Theaterstück: ein Grund für Zusammenarbeit
August 31st, 2011 at 8:54 am (Theaterstück)
Ein Grund für Zusammenarbeit
Zweiakter für 3 Personen
Handlungsort: Ein leeres Klassenzimmer in der großen Pause
Dramatis Personae: Youssef, Klasse 12; Mia, Klasse 8; Eugen, Klasse 5
AKT 1
Youssef, Mia, Eugen
Ein leeres Klassenzimmer
Youssef lehnt am Lehrerpult und wartet das Klingeln zum Pausenbeginn ab, das nicht lange auf sich warten lässt. Kurz darauf kommen fast gleichzeitig Mia und Eugen zur Tür herein. Der Lärm auf dem Flur zeigt an, dass alle anderen Schüler in die große Pause rasen.
Youssef trägt Kordhosen und ein Hemd, darüber einen Pullunder mit Rautenmuster.
Mia ist ganz in schwarze Gewänder gekleidet und postuliert Gothic-Schick.
Eugen trägt einen schwarzen Designeranzug mit einer schwarzen Krawatte und eine teuer wirkende Sonnenbrille. Sein Haar ist fesch beiseite gegelt.
Als Eugen und Mia eintreten, stellt Youssef sich gerade hin. Die drei nicken sich zu, grüßen sich allerdings nicht weiter verbal. Es ist eindeutig an ihrer Haltung abzulesen, dass sie sich gegenseitig nicht unbedingt leiden können. Der Gesprächston ist höflich-geschäftlich, aber misstrauisch.
YOUSSEF: Danke, dass ihr gekommen seid.
MIA: Nicht deinetwegen.
EUGEN: Worum geht’s? Meine Zeit ist nicht gestohlen.
YOUSSEF: Ich weiß, dass unsere Wege bisher getrennt verlaufen sind und ich habe keine Ambitionen, das zu ändern. Aber es ist etwas geschehen, das uns alle betrifft und dem wir uns als Schüler gemeinsam entgegenstellen müssen.
Mia und Eugen tauschen einen misstrauischen Blick, sind aber ganz Ohr.
YOUSSEF: Es geht um die angekündigte Umstrukturierung der Cafeteria. Davon habt ihr gehört?!
Mia und Eugen nicken.
YOUSSEF: Jule, unsere Schulsprecherin, war gestern in der Lehrerkonferenz und hat die neuen Pläne gehört. Es geht nicht darum, die Cafeteria neu zu gestalten. Die Schule will keine Süßigkeiten mehr dort verkaufen.
Mia atmet entsetzt ein. Eugen zeigt keine Reaktion.
MIA: Nein!
YOUSSEF: Ab nächsten Monat wird es nur noch Dinkelbrot mit vegetarischem Aufstrich zu kaufen geben. Keine Brötchen, kein Fleisch, keine Schokolade.
MIA: Das… das darf nicht wahr sein.
EUGEN: Ist denen denn nicht klar, welche Konsequenzen das haben wird?
YOUSSEF: Ich weiß es nicht. Jule weiß es nicht. Offenbar hat das Tim Mälzer Special über übergewichtige Kinder im Fernsehen letzte Woche gerade die falschen Mütter stark beeinflusst. Jule sagt, die Lehrer wären uns schon entgegengekommen – der Elternrat hat Knäckebrot und Frischkäse Light als einziges Verkaufsprodukt vorgeschlagen.
MIA: Nie wieder Snickers!
EUGEN: Bitte, Mädchen, krieg dich wieder ein. Panik bringt uns an dieser Stelle nicht weiter. (zu Youssef) Ich nehme an, du hast dieses Treffen einberufen, weil du bereits einen Plan hast?
YOUSSEF: Aber einen, für den ich eure Hilfe brauche – die Hilfe von allen. Wir sind die Sprecher der drei größten Schülerfraktionen. Wenn wir etwas bewirken wollen, müssen wir diesmal kollaborieren. Dieser Krise können wir nur als geschlossene Front entgegentreten.
Mia beruhigt sich etwas.
EUGEN: Die Frage ist nicht, wozu du die Hilfe der Familie in Anspruch nehmen möchtest. Die Frage ist: Was springt für mich dabei heraus?
YOUSSEF: Wir haben gesammelt, Eugen. Der Schachclub, das Cheerleaderteam unserer Tischtennismannschaft und die Mathe AG haben zusammengelegt. Wir sind bereit, dir eine Gesamtsumme von vierzig Essensmärkchen für deine Mitarbeit zu bezahlen.
EUGEN: Vierzig Essensmärkchen für eine Cafeteria, die keine Wurstbrötchen mehr verkauft?
YOUSSEF: Ein um so größerer Ansporn für dich, mitzumachen.
Eugen wiegt den Kopf überlegend hin und her.
EUGEN: Einverstanden. Die Familie steht geschlossen hinter dir.
MIA: Was ist mit uns? Erwartest du von uns etwa, dass wir aus reiner Solidarität mitziehen?
YOUSSEF: Das würde ich nicht einmal in Erwägung ziehen, Mia. Wir haben Beziehungen spielen lassen. Du und deine Mädels, ihr habt jetzt ein Jahresabo der „Gothic Lolita Bible“.
Mia quietscht freudig auf.
MIA: OhmeinGott! Deal. Deal, Deal, Deal!!!
YOUSSEF: Okay. Das ist der Plan: Mia, du trommelst die Emos und Punks zusammen. Geht in den Hungerstreik vor der Pausenhalle. Ihr rührt euch nicht, bis wir zu einer Einigung gekommen sind! Der Kunst LK wird euch Schilder malen. Ich habe der Computer AG schon grünes Licht gegeben: in zwei Stunden hat jedes Elternteil und jeder Lehrer im Emailverteiler der Schule eine Mail mit unseren Forderungen im Postkasten.
Mia nickt.
EUGEN: Hungerstreik? Protestmails? Youssef, ich bin enttäuscht. Das ist doch Grundschulniveau. Lass uns das auf meine Art machen: Wir beschmieren das Auto des Direktors mit Schlamm und fluten die Lehrertoiletten.
YOUSSEF: Wenn unsere Aktionen nichts bringen, können wir das immer noch machen. Erstmal versuchen wir es auf die friedliche Art. Sag den Mädchen aus der Unterstufe, sie sollen sich vor dem Eingangstor an der Hauptverkehrsstraße verteilen und heulen. Klaas aus der zehnten hat Kontakte zur Zeitung. Er wird dafür sorgen, dass mindestens ein Reporter vor Ort sein wird. Die Unterstufenjungs sollen die Plakafarben aus dem Kunstraum holen und auf die Gebäudewand ein Riesensalamibrötchen malen.
EUGEN: Das dürfte kein Problem sein.
YOUSSEF: Das klappt nur, wenn wir alle zusammenarbeiten! Keine Einzelaktionen, keine gegenseitigen Sabotagen und vor allem, Eugen, keine Stinkbomben.
EUGEN: Ich werd sehen, was ich tun kann. Wenn die Jungs wild werden, sind sie schwer zu bändigen.
YOUSSEF: Halt sie einfach in Schach. Und, Mia?
Mia richtet ihre volle Aufmerksamkeit auf Youssef.
YOUSSEF: Organisiert euch ruhig Gitarren und singt selbstgeschriebene Protestlieder über eure Gefühle. Wir wollen sie weich kochen!
Mia hüpft aufgeregt auf und ab und klatscht in die Hände. Einen Moment herrscht danach Schweigen, dann wendet Mia sich als Erste zum Gehen, Eugen geht ebenfalls. In der Tür bleibt er noch einmal stehen und sieht zu Youssef.
EUGEN: Gute Arbeit, Youssef.
YOUSSEF: Danke, Eugen. Und viel Glück.
Eugen verlässt das Klassenzimmer und Youssef geht als Letzter ebenfalls.
AKT 2
Youssef, Mia, Eugen
Ein anderes Klassenzimmer einige Zeit später
Es ist leer. Dann ertönt das Pausenklingeln und kurz danach betreten Mia, Youssef und Eugen den Raum.
Mia betritt als Erste das Klassenzimmer. Sie geht zum Lehrerpult und stellt sich in Position. Danach erscheint Youssef und als letztes Eugen.
Youssef trägt eine andere Kordhose, ein anderes Hemd und einen anderen Pullunder. Er trägt einen Stapel Zeitungen unter dem Arm.
Mia ist immer noch im Gothic-Chic gestyled, trägt nun aber eine Variation ihres vorherigen Outfits.
Eugen sieht genauso aus wie vorher.
Sie arrangieren sich in einer Art Halbkreis um das Lehrerpult herum und nicken sich zur Begrüßung zu.
YOUSSEF: Ich habe ein Nachbesprechungstreffen einberufen, um mich noch einmal für die beispiellose Zusammenarbeit zu bedanken. Unsere Aktion war ein voller Erfolg. Auch wenn wir Rückschläge haben einstecken müssen und herbe Verluste in den eigenen Reihen. Aber jeder hat alles gegeben. Wir haben Seite an Seite gestanden und uns für die Sache eingesetzt. Wir können stolz auf uns sein. An dieser Stelle möchte ich mich allerdings noch einmal persönlich für den Verlust von Lasses Zahn entschuldigen.
EUGEN: Er wird es überstehen. Lasse ist hart im Nehmen.
Youssef wendet sich an Mia.
YOUSSEF: Wie geht es Friederike?
MIA: Nicht gut. Sie ist seitdem nicht mehr in der Schule gewesen. Ihre Mutter spricht von Therapie.
YOUSSEF: Dass ausgerechnet ihre Lieblingsratte im Mob zertreten wurde ist natürlich bitter. Aber sie musste sie ja unbedingt mitschleppen…
MIA: Die Beerdigung ist nächsten Freitag. Friederike würde sich sehr freuen, wenn alle kämen. Immerhin hat Kamui sein Leben für die Sache gegeben.
EUGEN: Ich muss doch sehr bitten. Wegen einer Ratte so ein Theater machen! Ihr emotionalen Hühner! Die kleine Lillith musste sich nach der Kaugummischlacht im Foyer eine Glatze rasieren. Hat sich nichtmal beschwert, die kleine Lillith.
MIA: Wir sind eben nicht so abgebrüht wie ihr, ihr Teilzeitmafiosi!
YOUSSEF: Bitte! Können wir noch einen Moment das Kriegsbeil in der Erde lassen?
Mia und Eugen sehen ihn an, als warten sie auf die Erklärung für so eine fragwürdige Anweisung.
YOUSSEF: Unsere Aktion war ein spektakulärer Erfolg. Nicht nur bleibt das alte Angebot der Cafeteria erhalten, wir haben auch noch etwas anderes erreicht.
Er legt eine nach der anderen die Zeitungen, die er bis dahin festgehalten hat, auf das Pult.
YOUSSEF: Deutschlandweit sind Schüler unserem Vorbild gefolgt und haben gegen die zunehmende Gesundheitshysterie der Eltern revoltiert. Manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg. An zwei Schulen konnte die Abschaffung des Cola-Automaten erfolgreich verhindert werden. Und eine Waldorfschule in Düsseldorf verkauft jetzt Nutellabrötchen in der ersten großen Pause. Und die Aktion zieht weiter Kreise: Es haben sich Untersuchungsfraktionen gebildet, die frühere wissenschaftliche Untersuchungen noch einmal inspizieren und in Frage stellen, ob Zucker tatsächlich so ungesund ist, wie sie gedacht hatten. In der Bäckerblume ist die nächste Ausgabe ganz dem Wurstbrötchen gewidmet. Und eine unabhängige Wissenschaftlergruppierung hat verkündet, dass in einer Welt, in der Zigaretten und Alkohol frei verkäuflich seien, Kinder wieder das essen sollten, worauf sie Appetit haben. Sie haben sogar bestätigt, dass Minderjährigenfettsucht sehr viel mehr mit innerem Kummer und dem Essverhalten der Eltern zu tun hat, als mit Schokoladenriegeln und Brausepulver.
EUGEN: Erfolg also auf der ganzen Linie.
MIA: Wie schön!
EUGEN: Wenn das dann alles war. Ich habe noch einen wichtigen Termin diese Pause.
Er will sich zum Gehen wenden, doch Youssef hält ihn zurück.
YOUSSEF: Wir können jetzt nicht aufhören!
Eugen dreht sich fragend zu ihm um. Auch Mia macht ein überraschtes Gesicht.
MIA: Neinneinein! Das war nicht unsere Abmachung. Eine Aktion hast du gesagt, Youssef. Und dann ist alles wieder normal.
EUGEN: Sie hat recht. Unser Deal war einmalig. Es ist vorbei. Die Wege verlaufen wieder getrennt und gegeneinander.
YOUSSEF: Aber es ist nichts mehr normal! Wir haben etwas bewirkt! Etwas in Gang gesetzt! Wir haben etwas verändert. Wir haben uns verändert!
MIA: Und das war eine tolle Sache. Aber es ist vorbei. Auch die Freaks aus der Oberstufe müssen das akzeptieren.
EUGEN: Ihr wollt nur nicht mehr am Ende der Nahrungskette stehen.
YOUSSEF: Nein! Darum geht es nicht. Aber gemeinsam haben wir Macht. Wir könnten noch mehr verändern!
Mia ist unsicher. Eugen ist misstrauisch, wittert aber ein Geschäft.
EUGEN: An was hast du gedacht?
YOUSSEF: Aufhebung des Handyverbots auf dem Schulgelände.
Mia lacht hysterisch auf. Eugen verschränkt die Arme vor der Brust.
Youssef sieht sie erwartungsvoll an. Als keiner der beiden etwas dazu sagt, fährt er fort.
YOUSSEF: Was sagt ihr dazu?
MIA: Was, das war dein Ernst? Geht’s noch?
EUGEN: Das ist ein gewagtes Unterfangen.
MIA: Gewagt? Gewagt? Das ist total irre! Viel zu groß! Vergiss es, Youssef. Das schaffen wir nie!
YOUSSEF: So schnell gebt ihr auf?
EUGEN: Wer seine Grenzen kennt und akzeptiert, kann sich frei darin bewegen.
YOUSSEF: Kommt schon. Es wäre für uns alle ein Segen – Mia, ihr könntet das lästige Zettelschreiben sein lassen, bei dem ihr eh immer erwischt werdet, und euch statt dessen SMS schicken. Und Eugen, deine Geschäfte würden sicherlich sehr viel weniger zeitaufwendig sein, wenn einige Dinge am Telefon geklärt werden könnten.
EUGEN: Was weißt du über meine Geschäfte?
YOUSSEF: Nichts! Garnichts! War nur so eine Idee.
Youssef macht eine kleine Pause.
YOUSSEF Also. Wie sieht’s aus? Seid ihr dabei?
Einen Moment brauchen Eugen und Mia noch zum Nachdenken.
EUGEN: Ohne die Familie schafft ihr das niemals. Ich bin dabei. Du zahlst mir das erste iPhone.
YOUSSEF: Ein fairer Preis. Abgemacht.
Sie schütteln sich die Hand.
MIA: Keine Zettelchen mehr, sagst du?
YOUSSEF: Und Youtube in der Pause.
MIA: Was soll’s?! Wir haben nichts zu verlieren.
Auch sie reicht Youssef die Hand.
YOUSSEF: Ich werde sehen, dass wir Friederike eine neue Ratten besorgen.
MIA: Danke. Das wird sie aufmuntern.
Es klingelt zum Pausenende.
YOUSSEF: Morgen zur gleichen Zeit im Deutschkursraum der Oberstufe.
EUGEN: Bis morgen.
MIA: Bis morgen.
Sie verlassen den Klassenraum.