Haare locker mit Haarnadeln feststecken’ oder halt ‚Denk mal darüber nach, ob es das wirklich Wert ist’. Doch! Das war genau der Satz in genau der Betonung, den ich als erstes gehört habe, als ich mit der Lufthansa-Absage kam. Die wollten gar nicht hören, dass man auch noch woanders ne Pilotenausbildung machen kann, die dann halt verdammt teuer ist, oder dass ich überlege, in die USA zu gehen, weil es dort billiger ist. Den Pilotentraum konnt ich denen nur solange verkaufen, wie er einfach, sicher und schnell zu erreichen war, mit guten Zukunftsaussichten. Pilot bei Lufthansa gleich Prima. Pilotenschein irgendwie woanders machen für teures Geld gleich Drama. Und jetzt hat meine Mama so einen Artikel gelesen von so einer Frau, die da meinte, ein Buch darüber schreiben zu müssen, dass es keine ‚Berufung’ gibt und dass man sich zufriedengeben muss, und dass es keine wirklichen Träume gibt, die es Wert sind, verwirklicht zu werden. Ich meine, hallo? Geht’s noch? Da schreibt die ein Buch drüber? Ja, ja, ist doch absurd! Ich räume ein, dass es Menschen ohne Berufung gibt und Menschen, die vielleicht wirklich keine Träume haben. Aber man kann doch nicht von sich so auf die Allgemeinheit schließen und denjenigen, die eine Leidenschaft haben, die sie verwirklichen müssen, weil sie sonst zugrunde gehen, solche Sachen entgegen schleudern; das ist ja ein Tritt in die Magengrube! Nee, das ist nur Wasser, ich mach mir nen Tee. Such ich halt weiter nach irgendner Teilzeitstelle oder Praktikum – irgendwie muss ich ja das Geld für den Schein zusammenkriegen. Ich dachte, das ist voll easy nach dem Studium, hast’n Abschluss, kriegste schnell einen guten Job, kannst sparen und dann ab Richtung Himmel wo die Sonne immer scheint. Ja, Pustekuchen. Hätt ich mal ne Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht, wie all die anderen Tränen aus meiner Klasse – die haben jetzt einen festen Job, ein gutes Gehalt und vermutlich ne schicke Wohnung und ein Haus in Aussicht. Und einen Mann und zwei Kinder und den obligatorischen Hund und in zwanzig Jahren sitzen se zuhause und halten’s nicht mehr aus, weil ihnen irgendwas fehlt, das sie aber nicht näher greifen können und ach, vielleicht doch ganz gut, dass wir das nicht gemacht haben. Jetzt hängen wir halt mal ne Weile in den Seilen und brauchen Geld von Mama und Papa, um zu überleben. Aber wenigstens arbeiten wir an unseren Träumen und das hält aufrecht. Ich weiß. Und wir schaffen das auch. Und jetzt muss ich Wasser aufgießen und in der neuen Zeitung die Bewerbungsausschreibungen durchgehen. Hauptsache, das Praktikum ist nicht total unterbezahlt; und wenn’s ganz übel kommt hält mich bei der Stange, dass ich das alles nur mache, um von hier wegzukommen. Aber das sagen wir keinem solange es noch nicht soweit ist. Die wollen einem das ja doch nur ausreden und ich hab einfach keinen Bock mehr zu diskutieren. Okay, mach ich. Mach’s gut, ja, wir telefonieren morgen wieder. Dann kannst du mir sagen, wie’s bei dir gelaufen ist. Viel Glück! Alles klar! Tschaui!“