Kolumne: Diplomvideothekarinnen

Die dunkle Seite des Menschenverstandes

oder

Diplomvideothekarinnen

Teil 1

Wenn ich nicht zuhause auf meine Tastatur hacke oder in meiner Ausbildungsstätte mit meiner Aufmerksamkeitsspanne kämpfe, stehe ich hinter der Theke einer Videothek und erkläre meinen Kunden, dass sie einen Film auch bezahlen müssen wenn er ihnen nicht gefallen hat.

In unserer Videothek arbeiten nahezu ausschließlich Frauen, was Folgendes bedeutet: Erstens, es ist immer sauber. Zweitens, es mangelt uns nie an Tee, Kaffee und Süßigkeiten. Und drittens, wenn wir zu mehreren Schicht schieben, kann es mitunter sehr albern zugehen.

Unsere Kunden stört das meistens nicht weiter. Diejenigen, die öfter kommen, sind daran gewöhnt und denken vermutlich, wir wären ein Langzeitprojekt zur Re-Integrierung von Seelenpflegebedürftigen in die Arbeitswelt. Und diejenigen, die nur sporadisch vorbeikommen, nun, die sind ja nicht oft da.

Manchmal löse ich meine Chefin zur Spätschicht ab.

Meine Chefin ist eine sehr humorvolle junge Frau und als Vorgesetzte eine ziemliche Wucht! Alle haben sie gerne, nicht nur die Kollegen, auch die Kunden. Wenn sie zufälligerweise mal nicht vormittags arbeitet, sondern ich an ihrer statt, fragt mich so ungefähr jeder dritte Kunde enttäuscht, ob denn die Chefin heute nicht da sei. Dann versuche ich, mich nicht herabgesetzt zu fühlen.

Meine Chefin und ich verstehen uns ziemlich gut. Aber oft, wenn ich sie ablöse, hat sie schon sieben Stunden hinter der Theke gestanden, zwei Dutzend neue Pornofilme einsortiert, eine handvoll unverschämter Kundenbegegnungen gehabt („Warum haben Sie denn keine Kundentoilette? Wo machen Sie denn, wenn Sie mal müssen? Finden Sie, dass das richtig ist?!“) und musste einige Male auf die Toilette.

Meine Chefin geht nicht gerne auf die Toilette. Sie findet das ewige Hose-runter/Hose-wieder-hoch so zeitraubend. Als sie mir das zum ersten Mal erklärte, habe ich laut lachen müssen. Sie hat mitgelacht, aber ich habe später verstanden, dass sie das bierernst meinte.

Ich muss überhaupt ziemlich oft laut lachen, wenn wir uns unterhalten. Aber wer kann schon einen reglosen Gesichtsausdruck dem Kunden gegenüber behalten, wenn es gerade aus dem Mitarbeiterbereich laut tönt: „Oh nein! Ich muss schon wieder Pipi! Ich will das nicht!“

Oder wenn sie mitten in einer Aktion plötzlich zum CD-Spieler springt und ausruft: „Boah, was ist denn das für ein Kacklied? Das geht ja mal gar nicht, ey!“

Sie ist auch die einzige, die versteht, wenn ich den Kunden den neuen Robin Hood stets als Russell Hood vorlege. Es ist eine Art Langzeitstudie von mir über das Thema „Wir nehmen nur wahr, was wir wahrnehmen wollen“ – die derzeitige Quote liegt bei 99,9%: aus sehr vielen Testsituationen hat bisher ein einziger Kunde die Diskrepanz bemerkt.

Neulich hat sie mir eine sehr schwierige Avatar Situation erklären müssen, in deren Verlauf die Frage aufkam, worin sich die neue Director’s Cut Deluxe Sonderedition von der Normalversion unterscheide. Ich hab gesagt: „Die haben alle Avatarwesen durch Indianer ersetzt und den Hauptdarsteller durch Kevin Costner und jetzt ist es wieder Der mit dem Wolf tanzt.“

Meine Chefin musste lange lachen. Die umstehenden Kunden nicht so.

Meine Chefin ist auch geduldig. Es macht ihr nicht viel aus, wenn ich während einer zähen Schicht die Plakate hinter der Kasse bemale, oder den Pappaufstellfiguren Sprechblasen anklebe. Oder wenn ich langweilige Standardbewegungen mit einer selbstgemachten Geräuschkulisse aufpeppe. Das mache ich allerdings nur noch, wenn keine Kunden in der Nähe sind. Deren Verständnishorizont ist einfach noch nicht so weit.

Die kritische Kolumne: Filmkritik zu “Alexander II – Return of the King”

Wer nicht weiß, was er in den nächsten Tagen mit sich anstellen soll, weil er oder sie aus unerfindlichen Gründen kein Fußball schaut, hat nun eine Alternative. Leiht euch „Alexander II: Return of the King“ aus der Videothek aus!

Wer erinnert sich noch an die sagenhafte Verfilmung des Lebens, Liebens und Leidens Alexander des Großen, “Alexander”? Mit dem göttlichen Colin Farrell, der sich mit Dackelblick durch die Szenen schmachtet, und Anthony Hopkins als epischer Off-Erzähler.

Nun, wem dieses Spektakel gefallen hat, der wird die Fortsetzung, welche leider nur auf DVD erschienen ist, lieben:

„Alexander II: Return of the King“ heißt das bildgewaltige Actionepos. Eine kurze Inhaltsbeschreibung sähe so aus:

Nach seiner heimtückischen Ermordung findet sich Alexander der Große (Farrell) wider Erwarten im Jenseits wieder, wo er nach einiger Zeit des Herumirrens auf Hitler (Michael Dudikoff), Lady Di (Uschi Glas) und die Pläne für einen Jenseits-Diesseits-Transgressor stößt (das Ding heißt wirklich so!).

Nicht gewillt, eine Ewigkeit in der Hölle ohne Hephaistion zu verbringen, stiehlt Alexander den Transgressor und kehrt mit ihm ins Diesseits zurück. Doch auch hier ist einige Zeit vergangen, und so findet sich der Großherrscher im Jahr 2050 wieder.

Schockiert und ungehalten über die Tatsache, daß Hephaistion nicht wiedergeboren wurde und sein einstiges Großreich zerstückelt ist, macht Alexander sich daran, seine alte Macht zu erneuern.

In einer Gegenwart, die kurz vor dem dritten Weltkrieg steht, vereinigt er erneut Kleinasien, den vorderen Orient und Europa. Sein Ziel: Absolute Weltherrschaft! Doch er hat die Rechnung ohne Hitler und Lady Di gemacht, die dem Helden gefolgt sind und nun die USA zum Gegenschlag mobilisieren!

Was sich anhört wie übelster sci-fi Trash ist in Wahrheit ein Hochglanzmeisterwerk voll tiefgründiger Gesellschaftskritik und markerschütternder Leidenschaft. Denn, und ich bin sicher, daß ich damit nicht zuviel vorwegnehme, zwischen Diana und Hitler funkt es gewaltig, was vielleicht auch an den Schauspielern liegt, die sichtlich Spaß mit ihren Rollen hatten.

Hier kommt eigentlich jeder auf seine Kosten: die Romantikerinnen werden fiebern, ob Hitler und Lady Di zusammenkommen, ob Alexander endlich wieder mit Hephaistion vereint wird (und es gibt einige saftige Rückblenden, Mädels und Jungs!). Die Ästheten dürfen sich an Colin Farrells Hundeblick und Michael Dudikoffs Muskelspiel ergötzen. Und die Rambo-verwöhnten Actionliebhaber können sich in der breiten Endzeitschlacht um die Weltherrschaft so richtig austoben!

Kurzum, der Film bietet für jeden Geschmack etwas, und es ist wirklich ein Jammer, daß die Produktion es nur auf DVD und nie ins Kino geschafft hat; denn wenn Hitler auf einem Roboterpferd mit seiner Armee der Untoten in den Sonnenuntergang galoppiert, sprengt die Bilderwucht jeden Fernseher!

So gut habe ich Michael Dudikoff und Uschi Glas schon lange nicht mehr erlebt!

„Alexander II: Return of the King“ – eine Jerry Bruckheimer Produktion, unter der Regie von Sylvio Tabet („Beastmaster 2“) und geschrieben von Jared Leto (!!).

Hier die offiziellen Kritikzitate aus der ‚Video-News’ Zeitschrift vom Mai:

„Ein großartiges Epos!“ –Playboy

„Eine bildgewaltige, spektakuläre Actionorgie!“ –Das Goldene Blatt

„Echt hammer! Voll gute Schauspieler und so!“ –Bravo

Mai 2010—Nur auf DVD!

****

***

**

*

Action

Drama

Anspruch

Erotik

Gesellschaftskritik

Schnipselgeschichte: Das Ende einer Geschichte

Wörter: 200

~Das Ende einer Geschichte~

Jede Geschichte endet einmal, und diese Geschichte endet mit den Worten:

„Ich gehe nicht ohne dich zurück.“

Sie wundern sich vielleicht, daß ich Sie so mitten ins Geschehen werfe, aber es passiert nun einmal, in eben diesem Augenblick.

„Ich gehe nicht ohne dich zurück!“, sagt er also. Nein, das stimmt nicht ganz: Schreit er. Er muß schreien, damit seine Worte es durch das Heulen des Sturmes und das Prasseln der Hagelkörner schaffen. Bis zu den Knöcheln steht er im Wasser, und der Regen durchtränkt ihn. In den vom Hagel gepeitschten Pfützen spiegelt sich das Licht der Sterne in der Dunkelheit. Kaum ist auszumachen, wo der Nachthimmel beginnt, und wo die Straße aufhört. Es ist eine dieser Nächte, wo es möglich scheint, von der Erde direkt in den Himmel zu wandern. Und das hat sie vor.

„Komm!“, ruft er. Aber sie sieht schon durch ihn hindurch, als gäbe es ihn nicht mehr. Oder als gäbe es sie selbst nicht mehr.

Ich sehe bereits erste Fragezeichen in Ihren Augen. Von wem ist die Rede? Was geschieht denn dort?

Doch eine gute Geschichte benötigt viel Zeit, und wer hat die heutzutage schon? Sie etwa? Na, sehen Sie. Deswegen erzähle ich Ihnen das Ende.

Geekhausen Update: Wettbewerb

Entgegen meiner festgelegten Prinzipien, nur noch an Wettbewerben teilzunehmen, die Beitragseinreichungen per Email akzeptieren, habe ich heute eine postalische Einreichung vorgenommen.

Das Preisgeld von 10.000 € hat mich überzeugt, eine Briefmarke zu kaufen. Das und die Tatsache, daß das Thema sehr freimütig in Richtung Science-Fiction geht (Lit.Award Ruhr 2010). Nicht, daß ich mich Illusionen hingeben würde, vermutlich suchen sie Neue Deutsche Sci-Fi Prosa und nicht sinnfreie Geekstories. Egal. Mel wollte mitmachen und der Captain hat die Aktion abgesegnet, so there.

Quote of the week:

“I’ve always found that sticking your fingers in your ears and humming loudly solves a whole slew of problems.”

(Stargate SG-1)

Theaterstück: Aus gegebenem Anlaß

Aus gegebenem Anlaß

Ein Theaterstück in einem Akt für neunundneunzig Statisten und eine Sprechrolle

Akt 1 von 1

Der Hörsaal einer großen Universität. Es stehen neunzig ausgefaltete Klappstühle in mehreren, halbrunden Reihen aufgebaut um einen freien Platz, der dem Redner überlassen ist. Die Stuhlreihen sind so aufgebaut, daß sie nahtlos an die Stuhlreihen der Theaterzuschauer anschließen, das heißt, die Statisten sitzen mit dem Rücken zum Publikum, der Redner wird vor den Statisten stehen und ins Publikum blicken.

Noch ist der Saal leer, erst wenn beinahe alle Zuschauer ebenfalls sitzen, beginnt sich der Hörsaal zu füllen. Studenten schlurfen und gehen herein. Stühle werden herumgerückt, Taschen ausgebreitet, das ein oder andere Hallo wird ausgetauscht. Es herrscht der normale Geräuschpegel den Menschen verursachen, wenn sie mehr oder weniger gespannt auf das Eintreten eines Ereignisses warten. Niemand weiß so genau, was verkündet werden wird, der Grund der Versammlung ist nur durch verschiedene, teilweise widersprüchliche Gerüchte bekannt.

Es sind nicht genügend Stühle vorhanden, das wird kurz unter den Studenten thematisiert, dann setzen sich die verbliebenen Stuhllosen auf den Boden.

Schließlich betreten fünf deutlich ältere Personen den Saal und vier davon setzen sich auf extra bereit gestellte Stühle, den Studenten zugewandt. Eine Person bleibt stehen und sieht in die Runde.

 

Redner

„Liebe Studenten. Es freut mich, daß Sie heute so zahlreich zu dieser kurzfristig einberufenen Vollversammlung erschienen sind.

Wie Sie alle mitbekommen haben, befindet sich unser Haus bereits seit einiger Zeit in einer finanziellen Krise. Damit stehen wir natürlich nicht alleine da, nein, deutschlandweit befinden sich die Universitäten in einer prekären Lage!

Da gibt es Vorwürfe vom Staat, die Studenten lernten nicht annähernd genug, seien überqualifiziert, fänden keine Arbeit weil sie zu alt für den Jobmarkt sind, oder kämen nicht zurecht, weil sie zu jung für die Wirtschaftswelt sind. Sie kennen die Debatten, sie sind kaum neu, darum werde ich darauf nicht näher eingehen.

Lassen Sie mich, ehe ich zum Punkt komme, kurz Revue passieren, wie wir hierher gefunden haben.

Ich stehe hier vor einer Ansammlung von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die einen sind bereits im zweiten Universitätssemester, kurz vor dem Abschluß, gehören also noch der früheren Generation derer an, die erst mit drei Jahren eingeschult wurden und nach der neunten Klasse Abitur gemacht haben.

Dann gibt es diejenigen, die schon nach der neuen Bildungsreform mit anderthalb Jahren eingeschult wurden, dafür allerdings bereits nach der achten Klasse Abitur machen konnten, und die sich nun im ersten Hochschulsemester befinden.

Eine breite Kluft, die unsere Universität gut überbrückt möchte ich fast sagen. Wir schlagen gekonnt den Spagat zwischen dem neuen und dem alten Bildungssystem, und darauf sind wir ganz besonders stolz. Unsere Lernangebote sind breit gefächert, Sie haben die Wahl zwischen beinahe zwei verschiedenen Studiengängen. Die Seminare sind altersübergreifend, das Studenten-Dozenten Verhältnis ist mit dreißig Studenten auf einen Dozierenden mehr als ausgewogen – kurzum, hier kommt jeder Student auf seine Kosten!

Die Universität allerdings nicht mehr, es schmerzt mich, dies zuzugeben.

Trotzdem wir in den letzten Monaten zahlreiche Kürzungen eingeführt haben, konnte uns auch die absolute und konsequente Einsparung der Heizkosten durch Abmontieren aller Heizkörper keine schwarzen Zahlen bescheren.

Auch das Entlassen von, Sie wissen es, sechzehn Dozenten im letzten Semester hat sich im Jahresbudget kaum nieder geschlagen.

Letzten Monat mußten wir das Unimaskottchen schlachten, eine schmerzhafte Erfahrung, auch für den wackeren Studenten, der sich für die Übernahme dieser Aufgabe bereit erklärte. Er ist noch in therapeutischer Behandlung, läßt Sie jedoch alle auf diesem Wege grüßen, wie mir sein Wärter vorgestern versicherte.

Und die Untervermietung einiger Seminarräume – nun, ich gebe zu, daß sich dies als keine sonderlich gute Idee herausgestellt hat. Nicht nur, daß der Schützenverein vorletzte Woche versehentlich zwei Professoren erschoß – dies senkte die Verschuldung des Instituts übrigens ebenfalls kaum – auch die Schlachterei im ehemaligen Laboratorium hat sich als kein glücklicher Vertragspartner erwiesen. Besonders die Studenten der Pädagogikkurse beklagen sich zunehmend über die Lärmbelästigung durch die Todesschreie der Tiere.

Einzig die Nutzung der Erdgeschoßräume als öffentliche, kostenpflichtige Garage rentiert sich derzeit. Auch wenn sich die Abgase aufgrund fehlender Luftschächte in den Fluren sammeln, so nehmen wir doch durch die Parkgebühren eine nicht unbeträchtliche Summe ein, ohne die wir den ständigen Bedarf an Kreide und wasserlöslichen Folienstiften kaum decken könnten.

Doch, liebe Studierende, überraschenderweise konnten uns all diese Maßnahmen nicht aus dem finanziellen Tief hebeln, in das wir uns, ich gestehe es, selbst hinein manövriert haben mit dem Einbau des Whirlpools im Dozentenbüro letztes Jahr.

Deswegen mußten nun drastischere Schritte eingeleitet werden.

Wie Sie sehen hat sich hinter mir das noch bestehende Dozentenkollegium versammelt – um Ihnen auf Wiedersehen zu sagen.

Ja, es ist tragisch, doch die Universität kann sich leider keine Angestellten mehr leisten.

Doch keine Sorge, als letzter Verbleibender werde ich mich persönlich dafür einsetzen, daß Sie nicht nur Ihr Studium erfolgreich beenden können, sondern, daß künftig auch mehr Studenten an unsere Universität kommen werden, um wirtschaftlichen Aufschwung zu geben!

Ich bitte Sie, liebe Studierende, hören Sie mich zu Ende an, ehe Sie sich zu Wort melden!

Denn das ist noch nicht alles.

Ich habe das verbleibende Gebäude der Universität an einen namhaften Pharmakonzern untervermietet. Sie werden uns sogar erlauben, zwei Räume sowie Teile der Damentoilette weiterhin zu benutzen, wenn wir uns bereit erklären, Ihnen gelegentlich für Tests zur Verfügung zu stehen. Ich denke, dies läßt sich einrichten und habe bereits eine erste Probandengruppe zusammengestellt. Der Kurs ‚Freier Wille in der kapitalistischen Gesellschaft’ trifft sich morgen um halb neun vor Seminarraum vier zur Blutabnahme.

Doch keine Sorge!

Auch ohne Hörsaal und Dozenten werden Sie Ihren Abschluß bekommen – denn wir werden die erste Universität sein, die von daheim aus absolviert werden kann!

Sie sind alt genug, werte Studierende, daß Sie sich die Informationen, die Sie zum Abschließen Ihrer Fächer benötigen, leicht selbst beschaffen können. Ich denke da an das Internet, aber auch an öffentliche Bibliotheken.

Wenn Sie sich Ihr benötigtes Fachwissen angeeignet haben, können Sie mich montags und mittwochs zwischen 12:56h und 13:16h telephonisch erreichen und ich schicke Ihnen dann per Email Ihr Abschlußdiplom zu, sobald Ihre Gewebeproben im Labor und die Studiengebühren auf meinem Konto eingegangen sind. Einfach und unkompliziert – die Universität der Zukunft! Ich nenne es den ultimativen e-campus!

Es steht Ihnen natürlich frei, zusätzlich eine Ausbildung in der Pharmazie anzufangen – das Unternehmen im Haus ist immer auf der Suche nach jungen Talenten.

Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als mich für heute von Ihnen zu verabschieden. Vielen Dank für die Teilnahme, studieren Sie fleißig weiter – Sie sind die Zukunft unseres Landes!

Wir hören voneinander.“

Er geht ab, und nach ihm löst sich auch die Studentengemeinschaft auf und zieht von hinnen. Nur die vier gefeuerten Dozenten bleiben alleine sitzen bis der Vorhang fällt.

30 Leben: Matsuda Yuuki

Eines meiner übel vernachlässigten Projekte ist es, eine Sammlung von Leben zu verfassen. Wie einige wissen, habe ich ein Jahr lang in Japan in einem Kindergarten gearbeitet, was mich dazu inspiriert hat, eine Geschichtenanthologie zu verfassen, in der es um 30 Personen geht, basierend auf den Charakteren meiner 30 Gruppenkinder (die Nachnamen sind geändert, und JA, ich WEIß, daß die Idee nicht eben neu ist, aber vertraut mir: es gibt so Einiges, das da noch hintersteckt). Und weil ich sonst echt NIE dazu komme, fang ich jetzt einfach an mit der ersten Geschichte. Und die ist für Yûki, meinen kleinen, introvertierten Insektenliebhaber, den ich heute noch manchmal vermisse!

~Matsuda Yuuki~

In dem Terrarium neben dem Arbeitsplatz flatterte aufgeregt ein blauer Korsar. Seine Flügel bewegten sich so hektisch, daß dem Beobachter unwillkürlich der Gedanke kam, der Schmetterling lebe in der ständigen Angst abzustürzen. Er umkreiste das bunt markierte Zuckerwassertöpfchen, schien einen Moment lang zu überlegen, und setzte sich schließlich, die Flügel in Ruheposition gebracht, um den süßen Nektar zu schlürfen. Sein Revier erstreckte sich über den halben Kellerraum, umfaßte ungefähr 4 m² und reichte bis zur Zimmerdecke. Der Korsar war nicht dessen einziger Bewohner—am Boden des Geheges, liebevoll dekoriert und ausstaffiert mit Felsen, Erde, Farnen, Pflanzen und sogar einem Mandarinenbaum, tummelten sich Kellerasseln, Ameisen, Gottesanbeterinnen, Grashüpfer, Käfer und Spinnen der verschiedensten Arten. Vom einfarbigen Erdbraun bis in die schillerndsten Farbtöne. Das Leben summte und brummte hinter den Glasfenstern, so wie es in dem Labor jenseits der Scheibe vor sich hin tröpfelte, als wäre die Zeit eine Art zähfließender Honig, der sich quälend und unendlich mühsam vorwärts bewegte. Ein Computermonitor flackerte im Wettstreit mit dem flatternden Ventilator, mühevoll beschattet von einer einzelnen Glühbirne, die traurig vor sich hin brannte, in dem vagen Wissen, ein kümmerlicher Ersatz für die Sonne zu sein, deren Strahlen den fensterlosen Raum niemals erreichten. Der Teppich wies Brandlöcher auf, die der vorige Bewohner hinterlassen hatte. Die Wand war aschweiß und bis auf ein vergilbtes Poster der Weltinsektenausstellung in Tôkyô vor 6 Jahren kahl. Neben dem Computer, künstlich vom Bildschirm illuminiert, stand ein halb leergegessener Instant-Ramen Becher, dessen Tütensuppengeruch elanlos in der Luft hing.

All dies fand nie seinen Weg in Yuukis Aufmerksamkeit, der gebannt auf die Tastatur einhackte. Langsam, bedächtig, stets auf der Suche nach dem richtigen Wort und den dazu passenden Silben. Neben dem Computerbildschirm und den Nudeln stand ein zweites Terrarium, in dem sich drei unterschiedlich gefärbte Unterarten der Nephila Clavata befanden. Monatelang hatte Yuuki die Spinnen bei allem beobachtet was sie taten, jedes Detail minutiös aufgeschrieben. Skizzen angefertigt von Netzen, Körperzeichnungen, Beutekokons und Eiern. Er hatte zwei Kameras im Innern untergebracht, so groß wie Scarabäen, die bis zu zehn Bilder pro Minute machten und direkt in den Computer einspeisten. Vor einigen Monaten hatte er zweihundertsiebenundachtzig winzige Babyspinnen in ein zweites Terrarium umsiedeln müssen, und auch vor diesem Tage und Nächte ausgeharrt und beobachtet. Nun näherte er sich dem Höhepunkt seiner Dissertation—Paarungsverhalten und Eiablage. Auf den ersten Blick völlig wirr und chaotisch, wiesen zahllose beschmierte Blätter die um den Arbeitsplatz herumlagen eine Logik auf, die Yuuki sofort durchschaute, und ohne große Verzögerung in den Computer eingeben konnte. Später würde er die ausgewachsenen Nephila in das große Terrarium geben, und die Kleinen aussetzen müssen. Auch dafür hatte er schon alles vorbereitet. Er würde noch heute Nacht (oder war es bereits Nacht? Die einzige Wanduhr hatte ihren Geist mit der letzten Batterie aufgegeben, und Yuuki erschien es belanglos, sie wieder zu reparieren – sie würde doch nicht mehr die richtige Zeit angeben) das Buch abschließen, es morgen früh seinem Lektor und Verleger schicken, und dann mit den Spinnen nach Kanazawa an die Westküste fahren. Einen Atemzug lang hielt er inne, als er überlegte ob er ein Auto hatte, erinnerte sich dann aber an den einstmals weißen Volkswagen, der vor dem Labor auf dem Firmenparkplatz stand. Schon seit einigen Tagen. Er machte sich eine mentale Notiz, heute daran zu denken anstatt mit dem Zug nach Hause zu fahren.

Eine der Nephila regte sich geschmeidig und lenkte Yuuki zum wiederholten Male von seiner Schreibarbeit ab. Er lehnte sich nach links, um seine Forschungsobjekte zu bewundern. Auf diese Art und Weise hatte er schon diverse Seiten Text verloren, als er in sich selbst versunken an den Stecker des Computers gekommen war und die ungesicherten Dateien verlorengegangen waren.  Aber der bärtige Mann war geduldig.

Es war bereits dunkel als er sich schließlich auf den Weg nach Hause machte und er mußte auf halber Strecke umkehren, weil er seine Schuhe vergessen hatte. Die Glühbirne war schon daran gewöhnt, niemals ausgeschaltet zu werden.

Auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner Wohnung fand er einen Rüsselkäfer, den er, daheim angekommen, in das dazugehörige Terrarium im Badezimmer setzte. Er schob eine Pizza in die Mikrowelle, die labberig schmeckte und zu kühl war als er sie aß, weil er die falschen Angaben eingetippt hatte; aber Yuuki war zu sehr mit dem Gottesanbeterinnenpärchen über dem Spülbecken beschäftigt, als daß er es wirklich bemerkte.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer bemerkte er, daß eines der Terrarien einen losen Deckel hatte. Und daß Hunderte von Marienkäfern in seinem Büro herumkrabbelten und den Rest der Wohnung erkundeten. Er schaltete das Radio ein (entgegen seinem zurückgezogenen Lebensstil mochte er die Gesellschaft anderer Leute, er wußte nur nicht, wie man sie fand), und begann, sie einen nach dem anderen wieder einzufangen. Als er die ersten fünf wieder sicher im Terrarium hatte, macht er eine stutzige Pause, in der er die kleinen Käfer beobachtete. Wie sie allein oder zu mehreren durch das Büro spazierten, wie Reisegruppen durch eine fremde Stadt. Er stellte sich vor, wie sie miteinander kommunizierten, sich ihre Erlebnisse berichteten, Schwänke und Anekdoten aus ihrem kurzen Leben zum Besten gaben. Da fühlte er sich mit einem Mal sehr allein, und nicht größer als die Käfer selber. Wenn die Menschen entflohene Marienkäfer in einem leeren Büro sind, dachte er, dann bin ich der da vorne, der dort ganz allein am Schreibtischbein hoch krabbelt, während alle anderen die Lampe begutachten. Und während er das dachte, rutschte der Käfer an dem lackierten Holz ab und fiel auf den Rücken, die kleinen Beinchen hilflos zappelnd von sich gestreckt. Während Yuuki ihn aufnahm und zum Terrarium trug, überlegte er, wann er das letzte Mal mit Freunden unterwegs war und ob er überhaupt jemals Freunde gehabt hatte. Es schien sehr lange her zu sein.

In dem Moment klopfte es an der Tür.

Es mußte noch einmal geklopft werden, ehe der zerstreute Forscher begriff, daß das Pochen von seiner Tür kam. Auch dann öffnete er nur zögernd. Nie klopfte jemand an seine Tür. Nichtmal der Postbote, der unter Arachnophobie litt und Yuukis Päckchen immer beim Hauswart abgab.

„Entschuldigen Sie die Störung“, plapperte der im Hausflur stehende junge Mann drauflos, kaum, daß die Tür einen Spalt offen war, „aber ich hab gehört, daß Sie noch wach sind – oder so; Ich bin nämlich auch noch wach.“

Yuuki starrte ihn an mit dem Blick eines Mannes, der plötzlich mit der Tatsache konfrontiert wird, daß mannsgroße Hirschkäfer vor Jahren die Regierung übernommen haben. Das entlockte dem Mann ein schüchternes Lächeln: „Entschuldigen Sie, ich bin sehr unhöflich. Ich bin Sada Shunya. Ich bin letzte Woche in die Wohnung unter Ihnen gezogen. Ich hab ein kleines Problem in meiner Wohnung, und da hab ich gehört, daß Sie noch Radio hören und dachte, daß Sie vielleicht noch wach sind.“

In einem entlegenen und selten benutzen Teil seiner Erinnerung fand Yuuki Worte, die sich auf menschliche Interaktion bezogen. Er benutzte sie bedächtig: „Guten Abend.“

„Guten Abend“, grinste Shunya, „Sie sind also wach.“

In Ermangelung einer passenden Erwiderung nickte Yuuki.

„Sie sind doch… Doktor Matsuda Yuuki, oder?“, druckste er verlegen aufgeregt, „Der Schriftsteller.“

Yuuki hatte noch nie jemanden Schriftsteller zu ihm sagen gehört, und der Klang gefiel ihm. Er nickte.

„Ich habe alle Ihre Bücher gelesen! Ich finde Sie sind eine Koryphäe der Insektenwelt! Wissen Sie, ich interessiere mich nämlich für Insekten.“

„Ah, wirklich?“ Vertrautes Terrain erweckte seine Lebensgeister. „Für Insekten?“

Shunya nickte. Yuuki dachte eine Weile nach, dann sagte er: „Was für ein Problem?“

„Ähm… eigentlich ist das nur eine Ausrede gewesen“, lächelte Sada Shunya, ohne Schwierigkeiten zu haben dem Gedankensprung zu folgen, „Ich wollte Sie nur endlich mal kennenlernen. Ich – oh!“, entfuhr es ihm und er starrte auf Yuukis Hose. Schuldbewußt sah der Professor an sich herunter.

„Ist das… ein Marienkäfer?“

„Sie sind ausgebüchst. Überall in der Wohnung. Sie spielen.“

Shunyas Mund formte ein lautloses Oh. Dann sagte er breit grinsend: „Wenn Sie mich hereinbitten, kann ich Ihnen beim Einfangen helfen.“

Yuuki bat ihn herein.

Schnipselgeschichte: Ich packe meinen Koffer

Wörter: 200

~Ich packe meinen Koffer~

„Ein Koffer?“

„Es ist ein Symbol, das jeder versteht.“

„Aber er ist viel zu klein! Wie kann ich alles hineinpacken, das mein Leben ausgemacht hat?“

„Der Koffer ist genau so wie du ihn dir vorstellst.“

„Wieviel Zeit habe ich?“

„Ewigkeit hat keine Grenzen.“

„Und ich darf ihn mitnehmen?“

„Wohin?“

„In das Leben nach dem Tod. Ich dachte, da gehen wir hin?“

„Es gibt kein Leben nach dem Tod.“

„Wozu dann der Koffer?“

„Er ist nicht für dich. Er ist für mich.“

„Warum?“

„Ich sammele sie.“

„Du sammelst sie? All die Koffer? Von jedem Toten? Was machst du denn damit?“

„Manche sehe ich mir an. Manche möchten nicht, daß ich ihren Koffer öffne, das respektiere ich.“

„Sehen alle gleich aus?“

„Jeder ist ein Unikat, keiner ist den anderen ähnlich. Es gibt große und kleine, weiche und leise, laute und scheue. Nicht jeder Koffer ist wie der Mensch, der ihn gepackt hat.“

„Ich weiß nicht, was ich hinein tun soll, wenn ich ihn doch nicht mitnehmen kann!“

„Nach einer Weile wirst du es verstehen. Jeder versteht es irgendwann. Du mußt dich nicht beeilen. Ich hole dich wieder ab, wenn du fertig bist.“

„Und dann?“

„Dann wirst du vergehen. Aber der Koffer bleibt.“

Schnipselgeschichte: Verrückt

Wörter: 300

~Verrückt~

Sie sitzt ihm gegenüber, zwischen ihnen nur der Plastiktisch. Sie könnte ihn beinahe berühren, streckte sie ihre Hand aus, aber sie tut es nicht. Der Weg ist zu weit von ihr zu ihm.

Er ist ruhig, seine Augen klar, das Gesicht rasiert. Deswegen traut sie sich heute zu fragen: „Wie geht es dir?“

Er fühlt:

Die trockene Kühle der Klimaanlage; das Kratzen des Hemdes auf seiner Brust; ihre Unsicherheit; den Schmerz eines zertretenen Käfers; die Unebenheit der Tapete an der er lehnt; wie der Plastikstuhl unter ihm nachgibt; den Ärger der Mittagsaufsicht; seine Einsamkeit.

Er hört:

Den Wind vor dem Fenster leise murmeln; das Schlurfen von Füßen auf dem Linoleumboden; das Radio im Nebenzimmer; Tratsch, flüsternd von einem Ohr zum anderen gereicht; das sanfte Klacken eines Inhalators; Tabletten, die aus ihrer Packung gedrückt werden; jemand summt.

Er denkt:

Heute ist ein heißer Tag; dieser Tisch ist fast ein perfektes Rechteck; ein perfektes Rechteck kann mit der Formel X:1=1:(X-1) unendlich oft in perfekte Rechtecke geteilt werden; bald gibt es wieder Tabletten; gestern habe ich Schach gespielt; Bruns Konstante für benachbarte Primzahlen ist noch nicht voll berechnet; in der Bibel stehen die wichtigen Sachen zwischen den Worten; 2 und 2 sind immer 4.

All dies möchte er ihr sagen, weil es ganz klar ist. Doch auf dem Weg zu seiner Zunge purzeln die Gedanken durcheinander, und was herauskommt ergibt meistens keinen Sinn mehr, außer für ihn selbst. Obwohl er es immer wieder versucht. Der Weg ist zu weit von seinem Kopf nach draußen. Doch heute ist er sich sicher, daß die Worte richtig gewählt sind. Er sagt: „Ich bin wie die Luft.“

Sie lächelt zurück. Seine Worte sind bedeutungslos für sie, aber sie weiß, daß er den Sinn darin kennt und das genügt ihr. „Ja“, nickt sie, „Du bist wie die Luft.“

Die kritische Kolumne: Filmkritik zu “Jakobs Bruder”

Jakobs Bruder

oder: Deutschland, was ist los im Kino, ey?

Deutschland ist nicht Hollywood. Auch, wenn das beim Lesen irgendwie einleuchtend und sogar überflüssig zu erwähnen scheint, kann man es nicht oft genug sagen. Warum ich darauf hinweise? Weil deutsche Filme die in unsere Kinos kommen (und es sind wenig genug) generell zwei Möglichkeiten haben: sie werden als überdrehte, platte Komödie in den großen Häusern gespielt (wie zum Beispiel „Der Wixxer” oder „7 Zwerge”), oder sie verschwinden als ‚Kunstfilm’ in den Kleinkinos. Ausgenommen sind dabei Kinderfilme, die momentan so In sind, daß sie sich auch in den großen Kinos wochenlang halten; oder solche, in denen Til Schweiger mitwirkt. Und natürlich Filme über den zweiten Weltkrieg.

Der Witz dabei ist natürlich, daß die Filme um so besser laufen, wie sie auch beworben und gespielt werden, das heißt, Kinofilme, die von Anfang an ohne große Werbeaktionen ausschließlich in die Filmkunstkinos abgeschoben werden, haben überhaupt keine Chance, sich so zu bewähren, daß sie auch noch in großen Häusern laufen werden. Sie werden einfach einige wenige Wochen lang gezeigt, verschwinden dann in der Versenkung, und dann steht wieder irgendwo, daß es so wenig deutsche Filme gäbe. Bitte versteht mich jetzt nicht falsch, ich möchte Filmkunstkinos nicht herabsetzen, im Gegenteil, ich liebe sie und finde sie notwendig, aber die breite Masse frequentiert sie einfach nicht. Und wenn es darum geht, einen Kinofilm möglichst populär zu machen, sind große Kinohäuser eben fast unerläßlich.

Der Grund für diese Verbannung der Eigenproduktionen ist natürlich Hollywood und seine Blockbuster, die sich, egal wie mies Plot, Produktion und Schauspieler sind, wochenlang in den Kinocharts halten, weil sie unangebracht hochgejubelt werden. Denn sie kommen ja aus Amerika, und wenn der große Bruder uns großmütig erlaubt, sinnfreien Schrott auch in unseren Kinos zu zeigen, wird nicht lange über Inhalt nachgedacht, sondern einfach reingehauen. Es tut mir leid, an dieser Stelle darauf hinweisen zu müssen, aber „Der Kaufhaus Cop” ist kein guter Film. „Wolverine: Origins” ist eine miserable, plotleere Ansammlung von Effekten. Und „Hannah Montana” ist eine Art langes, schlechtes Musikvideo, in dem nun überhaupt keine Werte mehr vermittelt werden. Und von der Tendenz, Gewaltpornos wie „Last House on the Left” oder „Hostel” plötzlich zum Mainstreamgeschmack machen zu wollen, will ich gar nicht erst anfangen.

Ist schon mal jemandem aufgefallen, daß das bei deutschen Filmen anders ist? Plötzlich wird in den Kritiken auf Inhalt geachtet, auf schauspielerische Leistung, auf technische Umsetzung. Das Alberne, und eigentlich Peinliche (und zwar für Kinos und Kritiker, nicht für die Filme) hierbei ist jetzt nur: einheimische Filme halten diesen Kritiken oft nicht stand. Und warum? Weil wir nicht Hollywood sind. Deutsche Filme sind anders als amerikanische, das liegt an mehreren Dingen. Es steht oft weniger Geld zur Verfügung, das deutsche Wertesystem ist nicht stimmig mit dem amerikanischen (das soll keine Wertung sein, lediglich eine Beobachtung) und die italienischen Voralpen sind nicht der Grand Canyon. Es sei jetzt einmal wertfrei dahingestellt, daß amerikanische Blockbuster nun mal massenhaft gesehen werden, und es ist völlig logisch, daß große Häuser sich blind auf Hollywoodkino verlassen, um volle Säle zu bekommen. Was mich enttäuscht ist, daß dabei den deutschen Filmen nur eine so kleine, spezielle Nische eingeräumt wird, die nur wenige, überdrehte Komödien, die mit billigen, amerikanischen Klamauklachern vollgestopft sind (siehe meine beiden Filmbeispiele ganz oben) zu füllen erlaubt wird. Der Rest wird ignoriert (Ausnahmen bestätigen die Regel). Dem Geschmack des breiten Massenpublikums wird ohne nachzudenken komplett nachgegeben, um Kasse zu machen.

Das, liebe Kinobetreiber, ist sehr, sehr schade. Zeigt doch mal ein bißchen Patriotismus in der Filmbranche! Laßt doch mal einen deutschen Film zur Hauptzeit laufen und seht, was passiert! Es will nicht jeder Kinogänger unbedingt „Nachts im Museum 2″ sehen, aber wenn der Film überall und zu jeder Zeit läuft, wird natürlich darauf zurückgegriffen.

So, das war jetzt eine lange Einleitung, obwohl ich eigentlich eine Kritik zu „Jakobs Bruder” schreiben wollte. Daniel Waltas Film ist es nämlich ähnlich ergangen: Verbannt in einige wenige Filmkunstkinos, vegetiert dieses Kleinod an der Peripherie der deutschen Kinolandschaft vor sich hin, um, so meine Vorhersage, in wenigen Wochen bereits wieder vergessen zu sein. Und das ist nun wirklich schade, denn „Jakobs Bruder” ist ein solider, gut gemachter, schöner Film.

Klaus J. Behrendt spielt Jakob Goldt wunderbar menschlich, einen von seiner Familie zutiefst enttäuschten, latent wütenden Mann an der Grenze zur Verbitterung, der sein Seelenheil in seinem Beruf sucht. Nun muß man Klaus J. Behrendt gerechterweise nachsehen, daß man ihm immer wieder Rollen gibt, die eine Variation von Max Ballauf sind; denn er kann viel mehr, leider gibt man ihm nicht oft die Möglichkeit, vermutlich, weil er diesen Typus besonders realitätsnah rüberbringt (andererseits macht Til Schweiger dasselbe und fährt damit trotzdem nicht schlecht), so teilweise auch hier. Aber das macht nichts, er ist trotzdem toll, wenn man mir diesen subjektiven Einwurf erlaubt. Hannelore Elsner nimmt sich großartig zurück als Mutter Goldt, die eine Leinwandzeit von vielleicht fünf Minuten hat, in dieser Zeit jedoch brilliert, wie nicht anders zu erwarten. Und Christoph Maria Herbst kann als Lorenz Goldt endlich zeigen, daß in ihm ein herausragender Schauspieler steckt, der mehr kann als Satire und komische Nebenrollen (das war zwar klar, aber bis jetzt hat ihm keine Rolle erlaubt, das auch zu demonstrieren).

Kurz zum Plot: Eines Tages steht Lorenz vor der Tür seines Bruders und erklärt, die Mutter habe Alzheimer, er es ihr noch nicht gesagt und Jakob müsse unbedingt nach Hause kommen. Widerwillig machen sich nun die Beiden auf eine kuriose Autofahrt heim, auf der sie nicht nur eine kesse Anhalterin mitnehmen, die sie in die ein oder andere absurde Situation bringt, sondern auch vorsichtig wieder zueinander finden. Soviel zur Außenhandlung. Die andere Handlung spielt sich im Innern Jakobs ab, der noch eine ganz andere Reise unternehmen muß, nämlich die zurück zu seiner Familie, die er räumlich und emotional bisher auf Distanz halten konnte.

In langsamen Bildern verläßt sich der Film auf die Brillanz seiner beiden Hauptdarsteller, ein Konzept, das gut aufgeht.

Ehrlich gesagt überkam mich leichte Panik, als Lorenz mit dem Alzheimer Thema ankam und Jakob einen ruhigen Moment nutzte, um nachzufragen, was das genau noch mal sei, daß es sich um einen dieser pseudo-aufklärerischen Demenzfilme handeln würde die eine Zeitlang in Mode waren. Gott sei Dank passiert das nicht, die Krankheit hätte auch Krebs oder Leukämie oder sonstwas sein können, denn sie ist nur Aufhänger, nicht aber Thema des Films.

Tramperin Lara hat mich zunächst etwas genervt, vor allem weil ihre Rolle, die beiden Brüder einander näherzubringen unübersehbar ist. Doch Sophie Rogall spielt Lara so anmutig und liebevoll frech, daß man sich schnell an sie gewöhnt, und ohne sie könnte der Film nicht funktionieren, da sie der Außendruck ist, der Jakob den richtigen Schubs in Lorenz’ Richtung gibt, ohne den seine Annäherung konstruiert gewirkt hätte. Durch Lara kann auch der Zuschauer sich den beiden Protagonisten nähern, denn ohne die unschuldigen Fragen eines Außenstehenden nach dem Warum, hätte die Handlung (und die innere Wandlung Jakobs) keine Chance zur Entfaltung bekommen und wir hätten zwei Männer erleben können, die sich 90 Minuten lang anschweigen. Erst durch ihre Einmischung kommt Jakob dazu, zu reflektieren und zu überdenken. Daß Lara ihrer eigenen unerträglichen Familiensituation entkommen möchte, spannt ein zusätzliches Band des Zusammenhalts zwischen den drei Reisenden.

Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Rückblenden, die die Kindheit der Brüder zeigen, und erklären, wie durch die völlige Inkompetenz der eigenen Mutter, sich die beiden Jungen so haltlos voneinander entfernen konnten. Wer der eigentliche Leidtragende in dieser verkorksten Familienaufstellung ist, bleibt unmöglich zu sagen.

„Jakobs Bruder” ist die Geschichte einer Familie, die vor langer Zeit zerbrochen ist; eines Bruders, der noch ein letztes Mal mit aller Kraft versuchen will, die heile Welt zu schaffen, die es in seiner Kindheit nicht gab; und eines Mannes, der seine lebenslange Wut auf Mutter und Bruder endlich zu überwinden versucht. Es ist ein leiser, emotionaler Film mit durchaus witzigen Elementen, die in Retrospektive eigentlich eher tragisch sind, und die fast ausschließlich Christoph Maria Herbst zu verdanken sind, der es schafft, alle komischen, dramatischen, hysterischen, fragilen und selbstüberschätzenden Facetten Lorenz Goldts darzustellen. Dazu benötigt er jedoch gleichermaßen Klaus J. Behrendts Jakob, der als wider Willen in die Rolle des vernünftigen, verantwortungsbewußten Bruders Gedrängten den perfekten Gegenpol in dieser Balance gibt. Eine Balance, die lange Jahre im Stillstand verharrt hat, ohne Kontakt, und die erst Laras rastlose Versuche, mit beiden Brüdern klarzukommen, ins Wanken bringen und so den Stein des Anstoßes werfen.

Der Film ist nicht ganz perfekt, aber welcher Film ist das schon? Die Rückblenden kamen mir etwas wirr vor, weil sie offenbar nicht in chronologischer Reihenfolge gezeigt wurden, sondern der inneren Gefühlswelt Jakobs entsprechend (und da muß man erstmal dahinterkommen). Die junge Mutter Goldt wirkte etwas farblos, aber ob man das nun Julia Maria Köhler vorwerfen kann, ist die Frage. Doch das sind Kleinigkeiten, und ich will mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, denn ich selbst könnte es natürlich nicht besser machen.

In jedem Fall hat „Jakobs Bruder” es nicht verdient, ungesehen von der Leinwand zu verschwinden! Also seht ihn euch an, und glaubt mir wenn ich postuliere, daß es sich lohnt, dafür auch einen weiteren Weg in das nächste Filmkunstkino zurückzulegen (mein eigener Bruder und ich mußten auch nach Köln pilgern, in das einzige Kino, das „Jakobs Bruder” spielt, wo wir eine Privatvorstellung bekamen als alleinige Zuschauer. O-Ton meines Bruders beim Reingehen: „Also, es ist wohl brechend voll da drin, aber der Kassierer meinte, wir können uns trotzdem noch ein Plätzchen aussuchen.”).

Hoffentlich ändert sich das noch! Ich wünsche es mir nicht nur für die Darsteller und Filmemacher, die die Anerkennung verdienen, sondern auch für die deutsche Kinokultur, die einen Gegenpol zu „Transformers: Revenge of the Fallen” benötigt, und zwar dringend!

Jakobs Bruder

Deutschland 2007

(Gewinner des Kinofestes in Lüden 2007; Drittplatzierter der amerikanischen Veranstaltung ‘Berlin & Beyond’ 2008)

Regie: Daniel Walta

Jakob Goldt: Klaus J. Behrendt

Lorenz Goldt: Christoph Maria Herbst

Lara Bergmann: Sophie Rogall

Anna Goldt (jung): Julia Maria Köhler

Anna Goldt: Hannelore Elsner

Link zur offiziellen Homepage: www.jakobsbruder.de

jakobs-bruder-plakat

Die kritische Kolumne: König Roger. Oper Bonn.

Für die Rubrik: Als ich gestern in die Oper ging…

Brokeback Roger

oder

Ein Ball, ein Ball, mein Königreich für einen Tennisball

Das Kreuz mit Opern, und auch mit Theaterstücken, ist natürlich, daß es nur ein Skript und keine Regieanweisungen gibt. Das mag einigen Regisseuren gewaltige Ausdrucksmöglichkeiten geben, viele stellt es jedoch vor das schier auswegslose Dilemma, ein oft sehr altes Stück modern und für den heutigen Zuschauer verständlich zu inszenieren, da man allgemein dem Irrglauben unterliegt, die Stücke hätten dies nötig. Und das geht manchmal gründlich daneben, das wissen wir alle. Wenn Darsteller plötzlich unmotiviert nackt in der Gegend herumstehen, ein neonroter Pappmachéfelsen die Vereinsamung des Protagonisten verdeutlichen soll, oder die Abwesenheit eines Bühnenbildes auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam macht, merkt man als zahlender Zuschauer schnell, daß man gerade Zeuge einer sogenannten ‚modernen’ Inszenierung wird.

So ähnlich scheint es bei der Oper „Król Roger – König Roger” gegangen zu sein. Denn obgleich die Oper für sich genommen ein heute besonders brisantes Thema, nämlich das der religiösen Unterschiede von Kulturen und was passiert, wenn diese aufeinander prallen, anschneidet, schien dies nicht auszureichen.

Kurz zur Handlung: König Roger regiert ein nüchtern-gottesfürchtiges Sizilien mit kühler Strenge und ausgeprägtem Moralverständnis. Dies funktioniert ganz gut, ihm selbst, seiner Ehefrau Roxane, seinem klerikalen Berater Edrisi und dem Volk als Solchem geht es den Umständen entsprechend gut, zumindest solange, bis vor den Toren der Stadt ein fremder Hirte auftaucht, der mit seinen romantischen Ideen und den Erzählungen eines liebenden Gottes alle durcheinanderbringt. Der Klerus reagiert verständlich und fordert die sofortige Vernichtung des Störenfriedes, und weil Roger mit der Hinrichtung zögert, sondern statt dessen den Hirten, der wohl etwas in dem strengen König berührt hat, in die Freiheit entläßt, kommt es, daß nicht nur das gemeine Fußvolk, sondern auch der Klerus den revolutionären Ideen des Fremden verfällt und mit ihm davon wandert, allen voran Rogers Angetraute. Lediglich der Berater Edrisi bleibt ihm treu, und mit diesem macht Roger sich denn auch prompt auf die Suche nach Roxane und dem Hirten. König Roger findet und verliert Roxane aufs neu, kommt dabei jedoch sich selbst nahe und geht am Ende als neuer Mann aus dem Stück hervor.

Dieser einfache, aber immerhin in der heutigen Zeit global gesehen hochbrisante Inhalt schien den Verantwortlichen der Bonner Oper jedoch anscheinend nicht tiefgründig genug. Die religiöse Überzeugung Rogers wurde als versteinert und überholt dargestellt, sein Land als triste, emotionsleere Welt. Wohingegen die angepriesene Weltanschauung des Hirten als romantisch-freizügige Massenorgie bejubelt wurde. Das Zusammentreffen der beiden Protagonisten Hirte vs. Roger eine mit unterschwelliger Erotik aufgeladene Gefühlsverwirrung des Königs. Doch auch dies war dem Regisseur wohl noch nicht auffällig genug.

Es mußte ein Sub-Plot eingeschlichen werden, in Form eines stummen (überraschenderweise allerdings nicht nackten) Jünglings, der in regelmäßigen Abständen durch die Kulisse huschte und König Rogers Gefühlswelt in Aufruhr versetzte, die eigentlich schon mit dem Hirten genügend überfordert war. Damit nicht genug: der Jüngling trug in Akt eins einen Tennisschläger, Symbolbild für irgendwelche internen Emotionen Rogers nehme ich mal an. In Akt zwei wurde per Videoleinwand (ja, da steht Videoleinwand, ich war ebenfalls überrascht) während der instrumentalen Abkapselung des Volkes von ihrem König ein Film eingespielt, in welchem nach einigem hin und her und sichtlich traumatischen Gedankengängen, Roger und der Tennisjüngling endlich Hand in Hand nebeneinander standen – beide sichtlich froh und erleichtert.

Und während Roger im dritten und letzten Akt verzweifelt nach dem Hirten, pardon: nach Roxane suchte, durch einen Ozean watete, der durch blau angepinselte Holzstühle dargestellt wurde, und laut vor sich hin überlegte, wo wohl der Hirte geblieben sei, tauchte plötzlich der Tennisschläger wieder auf. Wie eine lang gesuchte Trophäe riß Roger das Accessoire an sich, geriet in ekstatische Freudentaumel und traf endlich seinen Jüngling auf der Empore. Das Volk tauchte nicht wieder auf, was genau mit Roxane passiert ist bleibt unklar, der Hirte verschwand nach einem mehr als fragwürdigen Auftritt, bei dem er an einem Seil von der Decke herabgelassen wurde, aber Roger begrüßte glückselig den Sonnenaufgang und schmachtete seinen Jüngling an, nun endlich fähig, seine Liebe für ihn zu erkennen. Król Rogers Pilgerwanderung zu innerem Frieden und einem neuen Gottesverständnis war zu einer rein emotionalen Reise im Sinne von „Der Tod in Venedig” degradiert worden, an deren Ende König und Jüngling sich klopfenden Herzens einander näherten. Da muß doch gratuliert werden, wenn so scharf an der ursprünglichen Aussage vorbei inszeniert wird!

Gerechterweise will ich hier nicht unerwähnt lassen, daß gewisse homoerotische Untertöne ohnehin das Libretto durchziehen, es war also kein völliger Schuß ins Blaue, den Hirten als Schlüssel zur sexuellen Befreiung Rogers hinzustellen. Daß Karol Szymanowski wohl selbst homosexuell war, gibt der Inszenierung eine gewisse Legitimation. Leider macht das das Bühnenbild auch nicht besser.

Es muß an dieser Stelle jedoch gesagt werden, daß selbst diese mehr als experimentelle und gewollt mystifizierte Inszenierung der Oper an sich nichts anhaben kann. „Król Roger” ist eine ohnehin nur recht kurze Oper mit ihren drei Akten und knapp 90 Minuten, die inhaltlich zwar anachronistisch aktuell bleiben wird, deren Grundaussage jedoch recht vage ist – man weiß nicht so genau, ob Roger sich den Lehren des Hirten anschließt, oder lediglich zu einer Art harmonischerem Selbstverständnis kommt; der ethische Zeigefinger wird ein klein wenig erhoben, die Romantik des Hirten geht scheinbar als Sieger, die verstaubte Lebensweise Rogers als augenscheinlicher Verlierer aus diesem religiös-emotionalen Kräftemessen hervor; die Rolle des Beraters ist diffus.

Die Musik bleibt dennoch überwältigend, auch wenn der Bariton an einem roten Seil zwischen blau angepinselten Stühlen durch eine kahle Kulisse gezerrt wird. Roxanes Arie ist ein Fest für die Ohren, das kann auch ihr plötzliches Wiedererscheinen in Männerkleidung nicht verhindern. Und der Inhalt könnte nicht aktueller sein, Tennisschläger hin oder her. Es lohnt sich also, alles in allem, dieses Kleinod der polnischen Opernhistorie zu sehen, ehe es wieder in der Versenkung verschwindet!

Król Roger – König Roger (Der Hirte)

Komponist: Karol Szymanowski (1882 – 1937)

Libretto: Jaroslaw Iwaskiewicz (1894 – 1980)

Uraufführung: 19. 6. 1926 in Warschau im Teatr Wielki

Meine zehn Cent zum ‘ESC’

Ich kann genau vorhersagen, wann Deutschland sich das nächste Mal auf europäischer Skala blamieren wird – nein, ich besitze keine hellseherischen Fähigkeiten, ich bin nur vorausschauend genug, um auf den Eurovision Song Contest zu blicken und zu sagen: Ja, genau an jenem Abend wird es wieder passieren. Denn heute hörte ich im Radio den Titel des deutschen Interpreten ‚Alex swings Oscar sings’ (pardon, ich muß gerade fürchterlich lachen ob dieses Namens) „Miss Kiss Kiss Bang”.

Wenn man mal davon absieht, daß seit einigen Jahren ein großer Teil der Eurovision Song Contest Titel auf englisch gesungen wird, kann man es Deutschland nicht einmal verübeln, daß wir lieber mit der allgemeinen Verenglischung mitziehen, anstatt uns die Blöße zu geben innovativ und selbstsicher auf deutsch zu singen. Es geht auch nicht darum, daß eigens für den Song Contest Gruppen gecastet gegründet werden, weil wir offenbar so wenig gute eigene Bands haben. Es geht mir in dieser freien Äußerung meiner Meinung alleine um die schiere Unverfrorenheit, ja, die Schmerzfreiheit, mit der Deutschland als Land einen sinnfreien, inhaltsleeren Titel ins Rennen schickt und sich dann auch noch der Hoffnung hingibt, diesmal würde man sich nicht zum Deppen machen. Denn, und vielleicht bin ich da ja auf etwas völlig Neuartiges und bisher Unerkanntes gestoßen: nur weil ein Text auf englisch gesungen wird, ist er nicht unbedingt auch gut. Ich mache eine kleine Pause, damit diese Information sich setzen kann.

Lieber H.P. Baxter, ich finde Sie toll und ich liebe Ihre Stimme auch wenn Ihre Musik nicht die meinige ist, also bitte verzeihen Sie mir, aber wie können Sie sich als langjähriger Musiker hinsetzen und ernsthaft behaupten, der Titel „Miss Kiss Kiss Bang” sei positiv und gut? Der Text ist mit diffus-aussagefrei recht passend beschrieben, die wenigen inhaltlastigen Zeilen die es gibt sind chauvinistisch und lüstern. Entschuldigung, aber es geht hier um einen Mann, der davon singt wie heiß, aufregend und sexy jene Dame ist, die dem Lied seinen einfaltslosen Titel gibt (erinnert der nicht merkwürdigerweise an die erfolgreiche Hollywoodkomödie „Kiss Kiss Bang Bang”?), und wie gerne er mit ihr ‚swingen’ würde; und das alles mit einer Stimme, die wahrscheinlich nicht unabsichtlich stark an Michael Bublé erinnert.

Weil die Verantwortlichen für dieses musikalische Mißgeschick sich der Lächerlichkeit ihrer Inszenierung vermutlich voll und ganz bewußt sind, wird beim Eurovision Song Contest auch weniger auf den Text, als mehr auf Beats und Dita von Teese gesetzt, die ohne Zweifel durch Fleischbeschau den zweifelhaften Inhalt des Liedes aufwerten oder davon ablenken soll. Interessant zu wissen, daß deutsche Musiker auf englische Texte und eine amerikanische Burlesque- (ein so viel schöneres Wort als Erotik) Tänzerin setzen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Nicht, daß mich jemand falsch versteht, ich finde Dita von Teese reichlich erotisch und ich halte sie für eine intelligente Person, die genau weiß wie sich selbst zu inszenieren hat. Ich frage mich nur, was das mit Musik zu tun haben soll.

Doch, sei es wie es sei, Deutschland wird sich auch beim diesjährigen Eurovision Song Contest maßlos blamieren, so meine Vorhersage. Wir hätten damals Scooter auftreten lassen sollen, als Stefan Raab die Masse der Fernsehzuschauer mit Max weichgespült hatte, dann hätten wir vielleicht auch nicht gewonnen, aber innovativ wären wir wenigstens mal wieder gewesen, anstatt immer nur peinlich.

Ein Tag im Kindergarten

Schon eine Weile her, da habe ich diese kurze Abhandlung über einen völlig normalen Tag im Kindergarten geschrieben – damals habe ich in Japan in einer ebensolchen Einrichtung ein Praktikum absolviert, und dies ist eine der Früchte meiner ostasiatischen Erlebnisse:

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Short: RSG-26.F

Dazu nur soviel: Science-Fiction – I love it! “RSG-26.F” ist veröffentlicht worden, doch das ist schon so lange her, daß ich, glaube ich, die Veröffentlichungsrechte wieder besitze…

Macht euch bereit für eine kleine Reise:

RSG-26.F

Trotz der Hitze fröstelte Yuki. Er blätterte lustlos in dem alten Geschichtsbuch herum und verfluchte zum wohl hundertstenmal an diesem Tage den Mars, seine Bewohner (allen voran Mrs Wooster, seine Geschichts- und Politiklehrerin, und Taran, den Blödmann, der ihn nicht mehr abschreiben ließ, seit er mit Johanna zusammen war), die Bibliothek, deren System er nicht verstand, und sein blödes Referat (für den Unterricht von Mrs Wooster). Aber vor allem das Referat.

Eriko Takai, Kohei Mitsuhashi und Yuka Hoshino-die stolzen Gründer unserer Welt. Jedes Baby wußte wer Takai, Mitsuhashi und Hoshino waren und jeder kannte die Geschichte, wie sie vor mehr als hundert Jahren das Umwelt-Farming-System revolutioniert hatten, so daß die Menschheit den Mars hatte besiedeln können.

Bla-bla-bla. Er könnte dieses Referat mit geschlossenen Augen fertig stellen, aber nein, er mußte Quellenangaben vorweisen und eine Literaturliste zusammenstellen! Was für eine grandiose Zeitverschwendung! Und zu allem Überfluß hatte Mrs Wooster eine Video-Nachricht an alle Eltern ausgestrahlt, damit sie ihre Kinder bei diesem Projekt unterstützen konnten. Yukis Mutter, war natürlich sofort Feuer und Flamme gewesen und hatte ihren Sohn in die große Stadt-Bibliothek geschickt. In die Bibliothek! Wenn er sich im Pool räkeln sollte bei diesen Temperaturen.

Die große Stadt-Bibliothek hatte sich früher einmal im Zentrum befunden, doch durch das expansive Wachstum von Neu-Tokyo war sie mit der Zeit an den östlichen Rand gequetscht worden. Eigentlich sah sie von außen eher harmlos und gar nicht so groß aus: Ein modern gehaltener Stahl- und Phosphatglasbau, der mehr oder weniger majestätisch an das Universitätsgelände anschließen sollte, jedoch de facto in dessen wuchtigem Prunk unterzugehen drohte. Doch was ihr außen an Größe fehlte, machte sie von innen wieder wett: Die Bibliothek war ein riesiger unterirdischer Gebäudekomplex, der sich durch die ganze Stadt erstreckte. Auf der sechsten Ebene gab es ein Shuttlesystem, um die äußeren Ausläufer miteinander zu verbinden und den Zugang zu erleichtern, in jedem Stockwerk befanden sich vollautomatische Terminals, von denen man alle elektronischen Daten sofort abrufen konnte. Die Speicherplätze waren so miteinander vernetzt, daß man von jedem Ort aus Standorte zu Interessengebieten oder ganze Datenpakete herunterladen konnte. Das System war einfach: Wer etwas brauchte, vernetzte sein Com-Pad mit einem der Terminals und lud sich die benötigten Informationen herunter. Ein Vorgang von wenigen Sekunden, allenfalls Minuten.

Nicht für Yuki.

Yuki befand sich auf einer der untersten Ebenen, die Bücher und gedruckte oder handschriftlich verfasste Schriften enthielt. In endlosen Regalreihen türmten sich angestaubte Werke, Zeitungen und Magazine. Es hatte ihm den Atem verschlagen, als er zum erstenmal aus dem Lift hier ausgestiegen war (er hatte ab der siebten Ebene alleine in der kleinen Kabine gesessen-niemand kam hierher. Es sei denn man muss ein Referat mit einer verkackten Quellenliste schreiben, dachte der Junge).

Es hatte fast eine halbe Stunde gedauert, bis er sich einigermaßen zurechtgefunden hatte und vor den Regalen der Geschichts-Sektion stand. Dann hatte er sich weiterkämpfen müssen, über jüngste Stadt-Geschichte (ein Regal, wobei jüngste den Zeitraum bis 2140 umfasste), Geschichte der Raumfahrt (fünf Regale), Menschheitsgeschichte (zwölf Regale) bis er endlich bei der terrestrischen Historie (achtundsechzig Regale!) angelangt war. Zum Glück beschränkten sich die Bücher über Wissenschaft und Forschung auf einige wenige Sektionen-das meiste war wohl doch schon in das Datenlog eingespeist worden.

Bald schon hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte: Takai, Mitsuhashi, Hoshino und die Besiedelung neuer Welten. Naja, bis jetzt waren es nur vier neue Welten und zum Zeitpunkt des Buches gerade mal eine-der Mars. Seine Heimat.

Seufzend hatte Yuki sich also an einen der wackeligen Tische gehievt und da saß er nun; vor ihm das Leben der drei bedeutendsten Menschen des 22. Jahrhunderts in kleinen schwarzen Buchstaben auf dünnem Papier aneinandergereiht. Sich selbst ablenkend sah er auf seine Armbanduhr und beschloss, sich noch zwanzig Minuten zu geben um pünktlich zum Abendessen zuhause zu sein. Er mußte wenigstens eine handvoll Stichpunkte vorweisen, wenn er seinen Eltern vorzeigen wollte, was er getan hatte, also kramte er sein Com-Pad aus der Hosentasche und tippte.

Entdecker des RSG-26.F Zusatzes, der Sauerstoff-Farmen um 320% effektiver arbeiten läßt. Verkürzte Lufttauschzeit auf Mars um 132 Jahre. Besiedelung schon im Jahr 2157 möglich, 20 Jahre nach erstem Einsetzen von RSG-26.F. Lebensdaten: Eriko Takai, geboren 14.6.2112 in Terra-Tokyo, Besuch der Keiyo-Uni, Abschluß 2130, Forschungsarbeit über Luft-Farm-Anlagen und Sauerstoffaustauschsysteme. Gestorben,

Yuki blätterte einige Seiten vor, fand jedoch das Gesuchte nicht auf Anhieb. Erst in einem Nebensatz am Ende wurde ihr Todesjahr erwähnt.

Gestorben, 2159. Kohei Mitsuhashi, geboren 9.1.2110 in Sapporo. Besuch der Keiyo-Uni in Tokyo, Abschluß 2130, Forschungsarbeitstitel unbekannt, verm. über ähnliches Thema wie Takai. Gestorben, 2159. Yuka Hoshino, geboren 28.4.2113 in Yokohama, als Hochbegabte  an Keiyo-Uni, Abschluss 2130, Forschungsarbeit über Phosphate im Einsatz für Lufttauschsysteme. Gestorben, 2159.

Er mußte in vier weiteren Büchern nachschlagen, da es offenbar kein so sorgfältig recherchiertes Nachschlagewerk gab, das die Todesdaten von allen drei Forschern enthielt. Es würde ihn verwundern, wenn es ihn nicht so aufregen würde. Außerdem gab es keinerlei Hinweise darauf, an welchem Tag oder zumindest in welchem Monat sie gestorben waren. Schließlich war es doch auffällig, wenn drei verschiedene Personen im gleichen Jahr das Zeitliche segnete.

Beim Abendessen fragte er seinen Vater, der ihm gegenüber in dem luxuriösen Wohnzimmer saß. Sein Vater war zweiter Amtsleiter der Untergrund-Bahn, dem wichtigsten Transportmittel des Planeten; Seine Ehefrau die Gründerin des urbanen Häkelclubs, der sich immer größerer Beliebtheit erfreute. In diesem Augenblick bedachte sie ihren Sohn solange mit einem scharfen Blick, bis dieser sich einen elanlosen Löffel Spinat auf den Teller lud. Im Hintergrund plärrte der Fernseher die neuesten Nachrichten und schloss mit der Aussicht auf mindestens vierzehn weitere heiße Wochen ab.

„Puh, wann sind die Gründer gestorben”, wiederholte der Angesprochene und ließ seine Essstäbchen für Momente reglos über dem Reis verharren. „Ich glaube es gab damals einen Unfall in der Forschungsanlage wo sie gearbeitet haben. Aber ganz sicher bin ich nicht. Stand denn da nichts dabei?”

„Nee, eben nicht. Das war sowieso komisch, ich mußte in mehreren Büchern nachgucken, bis ich überhaupt was gefunden hatte. Wo war die denn, die Forschungsanlage?”

„Auf Okinawa, das sind die südlichsten Inseln Japans. Wenn ich mich nicht recht irre, gab es da eine ganze Insel für die Wissenschaftlichen Zentren.”

„Iß bitte dein Gemüse, Liebling und füttere es nicht dem Hund-die Feuchtigkeit läßt seine Drähte rosten.”

Nach dem Essen lud Yuki sich neuere Informationen über die Gründer auf seinen Computer, aber hier fand er keinen einzigen Byte über das Ableben der Drei. Langsam kam ihm die Sache merkwürdig vor und er malte sich aus, was es wohl mit diesem mysteriösen Jahr auf sich hatte, daß drei Menschen starben, aber nicht darüber berichtet wurde. Bestimmt, so dachte er, könnte es eine Verschwörung der Regierung sein! Ja, davon hörte man doch immer wieder-Aliens seien auf dem Mond gelandet und würden die dort lebende Bevölkerung unterwandern und die Föderation Des Geeinten Solarsystems schwieg darüber. Vielleicht waren Takai, Mitsuhashi und Hoshino selber Außerirdische gewesen! Grinsend suchte er im Internen Planeten-Datennetz nach Theorien, die dazu passten und hatte schon bald seine Aufgabe, ein Referat zu verfassen, zugunsten der Aussicht auf überaus kuriose Unterhaltung beiseite geschoben. Erst als seine Mutter zwei Stunden später ins Zimmer kam und ihn ins Bett schickte, er auf dem wandgroßen Monitor ein Datenfenster nach dem anderen löschte, fiel sein Augenmerk auf eine kleine, interessante Meldung, die sich um den mysteriösen Tod Yuka Hoshinos am 28.4.2159 rankte. Es gehörte zu einer kleineren Netzseite, die das Ende der Welt prophezeite, da immer mehr Menschen an ihrem Geburtsdatum ihren Tod fanden. Doch sosehr er auch suchte, mehr Aufschluß fand er auch dort nicht, bloß den Kommentar (sehr klein und am unteren Rand eines winzigen Extramenüs), daß der Todeszeitpunkt Yuka Hoshinos nicht weiter belegt werden könne, doch seien die Umstände ihres Ablebens sehr verwischt. Schulterzuckend rief er die Wettervorhersage des morgigen Tages auf, 42°C steigend mit dem Versprechen, daß dies mit zu erwartenden 47°C der heißeste Sommer seit Besiedelung des Mars werden würde.

Nach dem Läuten der Unterrichtsglocke am nächsten Tag konnte Yuki es gar nicht abwarten, mitsamt seinen Schulsachen zur Bibliothek zu laufen. Jetzt, da er ein genaues Datum hatte, war es sicher nicht schwierig, mithilfe alter Zeitungen von der Erde (er wußte, daß es dafür ein eigenes Archiv gab) Licht in diese ominöse Angelegenheit zu bringen. Er war sich sicher, daß ihm das einen Fleißpunkt für sein Referat einbringen würde.

Enttäuschenderweise fand er nichts Derartiges, als er in dem digitalen Zeitungsarchiv alles vom 28.4.2159 durchsuchte. Es dauerte einige weitere Minuten, ehe ihm klar wurde, daß natürlich keine Meldung vorzufinden sei, da Yuka Hoshino schließlich am selben Tag gestorben war-Nachrichten, das wußte er aus dem Geschichtsunterricht, erschienen damals erst am nächsten oder übernächsten Tag in den Medien. Und so wurde er doch noch fündig. Zwischen all den Meldungen gab es nur eine, die gleichermaßen verstörend wie interessant war: eine japanische Zeitung berichtete von drei Toten auf einer der kleinen Inseln Okinawas, die sich offenbar selber erhängt hatten. Ohne jeden Zweifel mußte es sich um Takai, Mitsuhashi und Hoshino handeln. Das war der Moment, in dem ihm klar wurde, daß wohl etwas Schreckliches passiert sein mußte damals-etwas, das nichts mit einem Unfall oder einem Mißgeschick zu tun hatte. Etwas mußte passiert sein in der Forschungsanlage auf Okinawa, etwas, das so grauenhaft war, daß drei renommierte Wissenschaftler, die den Durchbruch des Luftfarmings auf ihr Konto schreiben konnten, in den Selbstmord getrieben hatte.

Fieberhaft begann er zu suchen, alte Zeitschriften auszugraben, wissenschaftliche Veröffentlichung zu verschlingen, bis er schließlich, wenige Tage nach seiner ersten Entdeckung auf das stieß, was er nicht hatte finden wollen. Es war ein Brief, den ein Leser der Zeitschrift „Phosphor-Science and Oxygen-Farming Today” geschrieben und veröffentlicht hatte. Der Verfasser war ebenfalls Wissenschaftler und er wies auf eine grobe Instabilität von RSG-26.F hin. Der Enzym-Zusatz, so schrieb er, war schon früher von Kollegen entdeckt worden und in die Testphase gekommen. Mit den gleichen Ergebnissen, wie man jetzt veröffentlich hatte, doch bei einem Missgeschick eines Mitarbeiters, das den Zusatz mit großer Hitze in Berührung kommen ließ, stellte sich heraus, daß RSG-26.F in höchstem Maße Hitzeüberempfindlich sei. Hohe Temperaturen führten zu einem Auflösen des Phosphormantels und dazu, daß sich die so freigesetzten Phosphorteilchen mit den Enzymen verbanden und zu einem gesundheitsgefährdenden Virus mutierten, der Atemlähmungen hervorrief. Er schrieb weiterhin, daß Luft-Farmen generell überhitzungsgefährdet seien und ein Einsetzen von RSG-26.F ein enormes Sicherheitsrisiko darstellte, da das Virus durch die Luft übertragbar sei und zum sofortigen Tod der Betreffenden führe. Der Phosphor-Mantel von RSG-26.F, so sein letzter Satz, löse sich bei Außentemperaturen von über 45°C auf.

Es dauerte lange, bis die Worte sich gesetzt hatten und Yuki sich wieder traute zu atmen. Er war alleine in dem kleinen Datenraum, im Untergeschoß der Bibliothek.

Trotz der Hitze fröstelte er.

Short: Großstadtmuseum

Der Chatroom – unendliche Weiten des Mißverstehens und der Cyberverwirrung… Nakano Hitori hat es damals tatsächlich geschafft, einen ganzen Roman (電車男 – Densha otoko – der Mann im Zug) in einem Internetforum spielen zu lassen, bei mir hat’s zu nicht mehr als einer Kurzgeschichte gereicht, und die hat mich bereits nahezu um den Verstand gebracht.

Dennoch, Vorhang auf für eine meiner persönlichen Kurzgeschichtenfavoriten (falls man sowas darf, als Verfasser seine eigenen Geschichten favorisieren):

Großstadtmuseum

Seerose_217 wrote at 6:02 p.m.:

Neuankömmlinge in Sektion 14b-Romantik

Ihr werdet’s kaum fassen, haltet euch fest: Gerade eben erfuhr ich von Iphigenie05, daß in Sektion 14b “Romantik” ein neues Gemälde erwartet wird! Es handelt sich, wie wohl zu erwarten, um eine romantische Waldlandschaft mit zwei Jünglingen. Und sogar einem Vollmond!

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Join Seerose_217‘s Community Erhebe dich aus der Masse und finde zu dir selbst – Selbsthilfegruppe für Blumen und Gräser now!

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Kartoffel_Mathilde wrote at 6:15 p.m.:

Re: Neuankömmlinge in Sektion 14b-Romantik

Wen interessiert das denn?

Gilt das Angebot von Fröhliche_Gesellschaft zum Abendessen noch?

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Denker_3000 wrote at 6:30 p.m.:

No subject

Hat jemand meinen letzten Gedanken gesehen? Mich deucht, er entsprang mir vor wenigen Stunden.

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Community Fröhliche_Gesellschaft wrote at 6:32 p.m.:

Re: Abendessen

@Kartoffel_Mathilde: Komm vorbei, schönes Mädchen! Wir haben Speisen vom Bankettgelage aus der Sonderaustellung in 7a “Barocke Festivitäten” und ML_smileybear hat Karten mitgebracht!

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Iphigenie_05 wrote at 6:38 p.m.:

Re: Neuankömmlinge in Sektion 14b-Romantik

Ich konnte einen Blick auf die Signatur erhaschen, als das Gemälde an mir vorübergetragen wurde: CdaF-678.T

Sagt das jemandem was?

@Denker_3000: Wovon handelte dein Gedanke denn, vielleicht ist er mir zwischenzeitlich gekommen!

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traum_in_lila of the Community Farbkleckse moderner Malerei – mehr als nur Spritzer wrote at 6:42:

Bezüglich Signaturen

Ha! Das ist Caspar David Friedrichs „Zwei Männer, den Mond betrachtend”. Eine echte Bereicherung!

@Sex-Godess718: Venus, mein Engel, es tut mir leid, daß ich dich gestern Abend habe sitzen lassen wegen des Kubisten-Balls im 3. Stock. Bitte rede wieder mit mir!

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The_Real_Vincent wrote at 6:43 p.m.:

Gedanke des Denkers

@Iphigenie_05: Wohl kaum!

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Kartoffel_Pierre wrote at 6:45 p.m.:

Re: Abendessen

Es kommt überhaupt nicht in Frage, daß meine Tochter – aus respektablen Hause, jawohl respektabel! Immerhin sind wir ein Werk Van Goghs! – sich mit euch Proleten rumtreibt und dreckige Kartenspiele lernt! Nein! Nein! Und nochmals: Nein! Außerdem hat sie wohl vergessen, daß sie heute zum Sittenunterricht zu Countess_Howe muss – und die ist wenigstens eine echte Gainsborough!

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Kartoffel_Mathilde wrote at 6:52 p.m.:

No subject

@Fröhliche_Gesellschaft: Tut mir leid.

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Sex_Godess718 wrote at 6:53 p.m.:

@traum_in_lila

Ich bin schwer enttäuscht! Wie konntest du nur?! Und ich hatte extra einen Platz im „Chez Kornfeld” für uns bestellt!

Und wag es ja nicht, dich bei mir zu entschuldigen! Ich habe eigenohrig die Gerüchte mitbekommen von dir und diesem… diesem Klecks in Anthrazit!

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Baby_J_6002 wrote at 6:54 p.m.:

No subject

RABÄÄÄÄÄÄHHHH!

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Maria_013 wrote at 6:56 p.m.:

Oh Nein!

Wer hat denn jetzt schon wieder das Kind geweckt?! Könnte hier vielleicht mal Ruhe einkehren im Stall?!

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traum_in_lila wrote at 6:56 p.m.:

Re: @traum_in_lila

Gerüchte, meine Liebste! Haltlose Gerüchte!

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Frau_an_Fenster wrote at 6:57 p.m.:

Re: Oh Nein!

Ich glaube, meine Leinwand wellt sich! Ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten, nur weil Madame nicht auf ihr Gör aufpassen kann!

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Silverstar wrote at 6:58 p.m.:

Re: @traum_in_lila

Klecks? Da hört doch alles auf! Und ich bin Silber und nicht Anthrazitfarben!

Und wenn ich ein so haltloses Gerücht bin, dann bist du hiermit zum morgigen Candlelight Dinner wieder ausgeladen!

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Maria_013 wrote at 7:00 p.m.

Re: Oh Nein!

Ha! Das muss ich mir doch nicht bieten lassen! Von einer, die den ganzen Tag nichts besseres zu tun hat, als an dem blöden Fenster zu stehen und das Tagesgeschehen zu beobachten! Ich habe wenigstens historische Relevanz!

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from here you can view the last entries of the Community Heilandsmütter helfen sich im Haushalt!

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Hoppelhäschen_316 wrote at 7:01 p.m.

Re: Neuankömmlinge in Sektion 14b-Romantik

Caspar David Friedrich, hm? Hatte ja noch nie etwas für diese romantisch-depressiven Maler übrig.

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Meerliebhaber wrote at 7:02 p.m.:

Romantisch-depressive Maler

Wie? Also ich muß doch sehr bitten, ehrwürdiger Vierbeiner. C.D. Friedrich ist auch mein Vater.

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Frau_an_Fenster wrote at 7:02 p.m.:

Re: Oh Nein!

Eine solche Frechheit ist mir ja noch nie ins Gesicht gesagt worden! Ich werde eine Beschwerde beim Museumsvorstand gegen Sie einreichen! Sie und ihre ganze Heiland-Baggage! Sie sorgen doch ohnehin immer nur für Aufruhr!

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Maria_013 wrote at 7:04 p.m.:

Re: Oh Nein!

Aha, da kommt es also raus, sie verkappte Atheistin!

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Madonna_78 wrote at 7:04 p.m.:

Beschwerden

Jetzt sind wir wohl nicht mal mehr hier erwünscht wie? Na, bravo!

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Hoppelhäschen_316 wrote at 7:05 p.m.:

Romantisch-depressive Maler

Ich bitte, Sie, Pater, das werden Sie doch wohl nicht persönlich genommen haben.

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Babydoll wrote at 7:05 p.m.:

Re: Beschwerden

Ich gebe Frau_an_Fenster voll und ganz recht: Gesunder und erholsamer Schlaf ist das Wichtigste für Modelle wie mich, und ich denke, daß mir die gesamte Community Aktmodelle für mehr Rechte zustimmt, wenn ich sage, daß an Schlaf jawohl nicht mehr zu denken ist, seit die Abteilung 6 “Bilder des jungen Jesu” hier ins Erdgeschoß umgezogen ist!

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Meerliebhaber wrote at 7:07 p.m.

Re: Romantisch-depressive Maler

Aber nein. Auch liegt es mir fern, besonders viel auf die Meinung von Häschenzeichnungen zu geben.

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Madonna_78 wrote at 7:07 p.m.:

Re: Beschwerden

Als würde der Schönheitsschlaf Ihnen noch irgendwas bringen! Der Zenit Ihres Lebens ist jawohl schon seit Jahrhunderten überschritten!

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Hoppelhäschen_316 wrote at 7:09 p.m.:

Re: Romantisch-depressive Maler

Als Zeichnung und als Hase lehne ich es ab, darauf zu antworten.

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Partykubus wrote at 7:11 p.m.:

No subject

@Flecken_grrl: Hilf mir auf die Sprünge, wo findet nachher die Expressionistenparty statt?

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Josef_96 wrote at 7:11 p.m.:

Re: Beschwerden

Ich wandere aus, nach Alaska.

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Farn_im_Hintergrund007 wrote at 7:13 p.m.:

Expressionistenparty

Ich dachte, Sie hätten Expressionistenverbot?

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Josef_87 wrote at 7:14 p.m.:

Re: Beschwerden

Ich kenne ein nettes kleines Museum in Anchorage…

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Partykubus wrote at 7:15 p.m.:

Re: Expressionistenparty

Nein, mein Herr. Da verwechseln Sie mich mit schwungvolles_gelb_56.

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Flecken_grrl wrote at 7:16 p.m.:

@Partykubus

Abteilung 3b-Moderner Expressionismus bei Chagalls „Brautpaar vor dem Eiffelturm”. Wir treffen uns um kurz vor 8 und das Motto ist „Cowboy und Indianer”, um Verkleidung wird gebeten!

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schwungvolles_gelb_56 wrote at 7:16 p.m.:

No subject

Ich möchte nicht daran erinnert werden. Und die Geschichte mit dem Nudelsalat geht wirklich nicht auf mich zurück!

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Mann_im_Mond01 wrote at 7:18 p.m.:

Hallo

Guten Abend, die Herrschaften. Mein Partner und ich sind eben neu dazugekommen. Wir wollten nur kurz Hallo sagen.

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Mann_im_Mond02 wrote at 7:18 p.m.:

Grüß Gott

Auch von mir.

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Kartoffel_Mathilde wrote at 7:19 p.m.:

Re: Hallo

Ich glaube ich kann stellvertretend für alle sagen, daß ihr beide hier wirklich herzlich willkommen seid! Ihr werdet schnell merken, daß in diesem Museum eine besondere Harmonie zwischen den Werken herrscht! Wir können es gar nicht erwarten, euch in unserer Mitte begrüßen zu dürfen!

Schnipselgeschichte: Entschuldigung

Unter der Überschrift “Schnipselgeschichten” werden sich in regelmäßigen Abständen ebensolche finden – nämlich sehr kurze Einblicke, Schnipsel eben, in eine größere Geschichte, in ein Leben, in eine Situation. Frei nach dem Motto: “je spezifischer man ist, desto allgemeiner wird die Aussage” mache ich hiermit den ‘Drabble*’ Gesellschaftsfähig.

*Drabble: (englisch) eine sehr kurze Geschichte mit einer vorgegebenen Wortanzahl von 100, 200, 300, 400 oder maximal 500 Wörtern. Bisher meines Wissens nach ausschließlich für Fanfiction benutzt.

Wörter: 300

Dialogschnipsel

Entschuldigung

„Warum muß eigentlich immer ich mich entschuldigen, Bernd?”

„Hm?”

„Na, beim Hannes. Jedesmal, wenn wir dem einen Streich spielen, bin ich derjenige, der sich für uns entschuldigt.”

„Stimmt doch gar nicht. Ich hab mich da auch schon mal entschuldigt.”

„So? Wann denn?”

„Ja, letztens… das war… grad neulich erst.”

„Letztes Mal war ich. Und das Mal davor auch.”

„Dann halt davor irgendwann. Du, Klaus, ich kann mich da grad ganz schlecht erinnern.”

„Die letzten Male hab jedenfalls immer ich zu Kreuze kriechen müssen.”

„Aber vorher ich!”

„Und deswegen, hab ich mir gedacht, bist jetzt du einmal dran.”

„Ich? Na, das geht nicht!”

„Wieso das denn?”

„Das nimmt der mir doch nie ab, der Hannes! Außerdem kannst du das viel besser, mit dem zu Kreuze kriechen, als ich. Dir glauben die Leute so was. Du hast da ein Riesentalent, Klaus!”

„Jaja, komm spar’s dir, Bernd. Du entschuldigst dich diesmal, und fertig! Du hast die Frau schließlich auch angerufen.”

„Letztendlich haben wir dem Hannes einen Gefallen getan. Der hätt sich noch umgeschaut mit der. Ich mein, eine Polizistin! Und dann noch bei der Sitte! Die sind doch da völlig verkorkst.”

„Ja, aber momentan sieht der Hannes das halt anders. So weit denkt der noch nicht. Jetzt isser erstmal sauer auf uns.”

„Und wie.”

„Wir hätten ihr vielleicht nichts von Hannes ‚finanziellen Schwierigkeiten’ erzählen sollen.”

„Das stimmt, das war blöd.”

„Nächstes Mal wissen wir’s besser.”

„Du, ich hab ne Idee.”

„Ach, tatsächlich?”

„Du entschuldigst dich für uns, und ich lad uns alle drei zum Essen ein. Was meinst?”

„Zum Essen? Wohin denn?”

„Ja, das wirst dann schon sehen.”

„Na gut. Aber das ist wirklich das letzte Mal, Klaus. Danach entschuldigst du dich!”

„Ja, klar. Ehrenwort. Da vorne isser! Geh du hin, ich hol uns was aus der Präsidiumskantine. Leihst mir mal zehn Euro?!”

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