Theaterstück: Aus gegebenem Anlaß
December 4th, 2009 at 7:45 am (Gondolas, Theaterstück)
Aus gegebenem Anlaß
Ein Theaterstück in einem Akt für neunundneunzig Statisten und eine Sprechrolle
Akt 1 von 1
Der Hörsaal einer großen Universität. Es stehen neunzig ausgefaltete Klappstühle in mehreren, halbrunden Reihen aufgebaut um einen freien Platz, der dem Redner überlassen ist. Die Stuhlreihen sind so aufgebaut, daß sie nahtlos an die Stuhlreihen der Theaterzuschauer anschließen, das heißt, die Statisten sitzen mit dem Rücken zum Publikum, der Redner wird vor den Statisten stehen und ins Publikum blicken.
Noch ist der Saal leer, erst wenn beinahe alle Zuschauer ebenfalls sitzen, beginnt sich der Hörsaal zu füllen. Studenten schlurfen und gehen herein. Stühle werden herumgerückt, Taschen ausgebreitet, das ein oder andere Hallo wird ausgetauscht. Es herrscht der normale Geräuschpegel den Menschen verursachen, wenn sie mehr oder weniger gespannt auf das Eintreten eines Ereignisses warten. Niemand weiß so genau, was verkündet werden wird, der Grund der Versammlung ist nur durch verschiedene, teilweise widersprüchliche Gerüchte bekannt.
Es sind nicht genügend Stühle vorhanden, das wird kurz unter den Studenten thematisiert, dann setzen sich die verbliebenen Stuhllosen auf den Boden.
Schließlich betreten fünf deutlich ältere Personen den Saal und vier davon setzen sich auf extra bereit gestellte Stühle, den Studenten zugewandt. Eine Person bleibt stehen und sieht in die Runde.
Redner
„Liebe Studenten. Es freut mich, daß Sie heute so zahlreich zu dieser kurzfristig einberufenen Vollversammlung erschienen sind.
Wie Sie alle mitbekommen haben, befindet sich unser Haus bereits seit einiger Zeit in einer finanziellen Krise. Damit stehen wir natürlich nicht alleine da, nein, deutschlandweit befinden sich die Universitäten in einer prekären Lage!
Da gibt es Vorwürfe vom Staat, die Studenten lernten nicht annähernd genug, seien überqualifiziert, fänden keine Arbeit weil sie zu alt für den Jobmarkt sind, oder kämen nicht zurecht, weil sie zu jung für die Wirtschaftswelt sind. Sie kennen die Debatten, sie sind kaum neu, darum werde ich darauf nicht näher eingehen.
Lassen Sie mich, ehe ich zum Punkt komme, kurz Revue passieren, wie wir hierher gefunden haben.
Ich stehe hier vor einer Ansammlung von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die einen sind bereits im zweiten Universitätssemester, kurz vor dem Abschluß, gehören also noch der früheren Generation derer an, die erst mit drei Jahren eingeschult wurden und nach der neunten Klasse Abitur gemacht haben.
Dann gibt es diejenigen, die schon nach der neuen Bildungsreform mit anderthalb Jahren eingeschult wurden, dafür allerdings bereits nach der achten Klasse Abitur machen konnten, und die sich nun im ersten Hochschulsemester befinden.
Eine breite Kluft, die unsere Universität gut überbrückt möchte ich fast sagen. Wir schlagen gekonnt den Spagat zwischen dem neuen und dem alten Bildungssystem, und darauf sind wir ganz besonders stolz. Unsere Lernangebote sind breit gefächert, Sie haben die Wahl zwischen beinahe zwei verschiedenen Studiengängen. Die Seminare sind altersübergreifend, das Studenten-Dozenten Verhältnis ist mit dreißig Studenten auf einen Dozierenden mehr als ausgewogen – kurzum, hier kommt jeder Student auf seine Kosten!
Die Universität allerdings nicht mehr, es schmerzt mich, dies zuzugeben.
Trotzdem wir in den letzten Monaten zahlreiche Kürzungen eingeführt haben, konnte uns auch die absolute und konsequente Einsparung der Heizkosten durch Abmontieren aller Heizkörper keine schwarzen Zahlen bescheren.
Auch das Entlassen von, Sie wissen es, sechzehn Dozenten im letzten Semester hat sich im Jahresbudget kaum nieder geschlagen.
Letzten Monat mußten wir das Unimaskottchen schlachten, eine schmerzhafte Erfahrung, auch für den wackeren Studenten, der sich für die Übernahme dieser Aufgabe bereit erklärte. Er ist noch in therapeutischer Behandlung, läßt Sie jedoch alle auf diesem Wege grüßen, wie mir sein Wärter vorgestern versicherte.
Und die Untervermietung einiger Seminarräume – nun, ich gebe zu, daß sich dies als keine sonderlich gute Idee herausgestellt hat. Nicht nur, daß der Schützenverein vorletzte Woche versehentlich zwei Professoren erschoß – dies senkte die Verschuldung des Instituts übrigens ebenfalls kaum – auch die Schlachterei im ehemaligen Laboratorium hat sich als kein glücklicher Vertragspartner erwiesen. Besonders die Studenten der Pädagogikkurse beklagen sich zunehmend über die Lärmbelästigung durch die Todesschreie der Tiere.
Einzig die Nutzung der Erdgeschoßräume als öffentliche, kostenpflichtige Garage rentiert sich derzeit. Auch wenn sich die Abgase aufgrund fehlender Luftschächte in den Fluren sammeln, so nehmen wir doch durch die Parkgebühren eine nicht unbeträchtliche Summe ein, ohne die wir den ständigen Bedarf an Kreide und wasserlöslichen Folienstiften kaum decken könnten.
Doch, liebe Studierende, überraschenderweise konnten uns all diese Maßnahmen nicht aus dem finanziellen Tief hebeln, in das wir uns, ich gestehe es, selbst hinein manövriert haben mit dem Einbau des Whirlpools im Dozentenbüro letztes Jahr.
Deswegen mußten nun drastischere Schritte eingeleitet werden.
Wie Sie sehen hat sich hinter mir das noch bestehende Dozentenkollegium versammelt – um Ihnen auf Wiedersehen zu sagen.
Ja, es ist tragisch, doch die Universität kann sich leider keine Angestellten mehr leisten.
Doch keine Sorge, als letzter Verbleibender werde ich mich persönlich dafür einsetzen, daß Sie nicht nur Ihr Studium erfolgreich beenden können, sondern, daß künftig auch mehr Studenten an unsere Universität kommen werden, um wirtschaftlichen Aufschwung zu geben!
Ich bitte Sie, liebe Studierende, hören Sie mich zu Ende an, ehe Sie sich zu Wort melden!
Denn das ist noch nicht alles.
Ich habe das verbleibende Gebäude der Universität an einen namhaften Pharmakonzern untervermietet. Sie werden uns sogar erlauben, zwei Räume sowie Teile der Damentoilette weiterhin zu benutzen, wenn wir uns bereit erklären, Ihnen gelegentlich für Tests zur Verfügung zu stehen. Ich denke, dies läßt sich einrichten und habe bereits eine erste Probandengruppe zusammengestellt. Der Kurs ‚Freier Wille in der kapitalistischen Gesellschaft’ trifft sich morgen um halb neun vor Seminarraum vier zur Blutabnahme.
Doch keine Sorge!
Auch ohne Hörsaal und Dozenten werden Sie Ihren Abschluß bekommen – denn wir werden die erste Universität sein, die von daheim aus absolviert werden kann!
Sie sind alt genug, werte Studierende, daß Sie sich die Informationen, die Sie zum Abschließen Ihrer Fächer benötigen, leicht selbst beschaffen können. Ich denke da an das Internet, aber auch an öffentliche Bibliotheken.
Wenn Sie sich Ihr benötigtes Fachwissen angeeignet haben, können Sie mich montags und mittwochs zwischen 12:56h und 13:16h telephonisch erreichen und ich schicke Ihnen dann per Email Ihr Abschlußdiplom zu, sobald Ihre Gewebeproben im Labor und die Studiengebühren auf meinem Konto eingegangen sind. Einfach und unkompliziert – die Universität der Zukunft! Ich nenne es den ultimativen e-campus!
Es steht Ihnen natürlich frei, zusätzlich eine Ausbildung in der Pharmazie anzufangen – das Unternehmen im Haus ist immer auf der Suche nach jungen Talenten.
Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als mich für heute von Ihnen zu verabschieden. Vielen Dank für die Teilnahme, studieren Sie fleißig weiter – Sie sind die Zukunft unseres Landes!
Wir hören voneinander.“
Er geht ab, und nach ihm löst sich auch die Studentengemeinschaft auf und zieht von hinnen. Nur die vier gefeuerten Dozenten bleiben alleine sitzen bis der Vorhang fällt.