Theaterstück: ein Grund für Zusammenarbeit

 Ein Grund für Zusammenarbeit

Zweiakter für 3 Personen

Handlungsort: Ein leeres Klassenzimmer in der großen Pause

Dramatis Personae: Youssef, Klasse 12; Mia, Klasse 8; Eugen, Klasse 5

 

AKT 1

Youssef, Mia, Eugen

Ein leeres Klassenzimmer

Youssef lehnt am Lehrerpult und wartet das Klingeln zum Pausenbeginn ab, das nicht lange auf sich warten lässt. Kurz darauf kommen fast gleichzeitig Mia und Eugen zur Tür herein. Der Lärm auf dem Flur zeigt an, dass alle anderen Schüler in die große Pause rasen.

Youssef trägt Kordhosen und ein Hemd, darüber einen Pullunder mit Rautenmuster.

Mia ist ganz in schwarze Gewänder gekleidet und postuliert Gothic-Schick.

Eugen trägt einen schwarzen Designeranzug mit einer schwarzen Krawatte und eine teuer wirkende Sonnenbrille. Sein Haar ist fesch beiseite gegelt.

Als Eugen und Mia eintreten, stellt Youssef sich gerade hin. Die drei nicken sich zu, grüßen sich allerdings nicht weiter verbal. Es ist eindeutig an ihrer Haltung abzulesen, dass sie sich gegenseitig nicht unbedingt leiden können. Der Gesprächston ist höflich-geschäftlich, aber misstrauisch.

YOUSSEF: Danke, dass ihr gekommen seid.

MIA:  Nicht deinetwegen.

EUGEN: Worum geht’s? Meine Zeit ist nicht gestohlen.

YOUSSEF: Ich weiß, dass unsere Wege bisher getrennt verlaufen sind und ich habe keine Ambitionen, das zu ändern. Aber es ist etwas geschehen, das uns alle betrifft und dem wir uns als Schüler gemeinsam entgegenstellen müssen.

Mia und Eugen tauschen einen misstrauischen Blick, sind aber ganz Ohr.

YOUSSEF: Es geht um die angekündigte Umstrukturierung der Cafeteria. Davon habt ihr gehört?!

Mia und Eugen nicken.

YOUSSEF: Jule, unsere Schulsprecherin, war gestern in der Lehrerkonferenz und hat die neuen Pläne gehört. Es geht nicht darum, die Cafeteria neu zu gestalten. Die Schule will keine Süßigkeiten mehr dort verkaufen.

Mia atmet entsetzt ein. Eugen zeigt keine Reaktion.

MIA: Nein!

YOUSSEF: Ab nächsten Monat wird es nur noch Dinkelbrot mit vegetarischem Aufstrich zu kaufen geben. Keine Brötchen, kein Fleisch, keine Schokolade.

MIA: Das… das darf nicht wahr sein.

EUGEN: Ist denen denn nicht klar, welche Konsequenzen das haben wird?

YOUSSEF: Ich weiß es nicht. Jule weiß es nicht. Offenbar hat das Tim Mälzer Special über übergewichtige Kinder im Fernsehen letzte Woche gerade die falschen Mütter stark beeinflusst. Jule sagt, die Lehrer wären uns schon entgegengekommen – der Elternrat hat Knäckebrot und Frischkäse Light als einziges Verkaufsprodukt vorgeschlagen.

MIA: Nie wieder Snickers!

EUGEN: Bitte, Mädchen, krieg dich wieder ein. Panik bringt uns an dieser Stelle nicht weiter. (zu Youssef) Ich nehme an, du hast dieses Treffen einberufen, weil du bereits einen Plan hast?

YOUSSEF: Aber einen, für den ich eure Hilfe brauche – die Hilfe von allen. Wir sind die Sprecher der drei größten Schülerfraktionen. Wenn wir etwas bewirken wollen, müssen wir diesmal kollaborieren. Dieser Krise können wir nur als geschlossene Front entgegentreten.

Mia beruhigt sich etwas.

EUGEN: Die Frage ist nicht, wozu du die Hilfe der Familie in Anspruch nehmen möchtest. Die Frage ist: Was springt für mich dabei heraus?

YOUSSEF: Wir haben gesammelt, Eugen. Der Schachclub, das Cheerleaderteam unserer Tischtennismannschaft und die Mathe AG haben zusammengelegt. Wir sind bereit, dir eine Gesamtsumme von vierzig Essensmärkchen für deine Mitarbeit zu bezahlen.

EUGEN: Vierzig Essensmärkchen für eine Cafeteria, die keine Wurstbrötchen mehr verkauft?

YOUSSEF: Ein um so größerer Ansporn für dich, mitzumachen.

Eugen wiegt den Kopf überlegend hin und her.

EUGEN: Einverstanden. Die Familie steht geschlossen hinter dir.

MIA: Was ist mit uns? Erwartest du von uns etwa, dass wir aus reiner Solidarität mitziehen?

YOUSSEF: Das würde ich nicht einmal in Erwägung ziehen, Mia. Wir haben Beziehungen spielen lassen. Du und deine Mädels, ihr habt jetzt ein Jahresabo der „Gothic Lolita Bible“.

Mia quietscht freudig auf.

MIA: OhmeinGott! Deal. Deal, Deal, Deal!!!

YOUSSEF: Okay. Das ist der Plan: Mia, du trommelst die Emos und Punks zusammen. Geht in den Hungerstreik vor der Pausenhalle. Ihr rührt euch nicht, bis wir zu einer Einigung gekommen sind! Der Kunst LK wird euch Schilder malen. Ich habe der Computer AG schon grünes Licht gegeben: in zwei Stunden hat jedes Elternteil und jeder Lehrer im Emailverteiler der Schule eine Mail mit unseren Forderungen im Postkasten.

Mia nickt.

EUGEN: Hungerstreik? Protestmails? Youssef, ich bin enttäuscht. Das ist doch Grundschulniveau. Lass uns das auf meine Art machen: Wir beschmieren das Auto des Direktors mit Schlamm und fluten die Lehrertoiletten.

YOUSSEF: Wenn unsere Aktionen nichts bringen, können wir das immer noch machen. Erstmal versuchen wir es auf die friedliche Art. Sag den Mädchen aus der Unterstufe, sie sollen sich vor dem Eingangstor an der Hauptverkehrsstraße verteilen und heulen. Klaas aus der zehnten hat Kontakte zur Zeitung. Er wird dafür sorgen, dass mindestens ein Reporter vor Ort sein wird. Die Unterstufenjungs sollen die Plakafarben aus dem Kunstraum holen und auf die Gebäudewand ein Riesensalamibrötchen malen.

EUGEN: Das dürfte kein Problem sein.

YOUSSEF: Das klappt nur, wenn wir alle zusammenarbeiten! Keine Einzelaktionen, keine gegenseitigen Sabotagen und vor allem, Eugen, keine Stinkbomben.

EUGEN: Ich werd sehen, was ich tun kann. Wenn die Jungs wild werden, sind sie schwer zu bändigen.

YOUSSEF: Halt sie einfach in Schach. Und, Mia?

Mia richtet ihre volle Aufmerksamkeit auf Youssef.

YOUSSEF: Organisiert euch ruhig Gitarren und singt selbstgeschriebene Protestlieder über eure Gefühle. Wir wollen sie weich kochen!

Mia hüpft aufgeregt auf und ab und klatscht in die Hände. Einen Moment herrscht danach Schweigen, dann wendet Mia sich als Erste zum Gehen, Eugen geht ebenfalls. In der Tür bleibt er noch einmal stehen und sieht zu Youssef.

EUGEN: Gute Arbeit, Youssef.

YOUSSEF: Danke, Eugen. Und viel Glück.

Eugen verlässt das Klassenzimmer und Youssef geht als Letzter ebenfalls.

 

 

AKT 2

Youssef, Mia, Eugen

Ein anderes Klassenzimmer einige Zeit später

Es ist leer. Dann ertönt das Pausenklingeln und kurz danach betreten Mia, Youssef und Eugen den Raum.

Mia betritt als Erste das Klassenzimmer. Sie geht zum Lehrerpult und stellt sich in Position. Danach erscheint Youssef und als letztes Eugen.

Youssef trägt eine andere Kordhose, ein anderes Hemd und einen anderen Pullunder. Er trägt einen Stapel Zeitungen unter dem Arm.

Mia ist immer noch im Gothic-Chic gestyled, trägt nun aber eine Variation ihres vorherigen Outfits.

Eugen sieht genauso aus wie vorher.

Sie arrangieren sich in einer Art Halbkreis um das Lehrerpult herum und nicken sich zur Begrüßung zu.

 

YOUSSEF: Ich habe ein Nachbesprechungstreffen einberufen, um mich noch einmal für die beispiellose Zusammenarbeit zu bedanken. Unsere Aktion war ein voller Erfolg. Auch wenn wir Rückschläge haben einstecken müssen und herbe Verluste in den eigenen Reihen. Aber jeder hat alles gegeben. Wir haben Seite an Seite gestanden und uns für die Sache eingesetzt. Wir können stolz auf uns sein. An dieser Stelle möchte ich mich allerdings noch einmal persönlich für den Verlust von Lasses Zahn entschuldigen.

EUGEN: Er wird es überstehen. Lasse ist hart im Nehmen.

Youssef wendet sich an Mia.

YOUSSEF: Wie geht es Friederike?

MIA: Nicht gut. Sie ist seitdem nicht mehr in der Schule gewesen. Ihre Mutter spricht von Therapie.

YOUSSEF: Dass ausgerechnet ihre Lieblingsratte im Mob zertreten wurde ist natürlich bitter. Aber sie musste sie ja unbedingt mitschleppen…

MIA: Die Beerdigung ist nächsten Freitag. Friederike würde sich sehr freuen, wenn alle kämen. Immerhin hat Kamui sein Leben für die Sache gegeben.

EUGEN: Ich muss doch sehr bitten. Wegen einer Ratte so ein Theater machen! Ihr emotionalen Hühner! Die kleine Lillith musste sich nach der Kaugummischlacht im Foyer eine Glatze rasieren. Hat sich nichtmal beschwert, die kleine Lillith.

MIA: Wir sind eben nicht so abgebrüht wie ihr, ihr Teilzeitmafiosi!

YOUSSEF: Bitte! Können wir noch einen Moment das Kriegsbeil in der Erde lassen?

Mia und Eugen sehen ihn an, als warten sie auf die Erklärung für so eine fragwürdige Anweisung.

YOUSSEF: Unsere Aktion war ein spektakulärer Erfolg. Nicht nur bleibt das alte Angebot der Cafeteria erhalten, wir haben auch noch etwas anderes erreicht.

Er legt eine nach der anderen die Zeitungen, die er bis dahin festgehalten hat, auf das Pult.

YOUSSEF: Deutschlandweit sind Schüler unserem Vorbild gefolgt und haben gegen die zunehmende Gesundheitshysterie der Eltern revoltiert. Manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg. An zwei Schulen konnte die Abschaffung des Cola-Automaten erfolgreich verhindert werden. Und eine Waldorfschule in Düsseldorf verkauft jetzt Nutellabrötchen in der ersten großen Pause. Und die Aktion zieht weiter Kreise: Es haben sich Untersuchungsfraktionen gebildet, die frühere wissenschaftliche Untersuchungen noch einmal inspizieren und in Frage stellen, ob Zucker tatsächlich so ungesund ist, wie sie gedacht hatten. In der Bäckerblume ist die nächste Ausgabe ganz dem Wurstbrötchen gewidmet. Und eine unabhängige Wissenschaftlergruppierung hat verkündet, dass in einer Welt, in der Zigaretten und Alkohol frei verkäuflich seien, Kinder wieder das essen sollten, worauf sie Appetit haben. Sie haben sogar bestätigt, dass Minderjährigenfettsucht sehr viel mehr mit innerem Kummer und dem Essverhalten der Eltern zu tun hat, als mit Schokoladenriegeln und Brausepulver.

EUGEN: Erfolg also auf der ganzen Linie.

MIA: Wie schön!

EUGEN: Wenn das dann alles war. Ich habe noch einen wichtigen Termin diese Pause.

Er will sich zum Gehen wenden, doch Youssef hält ihn zurück.

YOUSSEF: Wir können jetzt nicht aufhören!

Eugen dreht sich fragend zu ihm um. Auch Mia macht ein überraschtes Gesicht.

MIA: Neinneinein! Das war nicht unsere Abmachung. Eine Aktion hast du gesagt, Youssef. Und dann ist alles wieder normal.

EUGEN: Sie hat recht. Unser Deal war einmalig. Es ist vorbei. Die Wege verlaufen wieder getrennt und gegeneinander.

YOUSSEF: Aber es ist nichts mehr normal! Wir haben etwas bewirkt! Etwas in Gang gesetzt! Wir haben etwas verändert. Wir haben uns verändert!

MIA: Und das war eine tolle Sache. Aber es ist vorbei. Auch die Freaks aus der Oberstufe müssen das akzeptieren.

EUGEN: Ihr wollt nur nicht mehr am Ende der Nahrungskette stehen.

YOUSSEF: Nein! Darum geht es nicht. Aber gemeinsam haben wir Macht. Wir könnten noch mehr verändern!

Mia ist unsicher. Eugen ist misstrauisch, wittert aber ein Geschäft.

EUGEN: An was hast du gedacht?

YOUSSEF: Aufhebung des Handyverbots auf dem Schulgelände.

Mia lacht hysterisch auf. Eugen verschränkt die Arme vor der Brust.

Youssef sieht sie erwartungsvoll an. Als keiner der beiden etwas dazu sagt, fährt er fort.

YOUSSEF: Was sagt ihr dazu?

MIA: Was, das war dein Ernst? Geht’s noch?

EUGEN: Das ist ein gewagtes Unterfangen.

MIA: Gewagt? Gewagt? Das ist total irre! Viel zu groß! Vergiss es, Youssef. Das schaffen wir nie!

YOUSSEF: So schnell gebt ihr auf?

EUGEN: Wer seine Grenzen kennt und akzeptiert, kann sich frei darin bewegen.

YOUSSEF: Kommt schon. Es wäre für uns alle ein Segen – Mia, ihr könntet das lästige Zettelschreiben sein lassen, bei dem ihr eh immer erwischt werdet, und euch statt dessen SMS schicken. Und Eugen, deine Geschäfte würden sicherlich sehr viel weniger zeitaufwendig sein, wenn einige Dinge am Telefon geklärt werden könnten.

EUGEN: Was weißt du über meine Geschäfte?

YOUSSEF: Nichts! Garnichts! War nur so eine Idee.

Youssef macht eine kleine Pause.

YOUSSEF Also. Wie sieht’s aus? Seid ihr dabei?

Einen Moment brauchen Eugen und Mia noch zum Nachdenken.

EUGEN: Ohne die Familie schafft ihr das niemals. Ich bin dabei. Du zahlst mir das erste iPhone.

YOUSSEF: Ein fairer Preis. Abgemacht.

Sie schütteln sich die Hand.

MIA: Keine Zettelchen mehr, sagst du?

YOUSSEF: Und Youtube in der Pause.

MIA: Was soll’s?! Wir haben nichts zu verlieren.

Auch sie reicht Youssef die Hand.

YOUSSEF: Ich werde sehen, dass wir Friederike eine neue Ratten besorgen.

MIA: Danke. Das wird sie aufmuntern.

Es klingelt zum Pausenende.

YOUSSEF: Morgen zur gleichen Zeit im Deutschkursraum der Oberstufe.

EUGEN: Bis morgen.

MIA: Bis morgen.

Sie verlassen den Klassenraum.

Short: Ein wichtiges Telefongespräch, Teil 2

Das zweite Gespräch aus der Reihe “ein wichtiges Telefongespräch”.

 

Person: Eine junge Frau, Mitte Zwanzig

 

„Hej du, ich bin’s. Stör ich grad? Ach gut. Nee, ich wollt nur mal ein bißchen quatschen – nichts Neues. Oder doch, warte mal, ich hab immer noch nichts von diesen Praktikumsfutzis da gehört. Pff, weißte, die stellen sich vielleicht an. Wollen keine Teilzeitkraft einstellen, weil, Himmel hilf!, das könnte ja Geld kosten, da müsste man dann ja Gehalt zahlen und eine unterbezahlte Praktikantin kann das ja fast genausogut machen, und dann behandeln die diejenigen, die sich dann auch noch auf das Angebot bewerben, weil se nix Besseres kriegen können und sich denken, besser ein Praktikum als ne verdammte Leerstelle im Lebenslauf, die behandeln die dann so von oben herab. Ja, ich hatte doch mit denen telephoniert letzte Woche Montag und da hieß es dann ja schon, dass die ausgeschriebenen ‚Chancen auf Festanstellung’ im Moment eher nicht so gut aussehen, sprich: war eh nie im Angebot sondern hat nur die Stellenausschreibung besser aussehen lassen. Gut, hätt ich jetzt ohnehin nicht gewollt, aber trotzdem, was soll denn das? Und dann meinten se, se melden sich bis zum Wochenende und, ja, jetzt ist halt Mittwoch. Ich meine, was soll denn das bitteschön?! Meinen die echt, jemand bewirbt sich auf diese Kackstelle, weil er oder sie als überqualifizierter Studienabgänger sich nichts Besseres vorstellen kann, als für umgerechnet zwei Euro fünfzig die Stunde den Empfangswauwau für irgendeine NoName Versicherungsagentur zu geben, um dann ja doch nicht übernommen zu werden? Nö, jetzt hab ich dann halt erstmal keinen Praktikumsplatz und weniger als zwei Euro fünfzig die Stunde in der Tasche. Kann ich meinen Eltern wieder nicht erzählen, dann heißt es gleich wieder, ich hätte mich doch woanders bewerben wollen, wo man auch Karrierechancen hat und wo ich dann halt gleich bleiben kann. Ja, natürlich, meine Eltern denken ja auch, ich werd jetzt irgendwo Angestellte in einer Firma und bleib dann da und das ist dann meine Lebenserfüllung. Süß, oder? Ich weiß, dass du das weißt, aber manchmal muss ich das einfach noch mal laut sagen, um mir der Komik dieser Aussage bewußt zu werden. Oder Tragik, ja, hast ja recht. Wie lange kennen die mich jetzt schon, sechsundzwanzig Jahre, und die denken, ich schalte meine Träume einfach so von jetzt auf gleich ab, bloß weil sie das gerne hätten? Machen deine auch, ich weiß, ist ja auch viel bequemer. Dann muss man sich nicht mit Sorgen Co-Abhängig machen. Wir können ja schon froh sein, dass keiner unser Väter Anwalt oder so ist und erwartet, dass wir seine Kanzlei übernehmen. Dann hätten wir ihnen schon viel früher das Herz brechen müssen. Das Ironische ist nur: Solange man an seinen Träumen nur arbeitet und noch keinen Erfolg damit hat, versuchen se, es einem auszureden; aber sobald man’s dann geschafft hat, dann kommen so Aussagen wie ‚Wir haben’s ja immer gewußt’ und dann wird man plötzlich dafür bewundert, dass man all die Jahre so hart daran gearbeitet hat und sich so verbissen daran festgeklammert. Mann, das kotzt mich manchmal echt an. Weißte, es gibt so Sätze, wenn ich die irgendwo höre oder lese, da könnt ich schon schreien. So Sachen wie ‚Und dann die Haare locker mit Haarnadeln feststecken’ oder halt ‚Denk mal darüber nach, ob es das wirklich Wert ist’. Doch! Das war genau der Satz in genau der Betonung, den ich als erstes gehört habe, als ich mit der Lufthansa-Absage kam. Die wollten gar nicht hören, dass man auch noch woanders ne Pilotenausbildung machen kann, die dann halt verdammt teuer ist, oder dass ich überlege, in die USA zu gehen, weil es dort billiger ist. Den Pilotentraum konnt ich denen nur solange verkaufen, wie er einfach, sicher und schnell zu erreichen war, mit guten Zukunftsaussichten. Pilot bei Lufthansa gleich Prima. Pilotenschein irgendwie woanders machen für teures Geld gleich Drama. Und jetzt hat meine Mama so einen Artikel gelesen von so einer Frau, die da meinte, ein Buch darüber schreiben zu müssen, dass es keine ‚Berufung’ gibt und dass man sich zufriedengeben muss, und dass es keine wirklichen Träume gibt, die es Wert sind, verwirklicht zu werden. Ich meine, hallo? Geht’s noch? Da schreibt die ein Buch drüber? Ja, ja, ist doch absurd! Ich räume ein, dass es Menschen ohne Berufung gibt und Menschen, die vielleicht wirklich keine Träume haben. Aber man kann doch nicht von sich so auf die Allgemeinheit schließen und denjenigen, die eine Leidenschaft haben, die sie verwirklichen müssen, weil sie sonst zugrunde gehen, solche Sachen entgegen schleudern; das ist ja ein Tritt in die Magengrube! Nee, das ist nur Wasser, ich mach mir nen Tee. Such ich halt weiter nach irgendner Teilzeitstelle oder Praktikum – irgendwie muss ich ja das Geld für den Schein zusammenkriegen. Ich dachte, das ist voll easy nach dem Studium, hast’n Abschluss, kriegste schnell einen guten Job, kannst sparen und dann ab Richtung Himmel wo die Sonne immer scheint. Ja, Pustekuchen. Hätt ich mal ne Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht, wie all die anderen Tränen aus meiner Klasse – die haben jetzt einen festen Job, ein gutes Gehalt und vermutlich ne schicke Wohnung und ein Haus in Aussicht. Und einen Mann und zwei Kinder und den obligatorischen Hund und in zwanzig Jahren sitzen se zuhause und halten’s nicht mehr aus, weil ihnen irgendwas fehlt, das sie aber nicht näher greifen können und ach, vielleicht doch ganz gut, dass wir das nicht gemacht haben. Jetzt hängen wir halt mal ne Weile in den Seilen und brauchen Geld von Mama und Papa, um zu überleben. Aber wenigstens arbeiten wir an unseren Träumen und das hält aufrecht. Ich weiß. Und wir schaffen das auch. Und jetzt muss ich Wasser aufgießen und in der neuen Zeitung die Bewerbungsausschreibungen durchgehen. Hauptsache, das Praktikum ist nicht total unterbezahlt; und wenn’s ganz übel kommt hält mich bei der Stange, dass ich das alles nur mache, um von hier wegzukommen. Aber das sagen wir keinem solange es noch nicht soweit ist. Die wollen einem das ja doch nur ausreden und ich hab einfach keinen Bock mehr zu diskutieren. Okay, mach ich. Mach’s gut, ja, wir telefonieren morgen wieder. Dann kannst du mir sagen, wie’s bei dir gelaufen ist. Viel Glück! Alles klar! Tschaui!“

 

Short: Ein wichtiges Telefongespräch

Der erste Teil aus einer Reihe, die ich “Ein wichtiges Telefongespräch” genannt habe; ob es eine Hörspiel- oder eine Theaterstückcollage werden soll, weiß ich noch nicht. Erstmal viel Spaß damit und ein SCHÖNES WOCHENENDE, PEOPLE:

Ein wichtiges Telefongespräch

Person: Eine junge Frau, Anfang zwanzig.

„Hiiiii,! Ich bin’s. Ja, das Seminar ist zu Ende für heut. Mann, hat das lang gedauert, und so öde – als wär’n wir alle nicht imstande eine Haarbürste zu benutzen, geschweige denn jemanden zu frisieren. Hairstylistin, ey, wieso wollt ich das eigentlich mal werden?! Hast ja recht. Was machst du gerade? Oooh, in der Wanne säß ich jetzt auch gerne! Stattdessen Schnee und Scheisskälte hier draußen, weil drinnen Rauchverbot ist. Du, dämmert’s bei dir auch schon? Ich hab das Gefühl hier oben auf dem Berg dämmert es irgendwie früher, ist schon echt dunkel hier. Aber ich wollt dir noch die Story vom Uwe zu Ende erzählen, ne. Wo war ich, ach ja: also, wir auf dieser beschissenen Party zu der ich ja eh nie hingehen wollte, aber wasauchimmer, Uwe mußte ja unbedingt hin, weil da sein Kumpel Metin aufgelegt hat. Ja, genau, der der aussieht wie der jüngere, türkische Bruder von George Clooney, den du am Anfang noch heiss fandest, bis er dann den Mund aufgemacht hat. Natürlich! Erzähl mir doch nichts, du fandest den voll fesch! Ja, aber in den dreißig Sekunden fandest du ihn voll fesch! Klar hat der die angehabt, der geht ohne seine Goldkettchen vermutlich nichtmal duschen. Die Mucke war auch ganz okay, halt irgendwie so’n bißchen orientalisch, aber das ist wohl grad hip in den kleinen Diskos. Und Uwe fährt ja voll auf so was ab, von wegen Mein Türkischer Blutsbruder und so, der findet ja eh alles toll, was Metin macht. Nee, das war nur so’n Ast, da bin ich grad draufgetreten, ich geh hier mal grad’n bißchen weg vom Haupteingang und Richtung Wald, muß ja nicht gleich jeder mithören. Jedenfalls, ist mir auf dieser doofen Party halt echt der Kragen geplatzt und ich wollt Schluss machen, wie wir neulich besprochen hatten, weisste?, und trink mir’n bißchen Mut an, leg mir nen coolen Anfang parat, von wegen ‚Wir passen einfach nicht zusammen, blablah’ und geh so zu ihm hin, Ey, hier ist voll Gestrüpp und so, warte mal, ich bin wo hängengeblieben. Mann, Kackbüsche, voll die Dornen in meiner Jacke, fuck! Na ja, ich also zu dem Uwe hin, ey, ich musst den noch von dieser blondierten Drogeriemarktverkäuferin abkratzen, eh der Arsch sich mal dazu herabgelassen hat in meine Richtung zu gucken! Da will ich dem voll die Meinung sagen, und was macht der blöde Penner? Macht einfach mit mir Schluss! Eh ich noch ein Wort herausbringen kann, macht die abgewedelte Arschgeige vor versammelter Mannschaft mit mir Schluss! Klar, ich hab mich total aufgeregt, und den angeschrieen und ihm natürlich die Riesenszene gemacht, und… Alter! Girlfriend! Da liegt wer! Kein Ahnung, woher soll ich das wissen? Bestimmt irgendein Penner oder ein Drogensüchtiger, von hier erkenn ich nur, dass da wer liegt. Du spinnst wohl, ich geh da doch nicht näher dran. Hallo? Hören Sie mich? Der reagiert nicht.  Egal, wo war ich? Ja: ich mich halt voll aufgeregt, weil ich wollte ja eigentlich mit ihm Schlussmachen und dann macht der mit mir so was! Kannste dir das vorstellen? Ist doch zum Kotzen! Ich wette, das hatte der schon vorher alles geplant gehabt, mit seinem bescheuerten Türkenkumpel, der Metin hat nämlich noch so zufrieden gegrinst, ja, als wär ich hier die Böse gewesen und der Uwe befreit sich nur von mir und meinen schädlichen Einflüssen! Waah, ihh! Der ist tot! Nee, nicht der Metin, der Typ, der da hier so liegt. Der ist ne Leiche. Scheisse! Woher ich das weiß? Der sieht voll leichenmäßig aus, das seh ich sogar im Halbdunkel! Boah und der stinkt! Gut, dass ich mein Deo dabei hab, der kriegt jetzt erstmal ne Ladung ab, ist zwar Frauenduft, aber das kann dem ja eh egal sein. Nee, noch keine Maden, Mann, du bist echt eklig! Ja, der sieht total CSImäßig aus, halt tot. Wie in der einen Folge, wo die auf der Leichenfarm waren, erinnerst du dich? Wo Grissom einen Toten abholen mußte, der da nicht hingehört hat und da ist dieser eine noch nicht verweste Typi – so sieht der aus hier. Nee, ein Mann. Tja, das kann ich nur schätzen, vielleicht Mitte dreißig? War bestimmt mal ganz gut aussehend, wie so ne Mischung aus Prinz William und dem neuen James Bond, nur irgendwie besser und mit dunklen Haaren. Der ist ganz schlammig im Gesicht, warte mal, ich glaub ich hab Taschentücher dabei. Ja, was wenn den einer findet, dann muss der doch sauber sein! Wenigstens, damit man das Gesicht erkennt! Ich mach dem nur grad den Dreck da weg. Na, jedenfalls. Zum Kotzen, der Uwe, echt zum Kotzen. Ich hab dann erstmal geheult. Bin gleich heim und hab mich eingekuschelt und meine alte Kuschelrock CD rauf und runter gehört, bis es besser ging. Guck mal, unter dem Schlamm sieht der gar nicht mal so übel aus, echt besser als Prinz William. Verdammt, den kenn ich! Das ist der Leiter vom Einführungskurs gestern! Deswegen hab ich den nicht mehr gesehen, voll krass! Was, nein! Wenn ich die Polizei rufe, muß ich dich auflegen und dann bin ich ganz alleine hier und dann kann ja wer-weiß-was passieren, ich steh ja mitten im Wald sozusagen! Iiiih! Ich hab den angefasst! Ich hab den angefasst! Ich wollt probieren, ob die dann echt kalt und steif sind, Leichenstarre eben. Ja, total leichenstarr! Gruselig! Ekelhaft! Ja, ich hab ja versucht, dich anzurufen, aber da warst du noch unterwegs und gestern bin ich ja dann gleich früh hierher zu diesem Wochenendseminar. Nee, morgen früh ist noch was und dann sind wir alle gottseidank wieder erlöst und können heim, dann können wir das machen. Aber dem Uwe wein ich nicht noch eine Träne hinterher, da kannste Gift drauf nehmen. Erzähl mir mal, was ihr gestern noch gemacht habt, während ich hier um den rumgehe. Wart ihr noch im Kino? M-hm. Ha, das hätt ich dir gleich sagen können, Hugh Jackmann hin oder her, und wegen der einen Oben-Ohne Szene hätt ich mir den Film nicht über zwei Stunden lang angetan. Echt jetzt? Im Kino? Du Schlampe! Keine Ahnung, ey, frag mich doch nicht so blöd, ich hab den Typen hier schließlich nicht hingeschleift. Das war bestimmt Mord. Und verstehen könnt ich’s auch, das war voll der hohle Angeber, der Typ. So von wegen ‚Meine Haut ist von der spanischen Sonne so braun, nicht vom Asiröster, weil ich so voll der Jetsetter bin und Surflehrer in Santa Fe’ oder so. Ja, dann halt San Francisco, du weißt ja, was ich meine. So, ich hab aufgeraucht, ich geh jetzt schnell wieder rein. Hier draußen frier ich mir noch die Eierstöcke ab, verdammt. Nee du, bis die den finden, bin ich längst hier weg. Ich meld das doch nicht der Polizei, bist du irre? Dann halten die uns hier noch fest von wegen Befragung und so und ich will echt wieder heim, ich bin morgen mit Metin zur Haus-of-House Party verabredet. Okay, mach ich – quatsch, der kann auch total okay sein und alles andere find ich ja dann morgen raus. Und wenn’s Uwe eifersüchtig macht, ist das persönliches Pech. Klar ruf ich dich danach an. Wenn’s ganz schlimm läuft, schick ich dir zwischendurch ne SMS, dann mußt du mich erlösen kommen. Ja, ruf halt einfach an und tu so als ob du meine Mutter wärst und ich müsste voll dringend nach Hause kommen oder so. Okay. Dann bis später, ne. Bye!“

Aufräumen in der Schreibstube. Juchuh…?

Eigentlich sollte ich an meinem Drehbuch weiter schreiben. Aber gerade habe ich so ein kleines Kreativloch erreicht, und weil ich auch keine neuen, sehenswerten Science-Fiction Filme in Reichweite habe, um mich abzulenken, scrolle ich mich so durch meinen Computer und mache eine Bestandsaufnahme.

Mein Harddrive ist brechend voll von Geschichte, Drehbüchern, Romanen, Romananfängen, Ideen, Hörspielen, Theaterstücken, und, und, und.

Ich bin außerdem ein ordentlicher Mensch, und deswegen hat alles einen eigenen Ordner, einen eigenen Unterordner und in ausgedruckter Form dasselbe nochmal.

Wenn ich so weitermache, dann habe ich bis ich dreißig bin bestimmt zwanzig Drehbücher, acht Novellen und etwa hundert andere Schreibseldinge hier herumfliegen (falls sich der werte Leser wundert: so lange dauert das nicht mehr). Meine Enkel werden später in dem ganzen Kram untergehen werden, ich schmeiß ja auch kaum was weg.

Aber die Frage, die mich nachts quält und schlaflos an die Decke starren lässt ist: Was mache ich mit dem ganzen Brimborium?

Wohin mit den Drehbüchern? Was tun mit den Novellen? Wem meine Serienkonzepte vorlegen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.

Vermutlich werde ich sterben, ehe irgendjemand meine Werke liest, und nichtmal posthum veröffentlicht werden, weil meine Kinder, diese undankbaren Blagen, alles in Kartons packen und anzünden werden, damit auf dem Speicher endlich wieder Platz ist.

Dabei ist das meiste sogar ziemlich gut. Verdammt gut, um es mal salopp auszudrücken.

Aber ich kann ja kaum zum nächsten namhaften Verlag gehen, mich zum Chef vorkämpfen und sagen: “Vergessen Sie die ganze Scheiße, die dem deutschen Literaturmarkt das Niveau unterm metaphorischen Allertwertesten wegreisst. Lesen Sie mein Buch und vergießen Sie Tränen der Dankbarkeit!”

Dafür bin ich einfach nicht der Typ.

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Zitat des Tages:

“I am interested in entertaining people, in bringing pleasure, particularly laughter, to others, rather than being concerned with ‘expressing’ myself with obscure creative impressions.”    -Walt Disney (I love you, man, I effing love you.)

Theaterstück: Aus gegebenem Anlaß

Aus gegebenem Anlaß

Ein Theaterstück in einem Akt für neunundneunzig Statisten und eine Sprechrolle

Akt 1 von 1

Der Hörsaal einer großen Universität. Es stehen neunzig ausgefaltete Klappstühle in mehreren, halbrunden Reihen aufgebaut um einen freien Platz, der dem Redner überlassen ist. Die Stuhlreihen sind so aufgebaut, daß sie nahtlos an die Stuhlreihen der Theaterzuschauer anschließen, das heißt, die Statisten sitzen mit dem Rücken zum Publikum, der Redner wird vor den Statisten stehen und ins Publikum blicken.

Noch ist der Saal leer, erst wenn beinahe alle Zuschauer ebenfalls sitzen, beginnt sich der Hörsaal zu füllen. Studenten schlurfen und gehen herein. Stühle werden herumgerückt, Taschen ausgebreitet, das ein oder andere Hallo wird ausgetauscht. Es herrscht der normale Geräuschpegel den Menschen verursachen, wenn sie mehr oder weniger gespannt auf das Eintreten eines Ereignisses warten. Niemand weiß so genau, was verkündet werden wird, der Grund der Versammlung ist nur durch verschiedene, teilweise widersprüchliche Gerüchte bekannt.

Es sind nicht genügend Stühle vorhanden, das wird kurz unter den Studenten thematisiert, dann setzen sich die verbliebenen Stuhllosen auf den Boden.

Schließlich betreten fünf deutlich ältere Personen den Saal und vier davon setzen sich auf extra bereit gestellte Stühle, den Studenten zugewandt. Eine Person bleibt stehen und sieht in die Runde.

 

Redner

„Liebe Studenten. Es freut mich, daß Sie heute so zahlreich zu dieser kurzfristig einberufenen Vollversammlung erschienen sind.

Wie Sie alle mitbekommen haben, befindet sich unser Haus bereits seit einiger Zeit in einer finanziellen Krise. Damit stehen wir natürlich nicht alleine da, nein, deutschlandweit befinden sich die Universitäten in einer prekären Lage!

Da gibt es Vorwürfe vom Staat, die Studenten lernten nicht annähernd genug, seien überqualifiziert, fänden keine Arbeit weil sie zu alt für den Jobmarkt sind, oder kämen nicht zurecht, weil sie zu jung für die Wirtschaftswelt sind. Sie kennen die Debatten, sie sind kaum neu, darum werde ich darauf nicht näher eingehen.

Lassen Sie mich, ehe ich zum Punkt komme, kurz Revue passieren, wie wir hierher gefunden haben.

Ich stehe hier vor einer Ansammlung von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die einen sind bereits im zweiten Universitätssemester, kurz vor dem Abschluß, gehören also noch der früheren Generation derer an, die erst mit drei Jahren eingeschult wurden und nach der neunten Klasse Abitur gemacht haben.

Dann gibt es diejenigen, die schon nach der neuen Bildungsreform mit anderthalb Jahren eingeschult wurden, dafür allerdings bereits nach der achten Klasse Abitur machen konnten, und die sich nun im ersten Hochschulsemester befinden.

Eine breite Kluft, die unsere Universität gut überbrückt möchte ich fast sagen. Wir schlagen gekonnt den Spagat zwischen dem neuen und dem alten Bildungssystem, und darauf sind wir ganz besonders stolz. Unsere Lernangebote sind breit gefächert, Sie haben die Wahl zwischen beinahe zwei verschiedenen Studiengängen. Die Seminare sind altersübergreifend, das Studenten-Dozenten Verhältnis ist mit dreißig Studenten auf einen Dozierenden mehr als ausgewogen – kurzum, hier kommt jeder Student auf seine Kosten!

Die Universität allerdings nicht mehr, es schmerzt mich, dies zuzugeben.

Trotzdem wir in den letzten Monaten zahlreiche Kürzungen eingeführt haben, konnte uns auch die absolute und konsequente Einsparung der Heizkosten durch Abmontieren aller Heizkörper keine schwarzen Zahlen bescheren.

Auch das Entlassen von, Sie wissen es, sechzehn Dozenten im letzten Semester hat sich im Jahresbudget kaum nieder geschlagen.

Letzten Monat mußten wir das Unimaskottchen schlachten, eine schmerzhafte Erfahrung, auch für den wackeren Studenten, der sich für die Übernahme dieser Aufgabe bereit erklärte. Er ist noch in therapeutischer Behandlung, läßt Sie jedoch alle auf diesem Wege grüßen, wie mir sein Wärter vorgestern versicherte.

Und die Untervermietung einiger Seminarräume – nun, ich gebe zu, daß sich dies als keine sonderlich gute Idee herausgestellt hat. Nicht nur, daß der Schützenverein vorletzte Woche versehentlich zwei Professoren erschoß – dies senkte die Verschuldung des Instituts übrigens ebenfalls kaum – auch die Schlachterei im ehemaligen Laboratorium hat sich als kein glücklicher Vertragspartner erwiesen. Besonders die Studenten der Pädagogikkurse beklagen sich zunehmend über die Lärmbelästigung durch die Todesschreie der Tiere.

Einzig die Nutzung der Erdgeschoßräume als öffentliche, kostenpflichtige Garage rentiert sich derzeit. Auch wenn sich die Abgase aufgrund fehlender Luftschächte in den Fluren sammeln, so nehmen wir doch durch die Parkgebühren eine nicht unbeträchtliche Summe ein, ohne die wir den ständigen Bedarf an Kreide und wasserlöslichen Folienstiften kaum decken könnten.

Doch, liebe Studierende, überraschenderweise konnten uns all diese Maßnahmen nicht aus dem finanziellen Tief hebeln, in das wir uns, ich gestehe es, selbst hinein manövriert haben mit dem Einbau des Whirlpools im Dozentenbüro letztes Jahr.

Deswegen mußten nun drastischere Schritte eingeleitet werden.

Wie Sie sehen hat sich hinter mir das noch bestehende Dozentenkollegium versammelt – um Ihnen auf Wiedersehen zu sagen.

Ja, es ist tragisch, doch die Universität kann sich leider keine Angestellten mehr leisten.

Doch keine Sorge, als letzter Verbleibender werde ich mich persönlich dafür einsetzen, daß Sie nicht nur Ihr Studium erfolgreich beenden können, sondern, daß künftig auch mehr Studenten an unsere Universität kommen werden, um wirtschaftlichen Aufschwung zu geben!

Ich bitte Sie, liebe Studierende, hören Sie mich zu Ende an, ehe Sie sich zu Wort melden!

Denn das ist noch nicht alles.

Ich habe das verbleibende Gebäude der Universität an einen namhaften Pharmakonzern untervermietet. Sie werden uns sogar erlauben, zwei Räume sowie Teile der Damentoilette weiterhin zu benutzen, wenn wir uns bereit erklären, Ihnen gelegentlich für Tests zur Verfügung zu stehen. Ich denke, dies läßt sich einrichten und habe bereits eine erste Probandengruppe zusammengestellt. Der Kurs ‚Freier Wille in der kapitalistischen Gesellschaft’ trifft sich morgen um halb neun vor Seminarraum vier zur Blutabnahme.

Doch keine Sorge!

Auch ohne Hörsaal und Dozenten werden Sie Ihren Abschluß bekommen – denn wir werden die erste Universität sein, die von daheim aus absolviert werden kann!

Sie sind alt genug, werte Studierende, daß Sie sich die Informationen, die Sie zum Abschließen Ihrer Fächer benötigen, leicht selbst beschaffen können. Ich denke da an das Internet, aber auch an öffentliche Bibliotheken.

Wenn Sie sich Ihr benötigtes Fachwissen angeeignet haben, können Sie mich montags und mittwochs zwischen 12:56h und 13:16h telephonisch erreichen und ich schicke Ihnen dann per Email Ihr Abschlußdiplom zu, sobald Ihre Gewebeproben im Labor und die Studiengebühren auf meinem Konto eingegangen sind. Einfach und unkompliziert – die Universität der Zukunft! Ich nenne es den ultimativen e-campus!

Es steht Ihnen natürlich frei, zusätzlich eine Ausbildung in der Pharmazie anzufangen – das Unternehmen im Haus ist immer auf der Suche nach jungen Talenten.

Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als mich für heute von Ihnen zu verabschieden. Vielen Dank für die Teilnahme, studieren Sie fleißig weiter – Sie sind die Zukunft unseres Landes!

Wir hören voneinander.“

Er geht ab, und nach ihm löst sich auch die Studentengemeinschaft auf und zieht von hinnen. Nur die vier gefeuerten Dozenten bleiben alleine sitzen bis der Vorhang fällt.